Mit KI gegen den Cocktailparty-Effekt: Moderne Hörgeräte sind kleine Technikwunder

Von Lorenz Nix · 3. März 2025 um 09:33

Hörgeräte verschwinden nach und nach aus der Tabu-Ecke. Einen Anteil daran hat die technische Weiterentwicklung. Moderne Systeme erkennen sogar Notfälle. Zum Tag des Hörens am Montag, 3. März, erklärt der Präsident der Bundesinnung der Hörakustiker, Eberhard Schmid aus Regensburg, was heutige Hörgeräte noch alles können.

Oscar-Preisträgerin Halle Berry, der frühere bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein, Rallye-Legende Walter Röhrl aus Regensburg oder das Moderatoren-Urgestein Thomas Gottschalk − alle haben eines gemeinsam: Sie tragen ein Hörgerät. Und, was vor einigen Jahrzehnten noch ungewöhnlich gewesen wäre: Sie sprechen in der Öffentlichkeit darüber. Schlechtes Hören ist heute meist kein Tabu mehr und kämpft sich Schritt für Schritt aus der Stigmatisierung. Dazu trägt auch die technische Weiterentwicklung von Hörsystemen bei – Stichwort KI. Auch der berühmt berüchtigte Cocktailparty-Effekt lässt sich so in den Griff bekommen.

Cocktailparty-Effekt führt zu Frustration und Enttäuschung

Diese Hörsituation, bei der viele verschiedene Stimmen und Hintergrundgeräusche vorhanden sind, führt bei vielen Trägern von Hörhilfen regelmäßig zur Frustration. Auch Freunde und Angehörige sind dann mitunter enttäuscht – zum Beispiel weil manche Hörgeräteträger dann keinen Gefallen mehr an großen Familienfeiern finden. Der Hintergrund des Problems ist schnell erklärt: Anders als das menschliche Ohr verstärkt das Hörgerät nicht nur die Stimme der Person, mit der man sich gerade unterhält. Auch Störgeräusche werden durch das System lauter geregelt. Für Träger von Hörgeräten ist das mitunter wahnsinnig anstrengend.

Aber der technische Fortschritt lässt grüßen: „Künstliche Intelligenz ist hier eine tolle Geschichte“, sagt Eberhard Schmidt. Der Regensburger ist Präsident der Bundesinnung der Hörakustiker. Der Mediengruppe Bayern zeigt er anlässlich des heutigen weltweiten Tag des Hörens in einer der Filialen seines Unternehmens „Das Hörhaus“, das er mit mehreren Partnern führt, ein modernes Hightech-Hörgerät. Es bestehe aus etwa 1,2 Milliarden Bauteilen, sagt Schmidt. Der vorher trainierte KI-Mikrochip leiste 700 Millionen Rechenoperationen in der Sekunde und habe 22 Millionen Hörsituationen hinterlegt. „Wenn der merkt, ich habe einen Cocktailparty-Effekt, dann wird der bestmögliche Algorithmus eben hier im Hörgerät aktiv“, erklärt der Bundesinnungs-Chef.

Eberhard Schmidt aus Regensburg: Kunden sind begeistert

Das System erkennt dann Entfernung und Position der primären Sprachquelle und kann diese verstärken, aber beispielsweise auch mit Hilfe von KI deutlicher machen. Gleichzeitig werden Störgeräusche, beispielsweise Gläserklirren oder Besteckklappern, weitestgehend ausgeblendet. Tun muss der Träger des Hörgeräts dafür nichts. Er kann aber auch selbst aktiv werden, um mehr aus seinem System herauszuholen. Die Kunden seien begeistert, wenn man ihnen sagt, dass sie ihr Hörgerät ganz einfach mit dem Fernseher verbinden könnten, sagt Schmidt. Auch das Messen der Pulsfrequenz beherrschen moderne System. Oder sie erkennen, wenn der Träger gestürzt ist und rufen automatisch einen Notfallkontakt an.

Ein Vorteil dabei ist: Mittlerweile sind es die Babyboomer, die den Hauptteil der Neukunden in den Geschäften der Hörgeräteakustiker ausmachen – eine Smartphone-Generation. Entsprechend erkennen sie schnell den Nutzen, den die Kombination Handy-Hörsystem bieten kann. „Etliche Kunden sind total begeistert“, sagt Schmidt.

Auch der US-Riese Apple ist schon eingestiegen

Klar ist schon lange, dass die Zahl der Hörgeräteträger in Zukunft steigen wird. Die Hauptursache dafür ist der demografische Wandel. Es könnte aber auch sein, dass Menschen in Zukunft auf die Systeme setzen, weil sie auch mit nur schwachem oder sogar ohne Hörverlust teilweise das Leben einfacher machen. „Beides vermengt sich ein bisschen“, sagt Schmidt. Er glaubt, dass auch der Markt darauf reagieren wird. Bereits jetzt gibt es vom US-Tech-Giganten Apple In-Ear-Kopfhörer mit Hörgerätefunktion. Und auch große Hersteller von Hörsystemen sind in dem Bereich schon aktiv geworden.

Das alles führt dazu, dass schlechtes Hören und das dann notwendige Tragen von Hörgeräten mittlerweile oft kein Tabu-Thema mehr ist. Vor allem Jüngere schrecken aber auch heute noch vor helfenden Systemen zurück. Zu sehr haftet das Image daran, dass sie nur etwas für alte Leute seien. Aber auch hier tut sich etwas: Dem deutschen Webvideoproduzenten Levi Penell folgen auf den Social-Media-Plattformen Tiktok und Instagram jeweils Hunderttausende Menschen. Dort spricht der 25-Jährige immer wieder offen über seine Hörgeräte – und deren Vorteile: „Egal, wo du bist, du hast immer eingebaute Kopfhörer dabei“, freut er sich beispielsweise in einem Video.

„Das Hörhaus“-Chef: Wettbewerb um Nachwuchs ist hoch

Um immer mehr Menschen mit Hörgeräten zu versorgen, braucht es aber auch eine entsprechende Infrastruktur. Aktuell gebe es flächendeckend Fachgeschäfte, sagt Hörakustikermeister Eberhard Schmidt. Allerdings werde das weitere Wachstum herausfordernd. Auch hier schlägt der demografische Wandel zu. „Der Wettbewerb um Nachwuchs ist hoch“, sagt Schmidt. Dabei sei der Beruf als Hörakustiker durchaus ein zukunftsträchtiger Job. Und er verbinde Medizin, Technik und auch Soziales, so Schmidt. „Das sind Themen, über die wir versuchen, die jungen Menschen abzuholen.“

Eberhard Schmid aus Regensburg ist Präsident der Bundesinnung der Hörakustiker. Foto: Nix