Selbsttest in Cham im Video: Der Kampfsport MMA sieht brutal aus, begeistert aber die Massen

Von Kilian Graef · 14. Dezember 2024 um 05:00

Der Kampfsport Mixed Martial Arts, kurz MMA, begeistert immer mehr Menschen – obwohl oder gerade weil es in den professionellen Kämpfen hart zugeht. Geschwollene Gesichter, blutige Wunden und blau-lila Stellen am Körper gehören zu den meisten Käfig-Kämpfen dazu. Ist der Sport so hart, wie er ausschaut? MZ-Volontär Kilian Graef hat es im Selbstversuch getestet.

:

Nicht nur in den USA ziehen die Kämpfe der Ultimate Fight Championship (UFC) regelmäßig zehntausende Zuschauer in die Hallen. Auch in Deutschland gab es im Herbst erst ein großes Event, das knapp 60.000 Fans ins Waldstadion nach Frankfurt lockte. Also, was ist dran?

In der Kampfsportschule Bushido in Cham will ich dem auf den Grund gehen und im Selbstversuch erleben, ob der Sport tatsächlich so gefährlich ist, wie er ausschaut und auch herausbekommen, warum sich so viele Leute davon begeistern lassen.

Wie lange braucht der Krankenwagen bis zur Kampfsportschule?

Schon als ich die Treppen ins Studio im ersten Stock steige, bin ich aufgeregt wie selten und hinterfrage schon jetzt das, was da kommt. Wie sauer ist die Chefin, wenn ich nächste Woche wegen gebrochener Knochen nicht zur Arbeit kann? Wie lange braucht der Krankenwagen bis zur Kampfsportschule? Und wieso habe ich mir keine Eishockey-Torhüterausrüstung für das Training organisiert?

Lesen Sie hier: Cham geht mit dickem Finanzpolster in die vorhergesagte Krise – Das sagen die Fraktionsvorsitzenden

Fragen, die plötzlich da sind. Wahrscheinlich sind meine Befürchtungen jedoch maßlos übertrieben. Sonst würden den Sport wohl wesentlich weniger Leute ausüben. „Wir haben viele Jugendliche, die MMA machen wollen“, sagt Stefan Scheermann, mein Trainer in der Probeeinheit.

Viel Zeit zum Zweifeln bleibt mir nicht. Kaum umgezogen, schickt uns Scheermann schon auf die Matte. Ein intensives Aufwärmprogramm startet. Erst rennen wir Runden, dann schleichen wir auf allen Vieren über den Boden und versuchen, die Knie möglichst nah am Boden zu halten. Hin und her. Mein Bauch brennt schon nach der zweiten Pendelstrecke, und ich rette mich mit Mühen ins Ziel – denke ich. „Jetzt machen wir das Ganze rückwärts“, sagt Scheermann.

Tipp vom Profi: Immer an die Deckung denken

Scheermann lacht viel und wirkt freundlich. Ich hingegen schaue nicht mehr so freundlich. Rückwärts ist die Übung nämlich noch viel härter. Der Coach gönnt meinen vier Mitstreitern und mir eine 20-sekündige Pause, um Luft zu holen. Weiter geht es auf dem Rücken. Mit unseren Schulterblättern robben wir über den Mattenboden. „Die Arme immer in der Deckung vor dem Gesicht halten“, rät mir der Trainer.

Die letzte Aufwärmübung verstärkt bei mir den Eindruck, dass ich beim Kinderturnen für Hartgesottene gelandet bin. Wir machen eine Art Purzelbaum. Die Rolle erfolgt über den stärkeren Arm, und der Kopf berührt den Boden nicht. Ich soll lernen, mich richtig abzurollen, dass beim Hinfallen nichts passiert.

Wobei beim MMA niemand so einfach hinfällt. Man wird vom Gegner zu Boden gebracht. „MMA vereint fast alle Kampfsportarten“, sagt Scheermann. Beim MMA darf man treten wie beim Kickboxen, würgen wie beim Judo, rangeln wie beim Ringen und schlagen wie beim Boxen. Fast alles scheint erlaubt.

Der Trainer legt den Fokus in unserer Einheit auf den Bodenkampf. Mit meinem hoch überlegenen Trainingspartner studiere ich eine Bewegungsabfolge Schritt für Schritt ein. Erst boxen, dann soll ich mich hinter meinem Trainingspartner positionieren, ihn umklammern, anheben, ihm dann hinterrücks die Beine wegziehen und mit ihm zu Boden gehen. Mein Trainingspartner macht sich möglichst klein und begräbt den Kopf zum Schutz unter den Armen. Dann rollt er sich in eine bessere Position und hat mich plötzlich im Schwitzkasten.

Schlagen bis die Beine Brennen

Bis ich die einzelnen Bewegungen verinnerlicht habe, vergehen viele Minuten und Wiederholungen. Gegen Ende des Trainings machen wir noch eine Ausdauerübung. Einer von uns liegt mit einem Polster, dass er auf dem Bauch hält, auf dem Boden und der andere drischt auf das Polster ein. Noch nie habe ich etwas so sehr festgehalten wie dieses Polster, als mein Trainingspartner loslegt und zeigt, dass er das nicht zum ersten Mal macht. Dann bin ich dran. Eineinhalb Minuten lang. Die ersten Hiebe funktionieren noch gut. Nach etwa einer Minute und einem wahrscheinlich nicht mehr zählbaren Puls geht mir die Puste aus. Meine Arme sind schwer und zu meiner Überraschung brennt es in den Oberschenkeln.

„Wer nicht Vollgas gibt, muss eine Zusatzrunde machen“

Ich schaue verunsichert zu meinen Trainingskollegen, die augenscheinlich unerschöpft weitermachen, und reiße mich selbst für die letzten Sekunden zusammen – denn die Ansage vom Coach war klar: „Wer nicht Vollgas gibt, muss eine Zusatzrunde machen.“ Als das vorbei ist und ich ohne Strafrunde durchgekommen, wartet das große Finale auf mich: ein kurzer Testkampf gegen meinen Trainer. Schluss ist dann, wenn einer aufgibt.

Die Rollen sind klar verteilt. Auf der einen Seite Stefan Scheermann mit seinen weit über zehn Jahren Kampfsporterfahrung in verschiedenen Kampfkünsten, wie Taekwondo, Karate, Kickboxen, Thaiboxen oder eben MMA. Und auf der anderen ich. Ein Jahr Kinderjudo, in dem ich es nur zum weiß-gelben Gürtel schaffte als einzige Kampfsport-Erfahrung. Vor allem die krachenden Niederlagen gegen ein gleichaltriges Mädchen zeigten mir schon damals, dass ich dafür nicht gemacht bin.

Aber das zählt jetzt alles nichts. Meine Motivation, gegen Scheermann nicht schon nach fünf Sekunden aufgeben zu müssen, könnte kaum größer sein. Er ist gnädig und verzichtet auf Tritte. Dafür hat er mich nach kurzer Zeit im Schwitzkasten, versucht mich zu Boden zu reißen. Ich wehre mich mit allen Kräften und ächze: „Darf ich dich schlagen?“ Überraschungsangriffe liegen mir nicht. Die Schläge richten auch nichts aus. Sie prallen ab wie Fliegen an der Scheibe. Dann bringt er mich endgültig aus dem Gleichgewicht und schnürt mir am Boden langsam die Luft ab. Mein Kampfgeist befindet sich im steilen Sinkflug – ich gebe auf.

Trotz klarer Unterlegenheit im Training hat es Spaß gemacht und ich habe zu keinem Moment richtig Schmerzen gehabt.

Der Tag danach

Nur am Tag danach plagt mich Muskelkater im Rücken, in den Unterarmen und in den Schultern. Ich habe drei kleine Wunden an den Fingerknöcheln, die davon kommen, dass die Handschuhe nicht perfekt saßen. Außerdem habe ich zwei blaue Flecken, die ich mir aber nicht erklären kann. Meine Befürchtungen beim Start waren umsonst. „Wir achten darauf, dass alles glatt läuft und, dass die Leute vorsichtig arbeiten, damit sich keiner verletzt“, sagt Scheermann. So ist das auch.

Mixed Martial Arts kompakt erklärt

Gemischte Kampfkünste: Der Name Mixed Martial Arts, heißt übersetzt gemischte Kampfkünste. „Alle Kampfsportarten, egal ob Judo, Ringen, Karate, Thaiboxen oder Kickboxen sind im MMA miteinander kombiniert“, sagt Stefan Scheermann, der seit fünf Jahren Trainer ist.

Regeln: Titelkämpfe werden in drei Runden, die jeweils fünf Minuten dauern, ausgetragen. Treten, boxen, und würgen ist erlaubt. Die Liste der Fouls ist trotzdem lang. Beißen, kratzen, Finger verdrehen, Haare ziehen, Angriffe auf Hinterkopf und Wirbelsäule und einige andere gefährliche oder unsportliche Aktionen sind verboten.

Ausrüstung: Die Handschuhe, die man beim MMA trägt, sind deutlich spartanischer gepolstert als die normalen Boxhandschuhe. Außerdem sind in Kämpfen noch Zahn- und Genitalschutz Pflicht. Für das Training empfiehlt Scheermann allen, die auf der ganz sicheren Seite sein wollen, zusätzlich gepolsterte Handschuhe, Schienbeinschoner und Ellbogen- und Knieprotektoren. Sein Training passt er an die Ausrüstung der Sportler an.

Training in Cham: Derzeit bietet die Kampfsportschule Bushido jeden Freitag ab 18 Uhr MMA-Training in Cham an.

Die Kraftverhältnisse im Kampf gegen den Trainer sind klar verteilt.
Bei der taktischen Rolle schaut ein Anfänger blöd in die Wäsche.