Chip-Industrie in Bayern: „Ohne Halbleiter funktioniert modernes Wirtschaften nicht mehr“

Der Wahloberpfälzer Jörg Schulze ist einer der führenden Halbleiter-Experten Deutschlands. Im Interview mit der Mediengruppe Bayern erklärt er, warum die Chip-Industrie so wichtig für die Bundesrepublik ist. Und wieso es sinnvoll wäre, dass auch hierzulande Siliciumchips für Computer, Smartphones und Co hergestellt werden.
In einer Studie der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft aus dem Dezember heißt es, die Halbleiterindustrie sei für Bayern „von unschätzbarem Wert“. Herr Professor Schulze, wieso ist die Branche so wichtig?
Jörg Schulze: Denken Sie an die Chipkrise während der Corona-Pandemie. Da standen zum Beispiel plötzlich die Bänder in den Autowerken still. Und warum? Weil die Halbleiter nicht mehr kamen. Da wurde den Leuten zum ersten Mal klar, wie essenziell die klitzekleinen Chips sind. Denn Sie wissen ja, wenn in Deutschland bei den Autobauern die Produktion nicht läuft, dann sind wir im Panikmodus.
Damals war ja nicht nur die Autoindustrie betroffen.
Schulze: Das stimmt. Chips sind mittlerweile überall drin: in Waschmaschinen, in Kaffeeautomaten, in Autos sowieso, in sämtlichen elektronischen Dingen, in allen Robotern. Die gesamten KI-Neuerungen basieren auf Chips. Ohne Halbleiter gibt es keine modernen Produkte, ohne Halbleiter funktioniert modernes Wirtschaften nicht mehr. Wer also keinen Zugang zur weltweiten Halbleiter-Wertschöpfung hat und ein modernes Industrieland sein will, guckt in die Röhre.
Was bedeutet das konkret für Deutschland?
Schulze: Es ist immens wichtig, dass wir Bestandteil eben dieser globalen Wertschöpfung sind. Das, was wir dabei selbst herstellen können, sollten wir auch selbst herstellen und hier durchaus weiter investieren.
Ist das Ziel dann eine vollkommen unabhängige Halbleiterindustrie?
Schulze: Das geht nicht. Kein Land hat selbst alle Technologien in der Hand, um selbst autark alle notwendigen Chips herzustellen. Auch China oder die USA nicht. Vieles wird zum Beispiel mittlerweile in Taiwan produziert. Aber ohne die Carl Zeiss AG aus Baden-Württemberg funktioniert das für die Herstellung von Siliciumchips notwendige Lithografie-Verfahren des niederländischen Unternehmens ASML nicht. Und ohne das geht auch in Taiwan gar nichts. An diesem Beispiel sehen Sie, dass wir trotzdem elementarer Bestandteil der gesamten Wertschöpfungskette sind, auch wenn wir die Siliciumchips nicht selber herstellen.
Wäre es denn sinnvoll, dass in Deutschland Siliciumchips hergestellt werden?
Schulze: Die geplatzte Intel-Ansiedlung in Magdeburg war ja ein Versuch die Produktion wieder zurück in unser Land zu holen. Manche fanden das eine völlig doofe Idee, andere fanden es gut. Wären wir eine „Friede, Freude, Eierkuchen“-Welt geblieben, hätte das tatsächlich keinen Sinn ergeben. Dann wäre es abwegig, die Chips nicht von Taiwan herstellen zu lassen, wenn die es doch gut können. Mittlerweile ist die geopolitische Situation aber eine andere. Taiwan wird von China bedroht. Wir sollten uns deshalb gut überlegen, ob wir nicht versuchen, gewisse Teile der Produktion wieder nach Europa zu holen.
Es gibt ja auch andere Halbleiter als Siliciumchips. Wie sieht es denn da aus?
Schulze: Bei Verbindungshalbleitern, die aus mehreren Materialien bestehen, sind wir eine der führenden Technologienationen der Welt. Infineon ist zum Beispiel Weltmarktführer bei Halbleitern für die Automobilindustrie und bei Leistungshalbleitern. Beim Thema Sensorik ist auch Bosch zu nennen. Wenn man also die klassische Mikroelektronik für Computer, Smartphones und so weiter ausklammert, ist Deutschland eine der weltweit wichtigsten Halbleiternationen. Und da ist bei uns auch noch genügend Produktion da. Die muss aber auch im Land bleiben, wenn wir weiter ein wichtiger Industriestandort bleiben wollen.
Ein Problem dabei könnte allerdings der Fachkräftemangel sein, oder?
Schulze: Das stimmt. Meiner Meinung nach haben wir es mit der Akademisierung unseres Landes ein bisschen übertrieben. Wenn mittlerweile so gut wie jeder auf eine Hochschule geht, brauchen wir uns nicht wundern, dass unser Handwerk und unsere Fachberufe leerlaufen. Wir haben selber dafür gesorgt, dass wir da jetzt in die Röhre gucken. Wir können aber nicht das Rad zurückdrehen. Deshalb brauchen wir Angebote, die Menschen von der Hochschule wieder zurück in die Facharbeit führen. Aktuell kreieren wir in Erlangen zum Beispiel ein Verbundstudium, bei dem man sowohl den Bachelor Elektrotechnik mit Schwerpunkt Mikroelektronik bekommt als auch die IHK-Ausbildung zum Mikrotechnologen.
Sie sprechen den Ausbildungsberuf an. Die einzige Berufsschule für Mikrotechnologen in Bayern ist in Regensburg. Das wirkt jetzt nicht so, als wäre der Beruf sonderlich beliebt.
Schulze: Wir sind leider wahnsinnig abgestürzt. Als viel nach Asien verlagert wurde, haben alle gedacht, Mikrotechnologen braucht es nicht mehr. Das stimmt nicht. Jetzt haben wir aber natürlich das Problem, dass den Beruf niemand auf dem Radar hat. Das gilt aber eigentlich für das ganze Feld der Mikroelektronik.
Wie meinen Sie das?
Schulze: Das Thema Halbleiter ist so oft in der Presse. Eigentlich müsste da ein Bewusstsein dafür da sein. Die Jugend weiß, dass in Deutschland Autos hergestellt werden. Oder irgendwelche Maschinen oder Haushaltsgeräte. Das ist alles sichtbar. Aber es wird ausgeblendet, dass es Halbleiter braucht, damit das alles funktioniert. Deswegen kommt auch niemand zu mir in die Vorlesung und sagt mir, dass er schon seit mehreren Jahren den Wunsch hat, Mikroelektronik zu studieren. Und wenn das bei dem Studiengang schon so ist, wer soll dann auf die Idee kommen, den Ausbildungsberuf zu wählen? Auf TikTok sind Mikroelektroniker und -technologen leider unterrepräsentiert. Wir brauchen neue Formate, um den Jugendlichen klar zu machen, warum es Sinn macht, das zu studieren oder in die berufliche Ausbildung zu gehen. Da haben wir in der Branche noch viel Arbeit vor uns.
Über Jörg Schulze
Professor Jörg Schulze leitet seit September 2021 das Fraunhofer-Institut für Integrierte Systeme und Bauelementetechnologie IISB. In Personalunion ist er Inhaber des Lehrstuhls für Elektronische Bauelemente an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Der Physiker und Elektrotechnik-Ingenieur ist seit Ende 2023 zudem Sprecher des bayerischen Halbleiter-Netzwerks „Bavarian Chips Alliance“. Geboren und aufgewachsen ist Schulze in Leipzig. Seit seiner Berufung nach Erlangen lebt der 52-Jährige mit seiner Frau im Landkreis Neumarkt in der Oberpfalz.
