Finanzierungslücke: Mobiler Retter-App droht in der Oberpfalz das Aus

Zu 780 Einsätzen wurden die Ehrenamtlichen innerhalb von zwei Jahren gerufen. Dabei zeigte sich, dass in der Hälfte der Fälle die mobilen Retter schneller als der Rettungsdienst waren. Wertvolle Minuten bei einem Herzstillstand. Doch jetzt sind die Helfer alarmiert. Es fehlt die Finanzierung, um das Netzwerk weiter zu betreiben.
Ein Erfolgsprojekt in der Region steht nach nur zwei Jahren womöglich vor dem Aus: Am vergangenen Freitag haben 2255 Oberpfälzer, die sich als Mobile Retter engagieren, per E-Mail erfahren, dass es keine weitere Finanzierung des Ersthelfer-Konzeptes gibt. Nach 780 Einsätzen, die immer wieder Menschen das Leben gerettet haben, ist die Zukunft des Netzwerkes in den Landkreisen Regensburg, Neumarkt und Cham ungewiss.
Die in Erster Hilfe und lebensrettenden Maßnahmen ausgebildeten mobilen Retter werden per App auf ihrem Smartphone alarmiert, wenn in ihrer nächsten Umgebung ein Mensch in eine lebensbedrohliche Lage gerät. Das Ziel: Noch vor dem Eintreffen der Rettungskräfte mit einer Herz-Druckmassage oder blutstillenden Maßnahmen zu beginnen. Denn bei einem Herzversagen zählt jede Sekunde.
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„Wir verstehen uns als eine Art Nachbarschaftshilfe“, sagen Prof. Carsten Jungbauer und Dr. Julian Hupf. Die beiden Oberärzte am Universitätsklinikum Regensburg haben die sogenannte Reap-Studie (Regensburger Reanimations App) geleitet, um herauszufinden, ob durch den Einsatz von Ersthelfern die Überlebensrate steigt bzw. sich der Grad der neurologischen Folgeschäden verringern lässt. Nachdem diese wissenschaftliche Begleitung Ende Februar ausgelaufen ist, fließen keine Gelder der Deutschen Herzstiftung mehr. Nun bräuchte es dringend ein neues Finanzierungskonzept: Der Einsatz der mobilen Retter-App wird mit zehn Cent pro Einwohner berechnet.
Daten würden gelöscht
„Die Betreiber der App haben uns das Messer auf die Brust gesetzt“, sagt Jungbauer. Anastasia Appelgants von der Betreiberfirma Medgineering versucht die derzeit hoch schlagenden Wogen zu glätten. In der übernächsten Woche werde es ein weiteres Gespräch geben, um doch noch zu einer einvernehmlichen Lösung zu kommen, sagt sie. Die Vertriebschefin betont gegenüber der Mediengruppe Bayern: „Unser Ziel ist eine Einigung, aber auch wir sind gebunden, uns an die Verträge zu halten.“ Im Falle einer Abschaltung müssten sämtliche Daten gelöscht werden. Für Jungbauer wäre das fatal.
Bei den Rettungsorganisationen in der Region ist die Nachricht, dass das Projekt im Feuer steht, mit großem Unverständnis aufgenommen worden. Vor allem in den ländlichen Gebieten gelten die mobilen Retter als hocheffiziente Unterstützung. Unter den Helfern sind engagierte Mitglieder von Feuerwehren und Hilfsorganisationen, die die wertvollen Minuten bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes mit Wiederbelebungsmaßnahmen überbrücken. Jungbauer bestätigt die Effizienz: In 42 Prozent der Alarmierungen waren die mobilen Ersthelfer noch vor den Rettungsdiensten am Einsatzort. „Das heißt, dass in fast der Hälfte der Fälle schneller mit der Reanimation begonnen werden konnte.“ Für die beiden UKR-Mediziner steht schon vor der endgültigen Auswertung der Studie fest, dass ein solches System auch in Zukunft in der Region bestehen bleiben sollte.
Konzept ist eine gute Ergänzung
Das sieht auch der involvierte Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Regensburg (ZRF) so. Auf Anfrage teilte er mit: „Der ZRF bedauert die aktuelle Entwicklung – und hofft, dass dieses wichtige Kooperationsprojekt weitergeführt werden kann. Die etablierten Rettungsketten können so um einen wichtigen Baustein ergänzt werden.“ Im Stadtgebiet von Regensburg, wo die Berufsfeuerwehr Regensburg mit der Integrierten Leitstelle eingebunden ist, wird das Konzept als gute Ergänzung betrachtet, wenngleich die Effekte nicht so ausgeprägt sind, wie im ländlichen Raum. Die Pressestelle schreibt: Die nach dem Bayerischen Rettungsdienstgesetz geforderten Hilfsfristen würden nicht verkürzt. „Der Rettungsdienst ist genauso schnell wie sonst auch am Einsatzort.“
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Auch Jungbauer betont, dass sich durch den Wegfall der Retter-App nicht das Rettungswesen insgesamt verschlechtern werde. „Es geht um einen zusätzlichen Aspekt der Hilfe, der jetzt auf der Kippe steht.“
Spendenaktion läuft weiter
In anderen Regionen, wo die App ebenfalls zum Einsatz kommt, nehmen laut Jungbauer Zweckverbände und politische Akteure die Fäden für eine Finanzierung in die Hand. Eine Spendenaktion in der Oberpfalz habe nicht die erhoffte Unterstützung gebracht. Tobias Kiefl, bereits mehrfach alarmierter mobiler Retter in Cham, sagt: „Alle Retter sind mit Herzblut dabei. Ich frage mich: Ist ein Menschenleben keine zehn Cent wert?“
Spendenkonto: Verein zur Förderung App-basierter Ersthelfer-Alarmierung e.V.DE23 7505 0000 0027 7584 65