App läuft weiter: Wie die Mobilen Retter in Cham selbst gerettet wurden

Von Johannes Schiedermeier · 7. März 2025 um 05:00

Das Projekt war leise, aber wirksam: 2024 sind die Mobilen Retter 83 Mal zu Notfällen ausgerückt. Sie sind ausgebildete Ersthelfer, die in der Lage sind, die Zeit bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes gut zu überbrücken. Die letzte Schwelle zwischen Studie und Umsetzung hätte den Rettern nun beinahe selbst das Leben gekostet. Es ging – wie so oft – ums Geld.

Am Samstag sollte die App scharf geschaltet werden, über die die Mobilen Retter alarmiert werden. Doch dann leuchteten bei den Organisatoren selbst die Alarmglocken.

Das Messer auf der Brust

Prof. Dr. Carsten Jungbauer und Dr. Julian Hupf, Leiter des Projekts „Mobile Retter“ und der zugehörigen Studie „Regensburger Reanimations-App“, teilten ihren 373 registrierten Rettern im Landkreis Cham mit, dass der Technik-Dienstleister Medgeneering nicht bereit sei, das Projekt weiter über eine Zwischenfinanzierung laufen zu lassen, bis endgültig geklärt sei, wer die Kosten übernimmt. Bisher hatte man die Studie zwei Jahre lang über Spenden finanziert.

Auf die Anfrage unserer Zeitung hin stellte der Geschäftsführer der Medgeneering GmbH, Thorben Ehlers, fest: „Seit Monaten bemühen sich die Verantwortlichen der Medgeneering GmbH um die Aufnahme der Gespräche zur Sicherstellung einer erfolgreichen Vertragsverlängerung.“ Die seien nun für 13. März festgesetzt. Der nächste Satz klingt wie eine Drohung: „Sollte es zu keiner Einigung kommen, müsste das System nach einer ordnungsgemäßen Datensicherung vertragsgemäß abgeschaltet werden.“

Im Uniklinikum Regensburg hatte man eine erste solche Äußerung auch als Drohung aufgefasst: „Man setzt uns das Messer auf die Brust.“ So formulierte es Dr. Jungbauer. Niemand wisse derzeit, ob nach einer solchen Abschaltung des System einfach wieder in Betrieb gehen könne.

Gegenüber unserer Zeitung präzisierte dann auf Anfrage Thorsten Ehlers, dass die Lösung den vertraglichen und gesetzlichen Vorgaben folge, man aber die Daten auf Wunsch einstweilen kostenfrei vorhalten und auch exportieren werde, um sie dem Auftraggeber zur Verfügung zu stellen.

Eine Summe, die für die App notwendig wäre, konnte vor dem Gespräch am 13. März niemand nennen. Allerdings läuft bis dahin auch die Frist aus, die man in der Uniklinik gesetzt hat: „Wir wollen bis dahin die Daten in allgemein lesbarem Format übermittelt bekommen“, so Dr. Jungbauer.

Wieso ist so ein Projekt überhaupt auf Spenden angewiesen? Wieso kümmert sich um so etwas nicht die Politik oder der Rettungszweckverband, dessen drei Landkreise Cham, Regensburg und Neumarkt betroffen sind? Wir haben diese Frage Daniel Weitzer gestellt. Der stellvertretende Geschäftsführer der Rettungszweckverbandes gab zu: „Das hat uns gerade etwas überrollt. Das hatten wir so nicht erwartet.“ Es sei geplant gewesen, das auf einer Verbandsversammlung als sinnvolles Projekt vorzustellen und dann eine Finanzierung zu organisieren. Die Mail der Verantwortlichen habe die Verantwortlichen nun zeitlich überrascht. Weitzer sagt aber auch: „Es gibt ganz aktuell eine klare Ansage der Zweckverbandsvorsitzenden Tanja Schweiger: Wir wollen, dass das weitergeführt wird.“

Inzwischen hat Pressesprecher Hans Fichtl mitgeteilt, dass der Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung (ZRF) davon ausgehe, dass die Effektivität des Systems belegt sei und man eine Weiterführung der Erst-helfenden-Alarmierung sicherstellen werde, und zwar zeitnah und möglichst unterbrechungsfrei. Das organisatorische und personelle Konzept werde innerhalb des Zweckverbandes abgestimmt.

Bei den Mobilen Rettern herrscht riesige Freude. „Das ist ein sehr emotionales Projekt, das eine tolle Gemeinschaft gebildet hat“, berichtet Dr. Jungbauer. An die App seien derzeit in den drei Landkreisen 2252 Ersthelfer angeschlossen. 373 davon im Landkreis Cham. Hier seien auch erstmals 85 öffentlich erreichbare Defibrillatoren kartiert worden.

Eine Frage von Leben und Tod

Landrat Franz Löffler hat zum Thema eine sehr positive Meinung: „„Die Mobilen Retter sind ein Nachbarschaftshilfeprojekt auf höchstem Niveau. Ich habe allergrößte Hochachtung vor dieser Hilfsbereitschaft, gerade wenn es um die Frage von Leben und Tod geht. Was hier in den letzten zwei Jahren aufgebaut wurde, ist meiner Ansicht nach ein Musterbeispiel für gegenseitige Hilfeleistung. Die Mobilen Retter sind letztes Jahr alleine im Landkreis Cham rund hundert Mal ihren Nächsten zur Hilfe geeilt. Nun gilt es gemeinsam im Rettungszweckverband dafür zu sorgen, dass die ehrenamtlichen Helfer weiterhin dort helfen können, wo jede Sekunde zählt.“

Kommentar von Johannes Schiedermeier: Die drei guten Nachrichten

Es ist ein emotionales Thema. Vielleicht nicht in den Ballungsräumen, aber im Landkreis Cham schon. Denn auf dem Lande stirbt sich’s leichter. Hier hat der Rettungsdienst – auch wenn er noch so schnell ist – weite Strecken zu überwinden. Und ganz unerwartet kommt genau hier die gute Nachricht um die Ecke, in Zeiten der Schlagzeilen von Hass, Hetze und Desinformation: 373 Menschen im Landkreis Cham haben sich bereiterklärt, im Bedarfsfall ihren Nachbarn das Leben zu retten. Ehrenamtlich und über eine App 24 Stunden erreichbar.

Und beinahe wären diese Retter in letzter Sekunde über die Klinge gesprungen. Es fehlte Geld. Denn das Projekt war während der zweijährigen Studie über Spendengelder finanziert. Kein Wunder, dass an der Basis Emotionen hochschlugen und Frust drohte.

Und siehe da, es kam eine zweite gute Nachricht um die Ecke. Die Politik und der Zweckverband nehmen sich des Themas an und bringen die Retter an den Start. Und das bringt uns zur dritten guten Nachricht: Weil es noch genügend Menschen gibt, die bereit sind , sich um Menschen zu kümmern, stirbt es sich auf dem Lande wieder ein bisserl schwieriger. Drei gute Nachrichten an einem Tag. Es wird doch nicht noch Licht am Horizont sein?