Millionen Bundesbürger brauchen ein Hörgerät – die werden immer besser

Von Bernhard Fleischmann · 6. Juni 2023 um 19:00

Hörakustiker sind stark gefragt. Denn die Boomer kommen nun in ein Alter, in dem das Gehör stark nachlässt. Viele Menschen gehen allerdings zu spät zum Hörakustiker, sagt der Regensburger Eberhard Schmidt. Er ist neuer Präsident der entsprechenden Bundesinnung – und gibt Tipps.

Eberhard Schmidt führt 27 Fachgeschäfte in und um Ostbayern, von Straubing bis Neumarkt. Seit März vertritt er als Präsident der Bundesinnung der Hörakustiker noch viel mehr Menschen und Unternehmen der Branche: 2700 Unternehmen mit zusammen 7250 Fachgeschäften zählen auf die Expertise, das Verhandlungsgeschick und das Netzwerk des Regensburgers.

Bedarf an Hörhilfen wächst stetig

Um mangelnde Nachfrage brauchen sich Schmidt und seine Kollegen am allerwenigsten sorgen. Denn der Bedarf an Hörhilfen wächst stetig. Das liegt an einer ganzen Reihe von Faktoren: „Die Demografie spricht eine klare Sprache“, sagt Schmidt. Immer mehr Ältere ergeben automatisch immer mehr Schwerhörige. Branchenerkenntnisse besagen, dass in Deutschland rund sechs Millionen Menschen als schwerhörig gelten. Etwa 3,7 Millionen von ihnen nutzen ein Hörgerät. Das bedeutet: „Sehr viele Menschen bräuchten ein Hörgerät, nutzen aber keines.“

Die Boomer wollen gut hören

Viele haben schlicht keines, aber eine ganze Reihe von Betroffenen lässt das Gerät in der Schublade liegen, weil sie damit nicht zurechtkommen. Früher war das rund ein Viertel der Patienten. Ein bekanntes Phänomen, das aber, so sagt Schmidt, nachlässt. Mit ein Grund: Die Boomer-Generation, die im entsprechenden Alter angekommen ist, sei aktiver als die Generationen davor. Für diesen Lebensstil müsse man gut hören, um teilhaben zu können.

Die größte Herausforderung ist nach Erkenntnissen des Fachmanns nicht mehr der optische Makel. Große Briketts hinterm Ohr gehörten der Vergangenheit an. Die Geräte seien heute sehr viel kleiner, unauffälliger und komfortabler. Das größte Problem bestehe darin, dass viele Menschen allzu lange mit der Hörhilfe warten. „Viele Menschen sind stark hörentwöhnt und verlieren dann bald die Motivation.“ Wer jahrelang schon kein Vogelgezwitscher mehr vernommen habe, sei schnell mit dem guten Hören überfordert und gestresst. Rund sieben Jahre dauere es, ehe ein Hörschwacher beim Hörakustiker vorstellig werde. Je länger man wartet, umso schwieriger wird es. „Dann dauert es ca. ein Jahr, bis er zufrieden ist“, weiß Schmidt. Der Umgang will gelernt werden, Feinanpassungen sind nötig. Es gibt Audiotherapeuten bei den Hörgeräteakustikern, die darauf spezialisiert sind, bei der Gewöhnung zu helfen.

Die Bandbreite an Hilfen ist enorm gewachsen, erklärt der Innungspräsident. „Das geht bis hin zu Implantaten bei starker Schwerhörigkeit.“ Schon bei der Diagnose gebe es große Fortschritte, etwa um bei Kindern frühzeitig Schwerhörigkeit zu entdecken.

Was Hörgeräte heute alles können

Binnen 15 Jahren habe sich seinen Angaben zufolge die Zahl der eingesetzten Hörgeräte verdoppelt. Die Geräte können sündteuer sein, mehrere Tausend Euro sind schnell erreicht. Fast die Hälfte (40 bis 45 Prozent) gehe aber ohne Aufzahlung an den Patienten, sagt Schmidt. Das seien „schon sehr gute Produkte“, versichert der Experte. Allerdings zahle die Krankenkasse die Batterieversorgung nicht. Wer zusätzlich – auch stattliche Summen – investiere, erhalte dafür vor allem mehr Komfort; beim Laden etwa, bei der Verknüpfung mit Fernseher oder dem Smartphone, die obendrein eine Ferndiagnostik erlauben könne. Es gebe Systeme, welche ähnlich einer Smartwatch die Gesundheit des Trägers überwachen (zum Beispiel die Pulsfrequenz).

Für die Hörgeräteakustiker summiert sich all das zu einem reichen Betätigungsfeld. Hinzu kommen CAD-gestützte Fertigungen von Geräteteilen, um exakt an den Träger angepasst zu sein. Auch Gehörschutz und In-Ohr-Monitoring für Musiker gehört zum Angebot der Hörgeräteakustiker.

„Der Branche geht es gut“, bestätigt Schmidt. Allerdings – Fachkräfte fehlten auch hier, obwohl die Betriebe mit 20 Prozent der Beschäftigten eine sehr hohe Ausbildungsquote aufwiesen. Rund die Hälfte der Azubis habe Abitur. Die Berufsschule befindet sich in Lübeck, dort kann man auch Hörakustik studieren.

Die Branche wächst

Schmidts Prognose zufolge werde die Branche wachsen – mehr Hörsysteme, mehr Geschäfte, mehr Personal. Stellt sich die Frage, wer es bezahlt. Der Regensburger Geschäftsmann, bereits seit 2016 Vorstandsmitglied der Bundesinnung, führte die jüngsten Verhandlungen mit den Ersatzkassen. 15 Monate dauerten diese, „es war intensiv“, man wurde sich nicht einig und brauchte ein Schiedsverfahren. Die Schiedsperson war der Jurist Professor Thorsten Kingreen aus Regensburg. Es ging um die Preise für die Hörgeräte, die Dienstleistungen (mit dem Gerät ist eine sechs Jahre währende Pauschale festgelegt) und anderes mehr.

Der Regensburger Eberhard Schmidt ist Präsident der Bundesinnung der Hörakustiker