„Ist das ein Mensch?“: Mitarbeiter aus Neumarkt werden zu wichtigen Zeugen im Mordprozess

Von Petra Schlierf · 4. Februar 2025 um 19:00

Wäre der Autotransporter einige Sekunden später gekommen, hätte es am 4. April 2024 wahrscheinlich keinen Toten am Neumarkter Bahnhof gegeben, sondern zwei Helden. So aber hat diese Geschichte nur Verlierer. Der zweite Verhandlungstag im Mordprozess am Landgericht Nürnberg-Fürth um den Tod von Kristers M. zeigte, mit welcher Courage einige Dehn-Mitarbeiter zu helfen versucht haben.

Der Verwaltungssitz des Unternehmens liegt direkt an den Bahngleisen, gegenüber der Stelle, an der Kristers M. (alle Namen geändert) auf die Schienen gelegt wurde. An diesem späten Nachmittag fand in einem Konferenzraum im zweiten Stock mit Blick auf die Gleise eine Besprechung statt. Ingenieure nahmen daran teil, auch der Amerika-Geschäftsführer des Unternehmens.

Mitarbeiter werden Zeugen und handeln sofort

Sie alle ahnten nicht, wie dieser Tag enden würde. Herausgerissen aus der nüchternen Geschäftswelt fand sich das Team von einer Sekunde auf die andere in einem Kriminalfall wieder. Ein Mitarbeiter habe die Geschehnisse draußen aus dem Augenwinkel bemerkt und die anderen darauf aufmerksam gemacht. Daraufhin wurde die Besprechung unterbrochen.

So lief der erste Verhandlungstag ab: Mordprozess um Toten auf Gleisen in Neumarkt: Mutige Ersthelfer kamen nur Sekunden zu spät

Alle hatten mit einigen irritierenden Sekunden zu kämpfen, erklärte ein Dehn-Manager, der extra aus Kanada angereist war: „Als Menschen gehen wir zuerst nicht vom Negativsten aus.“ Der Manager formulierte seine Frage von damals beim Anblick der drei Personen, die etwas auf die Gleise legen: „Was sehen wir da? Ist das ein Mensch?“

Dann aber schalteten die Dehn-Mitarbeiter blitzschnell. Ein Ingenieur aus Neumarkt alarmierte vom Fenster aus die Polizei, damit diese sofort für eine Sperrung der Gleise sorgt. Derweil seien zwei andere Kollegen losgesprintet, um die Person vielleicht noch retten zu können. Weitere Kollegen im Raum machten Fotos und Videos von den Geschehnissen. Später stiegen sogar noch einige in ihre Autos und suchten nach den flüchtigen Tätern. All das half der Polizei nicht nur bei den Ermittlungen an diesem Abend, sondern dient auch vor Gericht als Beweismittel.

Einige Mitarbeiter mussten hilflos mit ansehen, wie der Zug die Person überrollte. Nicht alle können diese Erfahrung so einfach wegstecken. Der kanadische Manager etwa sagte: „Das war eines der dramatischsten Ereignisse in meinem Leben. Ich war noch nie dabei, wie ein Mensch gestorben ist.“

Keiner der Zeugen erkennt einen Angeklagten wieder

Einer der Dehn-Mitarbeiter, der sofort losgesprintet war, sagte über die Täter: „Mich hat schockiert, wie ruhig die drei weggelaufen sind.“ Mit sich ist der Neumarkter heute im Reinen, trotz der dramatischen Erlebnisse, denn „ich habe das Gefühl, dass ich alles getan habe, was ich konnte“. So sah es auch Richter Markus Bader und zog seinen Hut vor dem Zeugen.

Wermutstropfen für die Staatsanwaltschaft: Keiner der Zeugen konnte bisher die Angeklagten als die Täter identifizieren. Allenfalls einzelne Kleidungsstücke kamen manchen bekannt vor.

Der Mann in der Konferenz, der als erster auf die Geschehnisse draußen aufmerksam wurde, hatte wohl die detaillierteste Erinnerung an das, was die drei Personen am Ablageort getan haben. Er beschrieb, dass das Opfer durchaus noch selbst gelaufen, aber doch von den drei anderen bedrängt worden sei. Als der Mann auf den Schienen lag, hätten ihn die Täter sogar noch einmal umgedreht – und im Weggehen immer wieder umgeschaut, als ob sie sichergehen wollten, dass er wirklich dort liegenbleibt.

Körper des Getöteten wird vom Zug überrollt und völlig zerfetzt

Der 48-Jährige blieb liegen. Sekunden später kam der Zug. Vom Körper des Mannes blieb nicht viel übrig, schilderte eine Kriminalbeamtin aus Amberg. Der Körper des Mannes sei völlig zerfetzt worden. Über etwa 130 Meter verteilten sich Körpergewebe und Kleidungsfetzen. Seine Identität konnte erst über einen DNA-Abgleich mit einem Rasierer aus dem Gepäck des vermissten Kristers M. sicher festgestellt werden.

Die drastischen Schilderungen der Kriminalbeamtin seien keineswegs alltäglich, meinte vorsitzender Richter Markus Bader. Die Angeklagten Nojus K. und Oskaras B. verfolgten sämtliche Fotos dennoch mit scheinbar großem Interesse, während Provilas C. den Blick wie fast immer zu Boden gesenkt hielt.