„Haben Angst“: Anschläge und Migrationsdebatte setzen Geflüchteten zu

Magdeburg, Aschaffenburg, München: Die Anschläge der jüngsten Vergangenheit haben eine Asyldebatte befeuert, wie es sie lange Jahre nicht mehr gegeben hat. Kurz vor der Bundestagswahl ist die Migration zum alles bestimmenden Thema geworden. Es legt politische wie gesellschaftliche Gräben offen. Regensburger Flüchtlingen macht das Angst – auch, weil die eigene Zukunft plötzlich mit noch mehr Fragezeichen behaftet scheint, als sie es ohnehin ist.
Hamid Reza Eftekharitalab ist jemand, der sich in Deutschland ein neues Leben aufgebaut hat und für Flüchtlinge einsetzt. Das Vorstandsmitglied bei Campus-Asyl zeigt sich „erschüttert und tief traurig“ angesichts der Anschläge. „Aus unserer Arbeit wissen wir, dass solche schrecklichen Ereignisse das Leben geflüchteter Menschen in Regensburg beeinflussen. Viele fürchten Vorverurteilungen und nehmen Veränderungen im gesellschaftlichen Klima sehr sensibel wahr.“
Auf der Straße beschimpft
Die Debatte gehe „natürlich“ nicht spurlos an den Menschen vorüber, sagt auch Nika Krausnick. Sie leitet das Referat für Migration der Caritas Regensburg. Ihr Beraterteam erläutert Geflüchteten – unter anderem im Ankerzentrum – ihre Rechte und Pflichten im Asylverfahren und bereitet sie auf Gespräche mit den Behörden vor. „Manche fürchten sich vor Islamismus, vor dem sie ja eigentlich geflohen sind. Andere haben die Sorge, dass Rassismus zunimmt“, sagt Krausnick. Vereinzelt würden die Menschen auf offener Straße beschimpft.
Dass sich die Politik um eine Verschärfung der Migrationsgesetze bemüht, geht nicht spurlos an Geflüchteten vorbei. „Auch Menschen, die schon vor vielen Jahren zugewandert sind und legal in Deutschland leben, fragen sich, ob auch sie von möglichen Maßnahmen betroffen sind“, sagt Krausnick. „Viele sind verunsichert, manche haben Angst.“
Philipp Pruy, Regensburger Fachanwalt für Migrationsrecht, vertritt zahlreiche Asylsuchende. „Meine Mandanten zeigen sich von den furchtbaren Anschlägen genauso betroffen und fassungslos wie jeder andere auch“, sagt er. Die absehbare Verschärfung der Migrationsregeln sorgt Pruy zufolge bei Betroffenen für Angst, abgeschoben zu werden – insbesondere bei jenen, die sich im Duldungsstatus befänden, einer Ausbildung nachgingen und daher eigentlich vor einer Abschiebung geschützt seien.
„Nicht vereinbar mit aktuellem Europarecht“
Was schärfere Asylgesetze angeht, sagt Migrationsexperte Pruy nur so viel: „Eine vollständige Schließung der Binnengrenzen halte ich für nicht vereinbar mit aktuellem Europarecht.“
Die Anschläge von Aschaffenburg und München, beide verübt von Afghanen, rückten insbesondere die Zuwanderung aus dem Land, in dem die Taliban die Macht haben, in den Fokus. Am Sonntag forderte Markus Söder (CSU) einen Einreisestopp für Menschen aus Afghanistan, ein Aussetzen der Visa-Vergabe und wöchentliche Abschiebeflüge. Es brauche einen „Afghanistan-Sofortplan“, sagte der Ministerpräsident der „Bild“ und gab die Zahl der ausreisepflichtige Afghanen in Bayern mit fast 2000 an. 200 davon seien schwere Straftäter.
Unter den rund 940 Geflüchteten, die derzeit im Regensburger Ankerzentrum untergebracht sind, befindet sich laut Kathrin Kammermeier, Sprecherin der Regierung der Oberpfalz, nur eine Person aus Afghanistan. Das liege daran, dass die Oberpfalz bei der Erstaufnahme für die Länder Syrien, Äthiopien, Tunesien, Iran, Irak und Somalia zuständig sei, nicht aber für Afghanistan.
Wenige Afghanen
„Wir haben wenige Ratsuchende aus Afghanistan“, sagt Krausnick von der Caritas. Jene, die nach der Machtübernahme der Tailban das Land verlassen konnten, seien „eher nicht“ Regensburg zugeteilt worden. „Einige kamen nach Straubing.“ Bei einer Gruppe, die aus Afghanistan nach Regensburg gekommen sei, handle es sich um unbegleitete minderjährige Geflüchtete. Für sie seien andere Beratungsstellen zuständig, sagt Krausnick. „Die Menschen, die zu uns kommen, stammen zumeist aus Syrien, dem Iran oder Tunesien, EU-Ländern, der Ukraine oder auch Äthiopien, Eritrea oder dem Irak.“
Ganz unabhängig von der Herkunft: Eftekharitalab von Campus-Asyl plädiert für einen verantwortungsvollen und differenzierten Umgang mit den Anschlägen. Pauschalurteile und gesellschaftliche Spaltung bereiten ihm Sorgen. „Wir hoffen sehr, dass die Taten nicht für politische Stimmungsmache missbraucht werden.“
Psychosoziale Versorgung Geflüchteter: Emotionale Last tragbar machen
Herausforderungen: Krieg, Folter, Tod: Geflüchtete tragen oft schwere emotionale Last. In Deutschland gibt es vereinzelte Psychosoziale Zentren, die Hilfe anbieten. Eines davon bei der Caritas in Regensburg.
Hilfe: „Wir bieten geflohenen Menschen Einzel- und Gruppenberatungen an, um sie emotional zu entlasten und zu stabilisieren“, sagt Caritas-Teamleiterin Svenja Petri. Das frühe Begleiten traumatisierter Geflüchteter könne eine „Chronifizierung des Leids“ sowie hohe Folgekosten vermeiden. „In vielen Fällen ist die psychosoziale Hilfe eine notwendige Voraussetzung für die Integration und Partizipation von Geflüchteten.“
Geld: Die Finanzierung des Angebots wackelt laut Petri. Die Bundesmittel seien für das Jahr 2025 um 45 Prozent gekürzt worden. „Das wirkt sich fatal auf unser Beratungsangebot aus.“ Während andernorts Beratungsstellen schließen mussten, schafft es die Caritas dank Fördermitteln, das Angebot in Regensburg „derzeit“ aufrecht zu erhalten.