Furth im Wald: Die ersten Minuten nach einem Unfall können über Leben und Tod entscheiden

Feuerwehr und Rettungsdienste sind zur Stelle, wenn es um Leib und Leben geht. Doch manchmal kann selbst der zügigste Einsatz zu langsam sein. Deshalb wurde die Aktionen „Herzklopfen“ und die „Mobilen Retter“ gegründet.
Was das genau ist, erklärt der Further Hausarzt Dr. Stefan Enderlein, Kreisfeuerwehrarzt und Fachbereichsleiter Ärztlicher Dienst im Landkreis Cham.
Ein Fallbeispiel aus der eigenen Familie: Nach dem Wocheneinkauf beschließt meine 87-jährige Schwiegermutter zusammen mit ihrem Mann noch eine kleine Spazierfahrt durch den Ort zu machen. Plötzlich sackt sie über dem Lenkrad zusammen, der Wagen rollt gegen einen Zaun: Herzstillstand.
Faktor Zeit ist entscheidend
Zufällig ist eine Ersthelferin vor Ort und beginnt sofort mit Wiederbelebungsmaßnahmen. Zweiter Zufall, ein Hausarzt, der nur zwei Häuser weiter wohnt, eilt ebenfalls herbei. Als die Rettungssanitäter eintreffen, ist die Patientin erstversorgt, wird ins Krankenhaus transportiert. Anschließend liegt sie im Koma, wacht nach drei Wochen auf und sitzt heute mit 89 Jahren im Garten auf ihrer Hollywoodschaukel und freut sich ihres Lebens.
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Genau darum geht es, erklärt Enderlein, bei der Herz-Lungen-Wiederbelebung spielt Zeit einen entscheidenden Faktor: „Wenn man sofort mit wiederbelebenden Maßnahmen beginnt, liegt die Überlebenschance bei 90 bis 100 Prozent. Nach nur zehn Minuten sinkt sie auf null Prozent.“
Die Idee daher: „Die Feuerwehren sind sehr dezentral organisiert“, so der Fachbereichsleiter Enderlein. 190 gibt es alleine im Landkreis Cham, also praktisch in jeder kleinen Ortschaft. So ist im Jahr 2022 die Idee gereift, Helfer vor Ort zu installieren, die keine langen Anfahrtswege haben. „Herzklopfen“ war geboren.
23 Mal ist ein Herzklopfen-Team bisher ausgerückt
Feuerwehrleute, die sich an diesem Projekt beteiligen, werden im Notfall über eine Handy-App alarmiert. Maximal drei Personen fahren das Feuerwehrhaus vor Ort an, sind aufgrund der Nähe schnell am Einsatzort und können bei Herzstillstand mit einem automatisierten Defibrillator (AED) überlebenswichtige Ersthilfe leisten. AEDs kennt man aus öffentlich zugänglichen Bereichen. Die kann auch ein Laie im Notfall ganz einfach anwenden. Insgesamt 23 Mal ist ein Herzklopfen-Team bisher ausgerückt. „In einer begleitenden Qualitätsstudie haben wir ermittelt, wie viel Zeit die Kollegen vor Ort schneller sind“, so Enderlein. Ergebnis: Es hat sich ein Zeitvorteil von rund fünf Minuten ergeben.
Derzeit beteiligen sich mit, Arnschwang, Gleißenberg, Großaign, Hiltersried, Hohenwarth, Miltach, Reichenbach, Schönthal, Stamsried, Traitsching und Zandt elf Feuerwehren an der Aktion. In Neukirchen b.Hl.Blut hat sich die Bergwacht der Sache angenommen.
Bayernweites Interesse an Aktion „Herzklopfen“
Um Versicherungsschutz zu gewährleisten, müssen alle Teilnehmer Mitglied der Feuerwehr sein, den Lehrgang „Ersthelfer Feuerwehr“ abgeschlossen haben sowie jährliche Auffrischungskurse zu den Themen Herz-Lungen-Wiederbelebung und Erster Hilfe belegen. Auch wenn Herzklopfen nicht in Cham erfunden wurde, so berichtet Enderlein doch von einem bayernweiten Interesse. „Wir erhalten viele Anfragen zu diesem erfolgreichen Projekt.“ Die Voraussetzungen sind im Chamer Fachbereich Ärztlicher Dienst aber auch ideal.
Seit zehn Jahren bildet man aus, rund 500 Floriansjünger haben bereits an den Kursen teilgenommen. Der ärztliche Leiter sieht dabei auch einen Vorteil darin, dass von der medizinischen Fachangestellten bis hin zum Rettungssanitäter „ein Querschnitt durch das gesamte Rettungswesen mit an Bord ist.“
Ergänzend zu „Herzklopfen“ beteiligt sich der Fachbereich zusammen mit den Landkreisen Regensburg und Neumarkt auch an dem Projekt „Mobile Retter“, das unter anderem mit dem Klinikum Regensburg initiiert wurde. Daran kann auch qualifiziertes und geschultes Personal teilnehmen, das nicht Mitglied der Feuerwehr ist.
Mobile Retter noch schneller
Die Retter, die sich in unmittelbarer Nähe zum Notfall befinden, werden per Handy geortet und können sofort an der Unfallstelle sein. Dem Ganzen liegt das Prinzip der Nachbarschaftshilfe zugrunde. „Ein älterer Mensch ist in Not, ich renne nur über die Straße und kann erste Maßnahmen einleiten“, so Enderlein. Das Herzklopfenteam stößt dann umgehend dazu. Mobile Retter können Kurse bei der Feuerwehr (Dr. Stefan Enderlein) oder beim BRK (Fabian Seebauer) belegen. „Gerade in diesem Bereich könnten wir noch engagierte Menschen gebrauchen“, wirbt der Further Hausarzt für die gute Sache.
