Prostitution an der Grenze: Wie der Sextourismus zwischen Bayern und Tschechien Frauen zerstört

Von David Salimi · 4. März 2025 um 17:00

Seit Jahrzehnten gilt der florierende Sextourismus zwischen Bayern und Tschechien als offenes Geheimnis. Manfred G. aus dem Landkreis Cham war viele Jahre seines Lebens einer dieser Grenzfreier.

Was vor zehn Jahren als harmloser Ausflug beginnt, führt den Familienvater tief in eine Welt, die für Außenstehende kaum vorstellbar ist. Prostitution, Zwang und ein Leben im Verborgenen. Hinter seiner Geschichte steckt auch die Frage: Wie kann die Gesellschaft solche Verhältnisse weiterhin ignorieren?

Jahrelang ins Grenzgebiet gereist

Manfred G. (Name von der Redaktion geändert) hat die Hände auf dem Tisch verschränkt, als ob er sich schützend vor etwas stellen möchte, das niemand sehen darf – ein typischer Oberpfälzer, Mitte 40, mit einem kantigen Gesicht und braunen Augen, die in der grellen Bürobeleuchtung fast schwarz wirken. Er trägt ein Hemd, das eine Nummer zu groß ist, und wirkt etwas unbeholfen, als er versucht, im bayerischen Dialekt die passenden Worte zu finden.

Sein Leben als Familienvater, sein Job in einer großen Firma und seine Ehrenämter in lokalen Vereinen – nicht nur das scheint jahrelang auf der Strecke geblieben zu sein. Jahrelang war Manfred G. einer von vielen, die für käuflichen Sex aus dem Landkreis Cham ins tschechische Grenzgebiet reisen – dorthin, wo Bayern schon zu Ende ist, aber das Leben für manche aus der Oberpfalz und Niederbayern erst richtig beginnt.

Von Softpornos über Hardcorefilme zu Prostituierten

„Es hat ganz harmlos angefangen“, sagt er beim Gespräch mit der Redaktion und legt eine kurze Pause ein. Mit Schmuddelheftchen, die man an Tankstellen bekommt. „Anfangs habe ich ab und zu welche gekauft. Später dann mehr.“ Als er sich daheim ein eigenes Arbeitszimmer einrichtet, steigt er ganz auf das Internet um. „Und ab da hat sich alles schnell gesteigert“, sagt er. Auf Softpornos folgen Hardcorefilme und das Interesse an extremeren Praktiken. Manfred schluckt. „Irgendwann hat auch das nicht mehr ausgereicht. Da war der Kick irgendwann da, eine echte Frau zu kontaktieren.“

An den Moment, als er es endlich in Tat umsetzt, erinnert er sich noch genau. „Von Arbeitskollegen wusste ich, dass sie immer wieder mal rüberfahren. Einmal nahm mich einer mit“, erzählt er. „Ich habe mich da auch einfach sehr mitreißen lassen“, versucht er, seine Fehltritte zu rechtfertigen. „Ich kann es mir ja nicht aus den Rippen schwitzen“, habe einer von denen mal zu ihm gesagt. So geht es Manfred zu dieser Zeit auch. Mit seiner Frau, die gerade das zweite Kind zur Welt gebracht hat, über seine sexuellen Wünsche sprechen, traut er sich nicht. Umso einfacher erscheint dem jungen Familienvater die Katalogwelt der Prostitution, die in nur 20 Minuten Fahrzeit zu erreichen ist.

Auch nachgefragt: Sex mit stillenden Müttern

Es ist eine eigenartige Welt, nicht nur Folmava, dieser Vorposten mit dem Charme eines riesigen Industriegebiets, bestehend aus Asiamärkten, Nagelstudios, Tankstellen und immer wieder Nightclubs. Saufen, Sex und Sprit – hier scheint alles billig. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wird die Region quasi über Nacht zu einem Magneten für Schnäppchenjäger und Vergnügungssuchende, wie Manfred. Unter welchen Bedingungen die Frauen leben, die nur wenige Kilometer von Furth im Wald in den meist kleinen Häusern direkt an der Grenze ihre Dienste anbieten – daran verschwendet er lange Zeit keinen einzigen Gedanken.

Anders bei Cathrin Schauer-Kelpin. Die Sozialpädagogin aus Plauen in Sachsen ist Vorsitzende des Vereins „Karo“, der sich um Opfer von Zwangsprostitution kümmert und unter anderem den stark frequentierten Bereich entlang der Grenze hinter Furth im Wald betreut – dort, wo sich das im Bayerischen Wald Verdrängte in den vergangenen Jahren zur Normalität gemausert hat.

Der Straßenstrich ist inzwischen weniger geworden. Das bestätigt auch Cathrin Schauer-Kelpin. Dabei gab es Zeiten, in den Neunzigern und auch noch Jahre danach, in denen Prostituierte am Straßenrand das erste waren, was Autofahrer aus Deutschland bei der Fahrt ins Nachbarland zu Gesicht bekamen. Nicht zuletzt wegen der Wirtschaftskrise sind es weniger dieser Etablissements geworden. Dennoch fahren ihretwegen noch immer viele Ostbayern über die Grenze.

Cathrin Schauer-Kelpin spricht von der Realität der Zwangsprostitution, die man auf den ersten Blick nicht erkennt. Hinter den Reklameschildern mit „NightClub“ und „Massage-Studio“ beginnt eine Schattenwelt, in der die Frauen funktionieren müssen. Wer in diesen Clubs arbeitet, hat selten eine Wahl. „Viele Frauen wissen nicht einmal, wo sie sind“, sagt Cathrin Schauer-Kelpin. Aufgrund der Grenznähe und der überwiegend deutschen Freier befänden sich viele der Frauen in der Illusion, in Deutschland zu sein.

Immer wieder bekommen wir Hinweise auf minderjährige Prostituierte, die gezielt von deutschen Freiern nachgefragt werden – und das auch direkt hinter dem Grenzübergang Furth im Wald.

Cathrin Schauer-Kelpin

Seit Jahren sind Prostituierte in Tschechien Freiwild für Freier aus Deutschland. Schauer-Kelpin zählt die immer gleichen Herkunftsländer auf: Rumänien, Bulgarien, Brasilien und Nigeria. Manche sind Roma, die ohnehin am Rand der Gesellschaft stehen. Manche sind noch Kinder. „Immer wieder bekommen wir Hinweise auf minderjährige Prostituierte, die gezielt von deutschen Freiern nachgefragt werden – und das auch direkt hinter dem Grenzübergang Furth im Wald“, berichtet sie. Eine weitere Nische, die stark nachgefragt werde: Sex mit stillenden Müttern oder mit Schwangeren.

Zwischen Armut, Missbrauch und Drogensucht

Was so gut wie alle der Frauen in den Bordellen gemeinsam haben: Keine von ihnen ist freiwillig dort, sagt Cathrin Schauer-Kelpin. Sie zählt Beweggründe auf, die so gut wie immer dieselben sind: Armut, Perspektivlosigkeit, Missbrauch in der Kindheit, generell desolate Familienstrukturen oder Drogenabhängigkeit. Dünne Haare, faltige Haut, stark geschminktes Gesicht, schlechte oder keine Zähne – wer eine gute Menschenkenntnis besitzt, kann das Elend hinter dem Erscheinungsbild der meisten dieser Frauen erkennen.

Die Mechanismen in diesem Geschäft sind perfide. Die Frauen werden mit falschen Versprechen gelockt – ein Job als Kellnerin, eine Chance auf ein besseres Leben, erklärt Schauer-Kelpin. Stattdessen landen sie in einem System, das sie restlos verschleißt – ohne Papiere, ohne Geld, konfrontiert mit einer fremden Sprache, gefangen in einer Welt, aus der es keine Flucht gibt.

„In den ersten Wochen wehren sie sich noch“, erzählt Schauer-Kelpin. „Aber nach ein paar Monaten haben sie resigniert. Sie funktionieren – weil sie sonst nicht überleben.“ Ihr Alltag ist ein Marathon aus Demütigungen. Zehn, fünfzehn Freier pro Nacht. Ohne Kondom, weil es extra kostet. Wer sich weigert, wird bestraft. Die Frauen sind nicht mehr als Ware, ihr Körper ein Produkt, das sich schnell abnutzt. „Mit 22 sind viele der Fraue kaputt“, sagt Schauer-Kelpin. Die Liste der körperlichen Folgen ist scheinbar endlos: chronische Entzündungen, Inkontinenz oder Gelenkschäden durch Überlastung des vaginalen und analen Muskels.

Mit 22 sind viele der Fraue kaputt.

Cathrin Schauer-Kelpin

Die seelischen Narben? Unheilbar. Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen und Drogensucht sind oftmals der letzte Ausweg für die Betroffenen. „Viele haben keine Chance, je wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen“, sagt sie. „Die körperlichen und seelischen Schäden sind zerstörerisch. Das Leben, das sie führen, ist ein ständiger Kampf um das Überleben.“

Für Schauer-Kelpin ist klar: Deutschland trägt eine Mitschuld: „Wir exportieren Sextourismus – auch an der Grenze zwischen Bayern und Tschechien.“ Die Männer, die regelmäßig auf die andere Seite fahren, sind für sie keine Zufallstouristen. 2011 schockt der Mord an einer Prostituierten in einem Club hinter der deutsch-tschechischen Grenze die Region. Ein Mann aus dem Landkreis Cham quält die Frau zu Tode. Noch bevor er zur Rechenschaft gezogen werden kann, nimmt sich der Täter das Leben.

Sex ohne Kondom – mit Gewalt oder Geld

Mit ihnen geht die Sozialpädagogin hart ins Gericht: „Die Männer, die dort hinfahren, wissen genau, was sie tun.“ Es sind keine verirrten Reisenden. Es sind routinierte Kunden im „kleinen Grenzverkehr“. Die Autokennzeichen vor den Etablissements erzählen ihre eigene Geschichte: R, CHA, SAD oder SR. „Diese Männer suchen nicht nur Sex. Sie suchen Macht über die Frauen, die keinen anderen Ausweg sehen, als sich zu unterwerfen. Das ist moderne Sklaverei“, sagt Schauer-Kelpin. Manche bestellen gezielt junge Mädchen, manche verlangen Gewalt. Sex ohne Kondom werde oft mit Druck durchgesetzt – oder einfach mit Geld.

Was hinter den schwarzen Vorhängen geschieht, bleibt verborgen. Aber wer sehen will, könnte es erkennen: die ausgezehrten Gestalten am Straßenrand, die blauen Flecken auf Armen und Beinen, die verlorenen Gesichter hinter blinkenden Fenstern. „Aber es interessiert niemanden“, sagt Schauer-Kelpin. „Solange Prostitution als normale Erwerbsarbeit gilt, wird das Leid der Frauen ausgeblendet.“ Aus diesem Grund wehrt sich die Sozialpädagogin auch entschieden gegen den Begriff der „Sexarbeit“. Dieser blende die Ausweglosigkeit der Frauen komplett aus – eine Ausweglosigkeit, die manche wenige doch überwinden oder es zumindest versuchen.

Ungewissheit ist steter Faktor

Für Manfred G. sind die regelmäßigen Fahrten in tschechische Bordelle längst Vergangenheit – zumindest beteuert er das aufrichtig. „In dem Moment, in dem man in so einen Club reingeht, denkt man an nichts Schlechtes“, sagt er. Heute will er mit diesem System nichts mehr zu tun haben. Um davon loszukommen, hat er auf Anraten seines Bruders und seiner Mutter damals eine Therapie gemacht. Mittlerweile lebt er wieder in einer Partnerschaft.

Sich ganz so einfach diesem heimtückischen System entledigen wie Manfred G. es getan hat, das können die betroffenen Frauen hingegen nicht. Für manche bleibt nur die Flucht – wenn sie es schaffen. Der Verein „Karo“ bietet Unterschlupf, medizinische Hilfe und rechtlichen Beistand. Doch der Weg hinaus ist steinig. „Eine Frau ohne Krankenversicherung aus einem anderen Land in Deutschland in ein Helfernetz zu integrieren, ist extrem schwierig“, erklärt Schauer-Kelpin. Immer wieder verschwinden Frauen spurlos. „Dann fragen wir uns: Wurde sie verkauft? Ist sie tot?“ Ungewissheit ist ein fester Faktor in ihrer Arbeit und zeigt nur eines: Nicht jeder geht am Ende des Tages mit einem Happy End nach Hause.

Die Lage in Tschechien: zwischen Gesetz und Duldung

Seit 1990 ist Prostitution in Tschechien zwar legal, doch ein klares Regelwerk fehlt. Strafbar ist es, jemanden zur Prostitution zu verleiten, anzulocken oder von den Einnahmen anderer zu profitieren. Wer sich jedoch in der Nähe von Schulen anbietet, muss mit Konsequenzen rechnen.

Kommunen haben die Möglichkeit, Sperrbezirke auszuweisen oder Straßenprostitution komplett zu untersagen. Doch vielerorts wird das Geschäft stillschweigend geduldet – gerade in Grenzregionen, wo der deutsche Sextourist ein Wirtschaftsfaktor ist. So auch im 300-Seelen-Dorf Babylon im Bezirk Domažlice, keine zehn Kilometer von Furth im Wald entfernt: Zwischen Wohnhäusern und Gaststätten blüht das Gewerbe. Zwei Kinder kritzeln mit Kreide auf den Gehweg, als ein dunkler Mercedes mit Schwandorfer Kennzeichen langsam um die Ecke rollt. Die Mutter, die ihr Leben lang hier wohnt, wirft dem Wagen keinen Blick zu. „Das ist nichts Neues“, sagt sie mit einem Schulterzucken. Angst habe hier niemand vor den deutschen Kunden – sie gehören zum Alltag. Ein Sinnbild dafür, wie tief die tschechischen Kommunen in der rechtlichen Grauzone stecken.

Zum Vergleich: In Bayern setzt die Prostitutionsverordnung klare Grenzen. Bordelle sind in Städten mit weniger als 30 000 Einwohnern verboten, Wiederholungstäter werden strafrechtlich verfolgt.

Cathrin Schauer-Kelpin ist Sozialpädagogin und Vorsitzende des Vereins „Karo“, der sich um Opfer von Zwangsprostitution kümmert und unter anderem den stark frequentierten Bereich entlang der Grenze hinter Furth im Wald betreut. Foto: Katrin Mädler/dpa
Eine Stelltafel am Grenzübergang Schafberg bei Furth im Wald weist Anfang der 2000er Jahre einreisende Freier auf die Aidsgefahr hin. Foto: Rene Paetow/dpa
Unscheinbares Äußeres – tragisches Inneres: Zuhauf finden sich hinter der deutsch-tschechischen Grenze Bordelle, in denen Prostituierte ihre Dienste anbieten. Foto: Armin Weigel/dpa