Kontroverse Denkmal-Entscheidung: Kein Windrad soll die Ruhe im Thiergarten stören

Paul Wiethaler schwimmt gegen den Strom. „Ein Windrad ist für mich was Schönes“, sagt der Bauingenieur und Umweltschützer, sie seien effiziente, saubere Stromlieferanten. Etwas noch Schöneres ist für ihn aber der Thiergarten bei Wiesent (Landkreis Regensburg), das alte Jagdgebiet des Fürstenhauses Thurn und Taxis im Forstmühler Forst.
Deswegen lobt Wiethaler die Entscheidung des Landesamts für Denkmalpflege, einen strikten Radius von zehn Kilometern um die Walhalla zu ziehen, in dem keine Windräder errichtet werden sollen. Gegen diesen Radius ist zuletzt im nördlichen Landkreis Kritik laut geworden, CSU-Landtagsabgeordneter Patrick Grossmann hätte sich zumindest mehr Spielraum gewünscht.
Zauber dank Zusammenhang
Wiethaler hält die Einschätzung des Denkmalpflegeamts in diesem Ausmaß, das den Kreuther und den Forstmühler Forst so gut wie vollumfänglich einschließt, für genau richtig. Denn den Zauber dieses Waldgebiets mache gerade die Tatsache aus, dass es nicht unterbrochen werde. Seit 2013 setzt er sich für den Erhalt des Thiergartens in seiner bis heute bewahrten Form ein. Auslöser waren die Steinbruch-Pläne am Rauhenberg, allein gegen Granit-Ausbeutung stellt sich Wiethaler aber nicht: „Ich will erreichen, dass der Thiergarten frei bleibt von Infrastrukturprojekten.“
Forst kommt allen zugute
Der Thiergarten ist Teil der Thurn-und-Taxis-Forsten und diente als eingezäuntes Jagdgebiet. Nun will das Fürstenhaus ihre Wälder für Windkraftanlagen zur Verfügung stellen. Die Sauerstoffproduktion und der Erholungswert seien aber Allgemeingut der Gesellschaft. „Ich glaube nicht, dass eine Großstadt wie Regensburg auf so etwas verzichten kann“, sagt Wiethaler. Er rechnet mit einem Einzugsgebiet von 350.000 Menschen, die das Naherholungsgebiet nutzen können.
Aufgewachsen ist Wiethaler im Landkreis Landshut in Essenbach. Im Gemeindeteil Ohu steht dort das Atomkraftwerk Isar – zurück zur Kernenergie ist für Wiethaler schon aus eigenem Erleben keine Lösung. Vielmehr müsse man Sparsamkeit lernen, um grundsätzlich weniger Energie erzeugen zu müssen. Dann herrsche auch keine Not, große Windparks zu errichten, meint Wiethaler mit Verweis auf den Südostlink, der unweit seines Hauses in Ettersdorf bei Wiesent gebaut wird. „Wir bekommen den Strom von der Küste.“ Entsprechend hält er es für überflüssig, die weitläufigen, zusammenhängenden Forstgebiete zwischen Sulzbach und Wiesent zu erschließen. „In Landshut gehst du in den Wald und nach fünf Minuten kannst du schon wieder rausschauen. Hier musst du aufpassen, dass du überhaupt wieder raus findest“, sagt er zu den zerstückelten Forstgebieten dort.
Kleinerer Schaden im Westen und Norden des Landkreises
Windkraftanlagen hält Wiethaler aus demselben Grund im nördlichen und westlichen Landkreis für besser platziert. Die angepeilten 1,8 Prozent der Landkreisfläche als Vorranggebiete für Windenergie könne man auch ohne den Thiergarten, die Hohe Linie bei Tegernheim oder den Kreuther Forst „locker erreichen“, sagt Wiethaler. Der Schaden sei im Landkreiswesten und -norden geringer, da die Waldgebiete dort ohnehin bereits kleinteiliger seien. Windkraftanlagen an Land hält Wiethaler grundsätzlich für effiziente Stromlieferanten.
Im Thiergarten würde der Erholungswert durch Windräder aber „auf ein klägliches Minimum“ reduziert, sagt Wiethaler. Das stehe im krassen Widerspruch zum Regionalplan, in dem das Gebiet der Erholung für Mensch und Tier gewidmet sei. Aber: „Der Spaziergang in einem Industriepark, denn nichts anderes ist ein Windpark, ist nach einer Weile ein ödes Unterfangen.“
Im Wald entstehen Wolken
Zudem sieht Wiethaler das Mikroklima gefährdet. Er berichtet von lokaler Wolkenbildung in den Forsthängen. Dadurch werde die Landschaft mit kühler, feuchter Luft versorgt. Werden aber zahlreiche Nadelstiche in Form von Windradfundamenten in den zusammenhängenden Wald gesetzt, werde der Boden stärker erhitzt, der Umgebung Feuchtigkeit und Kühle entzogen und die Wolkenbildung unterbunden.
Entsprechend fordert Wiethaler die Mandats- und Entscheidungsträger auf, sich an den vom Denkmalpflegeamt vorgegebenen Bannkreis um die Walhalla von zehn Kilometern zu halten. Der Bauingenieur blickt sich in seinem Zuhause um, einem alten, fürstlichen Jagdanwesen, das er restauriert. „Ich muss mich an so viele Regeln des Denkmalschutzes halten.“ Bei der Windradplanung soll die Denkmalpflege auch nicht übergangen werden.
Das ist der Thiergarten
Historie: Der Thiergarten existiert in seiner jetzigen Form seit 212 Jahren. Im Jahr 1813 ließ das Fürstenhaus Thurn und Taxis das Forstgebiet einzäunen, um es als Jagdwald zu nutzen. Dort finden sich auch Relikte keltischer Kultur, wie Opfersteine.
Größe: Das umzäunte Waldgebiet des Thiergartens liegt im Forstmühler Forst und weist eine Fläche von rund 2800 Hektar auf. Die Länge des Zauns beziffert die Bürgerinitiative in einem Flyer auf rund 32 Kilometer.
Schutz: 2016 wurde die Bürgerinitiative „Schutz unseres einmaligen Thiergartens zwischen Walhalla und Nepal-Himalaja-Pavillon“ gegründet. Auslöser war die Planung eines Steinbruchs zur Ausbeutung von Granit. Für den Erhalt des Thiergartens sammelte die Bürgerinitiative laut Gründungsmitglied und zeitweisem Sprecher Paul Wiethaler über 11 000 Unterschriften. Die Umwidmung des Landschaftsschutzgebiets in einen Nationalpark oder Naturpark sei aber aus verschiedenen Gründen gescheitert.