Neuseeländer im Bayerwald: Vom Schock am Frankfurter Bahnhof zum Schuhplatteln in Neukirchen

Von Kilian Graef · 19. Februar 2025 um 19:00

Als Niall McLeod in Deutschland ankommt, ist er geschockt. Der 17-jährige Neuseeländer hat gerade einen über 24-stündigen Flug hinter sich. Und hinterfragt mit seinem ersten Schritt in den Frankfurter Hauptbahnhof seine Entscheidung, drei Monate in Deutschland zu verbringen. Doch bei Familie Feigl in Neukichen b. Hl. Blut (Landkreis Cham) findet er ein zweites Zuhause.

„Ich hatte mich gewundert, wie voll und chaotisch es ist“, sagt McLeod über seine Ankunft in Frankfurt am Main. Als er zu Familie Feigl in Neukichen b. Hl. Blut (Landkreis Cham) stößt, ist der Neuseeländer erleichtert, den großen deutschen Metropolen entkommen zu sein.

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Ohrenbetäubender Straßenlärm, Leute, die mit getunten E-Scootern durch die Fußgängerzone brettern und mysteriöse Gestalten, die vor der Polizei wegrennen. All das ist der 17-Jährige nicht gewöhnt. Er kommt aus Nelson City. Die Stadt zählt keine 50 000 Einwohner und liegt im Norden der südlichen Hauptinsel Neuseelands – etwa 19 000 Kilometer vom Bayerwald entfernt.

Aus dem Land der Schafe

Der Inselstaat am anderen Ende der Welt ist bekannt für Schafe, einzigartige Natur, junge Erwachsene, die Work-and-Travel für sich entdeckt haben und noch mehr Schafe. „In Neuseeland leben sieben Mal so viele Schafe, wie Menschen“, sagt McLeod bei einem Interview im Goggolori in Bad Kötzting.

Bevor er nach Deutschland kam, hörte der Jugendliche von Klischees. „Man sagt, dass die Deutschen ziemlich kalt, nicht besonders willkommensfreudig und sehr pünktlich sind“, sagt McLeod. „Aber ich habe schon am zweiten Tag gelernt, dass die Deutsche Bahn nicht besonders pünktlich ist.“

Die anderen beiden Klischees hielten in Neukirchen nicht lange stand. McLeod fühlte sich bei seinen vier Gastgeschwistern wohl. Sie brachten ihm bayerische Tänze – wie den Schuhplattler – bei. Mit den Feigls besuchte er auch verschiedene größere Städte, wie Regensburg, München, oder vor eineinhalb Wochen Berlin. Vor allem Städte mit langer Geschichte begeistern ihn. Der Neuseeländer ist historisch sehr interessiert. „Es ist ziemlich cool, so alte Sachen zu sehen“, sagt er.

In seiner Heimat seien die ältesten erhaltenen Gebäude aus dem 19. Jahrhundert. Hier, wo jede zweite Kirche schon länger als 200 Jahre steht, ist er, was die Gebäude angeht, im Geschichtsparadies. Auch die KZ-Gedenkstätte Dachau besuchte er, um mehr über die dunklen Seiten der deutschen Geschichte zu erfahren.

Am Hohenbogen lernte Mcleod Skifahren. „Ich bekomme es dank meinen Gastgeschwistern hin, den Berg hinunterzufahren, ohne brutal zu stürzen“, sagt er.

Magdalena Feigl, 18, hat sich für nächstes Jahr nach dem Abitur einen Gegenbesuch in Neuseeland vorgenommen. Sie und ihre Schwester Katharina, 17, nehmen Niall McLeod jeden Tag mit an das Benedikt Stattler-Gymnasium.

Schule ist in Neuseeland entspannter als in Deutschland

Hier fängt der Jugendliche eine Stunde früher an als in Neuseeland, muss keine Uniform tragen und ist an einer gemischten Schule, nicht an einer reinen Jungs-Schule. Abgesehen von der Uniformpflicht empfindet er Schule in Neuseeland entspannter.

„Schüler können zu spät kommen, mal eine Stunde oder einen ganzen Tag verpassen und es wird kein großes Ding draus gemacht“ sagt McLeod. Er versucht sich seit längerem Deutsch beizubringen. „Ich lerne gerade die Fälle“, sagt er. Seine Stimme vermittelt Verzweiflung.

Neben den Fällen machen ihm auch die Artikel zu schaffen. „Der, die, das“. McLeod schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Um das selbstständige Deutschlernen führt kein Weg herum. In Nelson City eignen sich die Schüler Maori – eine polynesische Sprache der Indigenen in Neuseeland an.

McLeod spielt mit dem Gedanken, in Deutschland zu studieren. Er denkt an Mikrobiologie oder Sportwissenschaften. Naheliegend. Denn der 17-Jährige spielt in seiner Heimat aktiv Cricket und Golf. Etwas, das ihm neben warmem Wetter im kalten Deutschland fehlt.

Cricket gehört zu den beliebtesten Sportarten der Neuseeländer. 2028 wird der Teamsport, der dem Baseball ähnelt, olympisch. Warum Cricket Europa noch nicht erobert hat? Es gibt so viele Regeln, dass selbst McLeod, der seit einigen Jahren drei bis vier Mal pro Woche trainiert, nicht jede kennt. „Es kommt manchmal vor, dass ich auf dem Platz stehe und die Entscheidung des Schiedsrichters nicht verstehe, weil mir die Regel neu ist“, gibt er zu, und nimmt das Schnitzel entgegen, das er sich nach der Schule bestellt hat.

Sehnsucht nach deutschem Brot

McLeod hat sich in seiner Zeit im Bayerwald durch die fleischlastige deutsche Küche getestet. Und sich in das Schnitzel verliebt. „Ich liebe Schweineschnitzel“, sagt er. Aber auch das Brot wird er in Neuseeland vermissen. „Das Brot ist hier so viel besser.“

In wenigen Tagen fliegt Niall McLeod wieder zurück in die Heimat. Neben Brot und Schnitzel – wird er auch die Leute, die er kennengelernt hat vermissen. „Ich habe tolle Bekanntschaften gemacht“, sagt McLeod. Da ist auch der erste Eindruck – vom Frankfurter Hauptbahnhof schnell wieder vergessen.

Skifahren lernte der Neuseeländer am Hohenbogen, dem Neukirchner Hausberg.
Um Schuhplattler zu lernen, brauchte es erst das richtige Outfit für Niall.