442 Menschen aus dem Landkreis Neumarkt sind zur Stelle, wenn Nachbarn Hilfe brauchen

Von Franziska Mahler · 21. März 2024 um 17:00

Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand zählt jede Sekunde. Doch vor allem in ländlichen Regionen kann es manchmal dauern, bis ein Krankenwagen eintrifft. Daniel Kaldonek (47) und Mara Kahr (22) aus Pyrbaum engagieren sich deshalb als Mobile Retter.

Mehr als 50000 Menschen erleiden in Deutschland jährlich einen Herz-Kreislaufstillstand – nicht in einer Klinik, sondern Zuhause, unterwegs oder auf der Arbeit. Und die Überlebenschance sinkt nach Angaben der Mobilen Retter mit jeder Minute, in der keine Herzdruckmassage erfolgt.

Carsten Jungbauer ist einer der Koordinatoren des Projekts der Mobilen Retter. Er ist Oberarzt für Innere Medizin, Kardiologie und Rhythmologie am Universitätsklinikum Regensburg. Durch ein Netzwerk von qualifizierten Ersthelfern soll eine „ultimative Nachbarschaftshilfe“ entstehen, so Jungbauer. Der Mobile Retter soll schnell vor Ort sein und die Zeit, bis der Rettungsdienst kommt, überbrücken. Dadurch gebe man den Betroffenen „eine Chance auf Leben“.

Leitstellengebiet Regensburg: Einführung begann ab 2021

In Pyrbaum versuchen Kahr und Kaldonek im Ernstfall Leben zu retten. Die Kindergärtnerin und der Außendienstler kennen sich von der Feuerwehr. 2020 machte Kaldonek neben seinem Job eine Ausbildung zum Rettungssanitäter beim BRK. Darüber erfuhr er vom System der Mobilen Retter. Für den Landkreis Neumarkt und Cham wurde es im Dezember 2022 eingeführt, in Stadt und Landkreis Regensburg schon 2021. In Deutschland gebe es das System vereinzelt seit 2014, so Jungbauer.

Kaldonek und Kahr mussten nicht lange überlegen, ob sie sich registrieren. „Man verfolgt das gleiche Ziel wie bei der Feuerwehr: Menschen helfen. Und das eine weitere Möglichkeit“, sagen sie. Das nötige „Helfersyndrom“ hätten beide. Sie zählen nun zu rund 442 Mobilen Retter im Raum Neumarkt. Im gesamten Leitstellengebiet Regensburg gibt es insgesamt 2010 ehrenamtliche Retter, so Jungbauer.

Um Mobiler Retter zu werden muss man über 18 Jahre alt sein und mit dem medizinischen Rettungssystem verbunden sein. Das heißt: Ein einfacher Erste-Hilfe-Kurs reicht nicht. Kahr und Kaldonek sind durch ihren Einsatz bei der Feuerwehr geeignet. Außerdem in Frage kommen zum Beispiel Mitglieder der Wasserwacht oder Pflegepersonal, sagt Jungbauer.

Geringer Aufwand, um zu helfen

Bevor man einsatzbereit ist, muss man noch eine Schulung zum Mobilen-Retter-System und ein Reanimationstraining absolvieren. Das Gute: Es dauert nicht lange. Im Fall der Pyrbaumer fand die Schulung an einem Abend statt. „Der Aufwand, um zu helfen, ist gerning“, sagt Kahr.

Bisher wurden die beiden jeweils einmal alarmiert. Und das läuft so: Die Mobile-Retter-App ist auf ihrem Handy ständig im Hintergrund aktiv. Geht ein Notruf wegen eines Herz-Kreislauf-Stillstandes bei der Leitstelle ein, ortetet die App sie. Sind sie nah dran, werden sie alarmiert. Grundsätzlich würden immer drei Mobile Retter benachrichtigt werden – einer davon holt, falls in der Nähe vorhanden, einen Defibrillator.

Bereitschaft kann auch pausiert werden

Das Handy gibt einen lauten Signalton ab und man kann auswählen, ob man den Notfall annimmt oder nicht. Wenn nicht, wird der nächste Mobile Retter alarmiert. Nimmt man an, bekommt man die genaue Wegbeschreibung zum Einsatz. Wenn man mal keine Zeit hat, sei das kein Problem: Man kann seine Bereitschaft in der App jederzeit pausieren.

Kahrs erster Einsatz war ein Herz-Kreislauf-Stillstand in Pyrbaum. Sie erinnert sich noch, dass es damals stark geschneit hat. Die 22-Jährige nahm ihren Papa, der sich ebenfalls als Mobiler Retter engagiert, mit. Sie begann sofort mit der Herzdruck-Massage. Die Zeitspanne bis der Rettungswagen kam, habe sich ewig angefühlt – vermutlich auch wegen der Wetterverhältnisse. Der ältere Mann verstarb später im Krankenhaus, sagt Kahr. Auch bei Kaldoneks Einsatz hat die Betroffene nicht überlebt.

Damit müsse man leider rechnen. Aber: „Man kann nichts falsch machen. Man kann in so einer Situation nur helfen“, sagen die beiden. Angehörige wüssten wahrscheinlich oft gar nicht, dass vor ihrer Tür gerade Mobile Retter aus der Nachbarschaft stehen. Sie seien einfach froh, dass schnell jemand da ist, so Kaldonek. Jungbauer betont, dass man noch weitere Mobile Retter brauche – vor allem im ländlichen Raum. „Jede Sekunde und jeder Retter zählt.“

Unterschied zum First Responder und Kontaktdaten

First Responder/HvO: Hannes Raithel aus Postbauer-Heng ist Berufsfeuerwehrmann in Ingolstadt. Ehrenamtlich engagiert er sich beim BRK und ist einer der Ansprechpartner der Mobilen Retter im Landkreis Neumarkt. Die Arbeit der Mobilen Retter sei von der der First Responder beziehungsweise der Helfer vor Ort (HvO) abzugrenzen, sagt er. Beides sind ehrenamtliche Dienste und eine Ergänzung zum Rettungsdienst. First Responder und HvO sind eine Kooperation des BRK und der Feuerwehr. Die notfallmedizinische Ausbildung von 80 Stunden sei aber deutlich umfangreicher als die der Mobilen Retter, so Raithel. Die Ehrenamtlichen sind an einem der drei Standorte Seubersdorf, Lauterhofen oder Dietfurt eingesetzt. Zum Einsatz kommen sie nicht nur bei Herz-Kreislauf-Stillständen wie die Mobilen Retter, sondern immer dann, wenn sie schneller am Ort eines Notfalls sind, als der Rettungsdienst. Ausgestattet seien sie wie ein kleiner Rettungswagen, so Raithel.

Rettungskette: Bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand im Raum Neumarkt trifft im Normalfall zuerst ein Mobiler Retter ein und dann übernimmt ein First Responder/HvO. Dieser wird schließlich vom Rettungsdienst und Notarzt abgelöst.

REAP-Studie: Die Abkürzung steht für Regensburger Reanimations App, heißt es auf der Homepage der Mobilen Retter. Die klinische Studie begleite das Projekt wissenschaftlich. Ziel sei, die Wirksamkeit, also die signifikante Verbesserung der Überlebenschancen bei Herz-Kreislaufstillständen, für das Smartphone-basierte Ersthelfersystem nachzuweisen.

Kontaktdaten: Menschen, die sich für den ehrenamtlichen Dienst als Mobiler Retter interessieren, können sich per Mail an mobile.retter@ukr.de wenden oder unter (0941)944 17244 anrufen. Auf der Internetseite www.mobile-retter-regensburg.de findet man zusätzliche Informationen zum System und zur begleitenden Studie.