Aus Angst zum Komplizen im Neumarkter Gleismord geworden? Mitangeklagter bricht sein Schweigen

Fünf Verhandlungstage lang hat sich Provilas C. (alle Namen geändert) die grausamen Details über den Neumarkter Gleismord angehört, ehe er am Dienstag vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth sein Schweigen brach. Der Frage nach dem Grund für den plötzlichen Gewaltausbruch gegen Kristers M. konnte er zumindest eine Vermutung hinzufügen.
Oberstaatsanwältin Claudia Lochmiller wirft Nojus K. (22), Oskaras B. (32) und Provilas C. (25) gemeinschaftlichen Mord vor. Die Leiharbeiter aus Litauen sollen den 48-jährigen Letten, der erst wenige Stunden zuvor in der gleichen Arbeiterunterkunft in der Ingolstädter Straße eingezogen war, verprügelt und dann auf die nahen Bahngleise gelegt haben. Dort wurde Kristers M. von einem Güterzug überrollt und getötet.
Das wird den Angeklagten vorgeworfen: Mordprozess um Toten auf Gleisen in Neumarkt: Mutige Ersthelfer kamen nur Sekunden zu spät
Zahlreiche Zeugen haben die Tat im Prozess bereits geschildert, es gibt Fotos und Videos. Vorsitzender Richter Markus Bader hatte die beiden bisher schweigenden Angeklagten vor diesem Hintergrund vergangene Woche aufgefordert, ihre Taktik zu überdenken. Während Nojus K. weiter schweigt, ließ Provilas C. seinen Verteidiger Alexander Kopp nun eine Erklärung verlesen.
Wie schon sein Mitangeklagter Oskaras B., der sich beim Prozessauftakt geäußert hatte, machte auch der 25-Jährige Erinnerungslücken mit Verweis auf den Alkoholgenuss geltend. Er wisse noch, dass es vor der Unterkunft Streit zwischen Oskaras B. und dem späteren Opfer gegeben habe. Er glaube, dass es dabei um einen Kontakt mit der Freundin gegangen sei, mit der Oskaras B. das Zimmer in der Pension bewohnt hatte.
Aus einem Streit wurde eine Schlägerei
Der Disput zwischen den beiden Männern habe sich zu einer Schlägerei ausgewachsen, trug Verteidiger Kopp vor, an der sein Mandant aber nicht beteiligt gewesen sei. Hineingezogen wurde der nach eigener Behauptung in die Sache, als Oskaras B. versuchte, den inzwischen reglos am Boden liegenden Kristers M. hochzuheben, es aber alleine nicht schaffte. Er habe aggressiv in die Richtung von Nojus K. und Provilas C. gerufen, dass sie ihm helfen sollten, „sonst würde ihnen das gleiche passieren“.
Im Nebel des Alkohols habe sich Provilas C. einschüchtern lassen: „Ab diesem Zeitpunkt agierte ich nur noch wie ferngesteuert. Ich war völlig überfordert und hatte Angst vor Oskaras, da er mich schon einige Tage zuvor in der Unterkunft geschlagen hatte.“
Danach habe er geholfen, das reglose Opfer vom Hof über die Ingolstädter Straße zu schleppen. „Irgendwo an einem Schotterplatz Richtung Bahngleise“ habe er sich dann geweigert, den Mann weiter zu tragen. Auf die Gleise habe er ihn nicht gelegt. Obwohl er nicht mehr genau wisse, was geschehen sei, ließen ihn die Ereignisse dieses Nachmittags nicht mehr los. Es tue ihm „unendlich leid“.
Mitangeklagte schildern Aggressivität und Angst vor Oskaras B.
Das Bild des aggressiven Schlägers, das der 25-Jährige von seinem Mitangeklagten B. zeichnete. Zwar schweigt Nojus K. vor Gericht, bei der Polizei hatte er kurz nach der Tat jedoch die beiden Mitangeklagten beschuldigt, wie der Vernehmer von der Kripo Amberg berichtete: Seine beiden „crazy Kollega“ seien die Täter, er nur Zeuge der Schlägerei. Oskaras B. sei derjenige gewesen, der den Plan gefasst habe, Kristers M. auf die Gleise zu legen, damit er von einem Zug überfahren wird. Der 22-Jährige selbst wollte abgehauen sein – aus Angst vor Oskaras B. Der habe ihm nach der Tat mit dem Tod gedroht. Ohnehin seien beide Mitangeklagte äußerst streitsüchtig und aggressiv, wenn sie betrunken seien. Später verstrickte sich Nojus K. in Widersprüche und wurde selbst festgenommen.
Es bleibt damit weiter nebulös, warum es zu diesem Gewaltausbruch kam. Für die Angehörigen des Getöteten, die erstmals persönlich an der Hauptverhandlung teilnahmen, dürfte das besonders belastend sein.
Eine kriminelle Vorgeschichte hat jedenfalls keiner der drei Männer. Das wurde im Lauf des Prozesses bereits klar. Weder in Deutschland noch in Litauen sind sie vorbestraft.