„Denke an eine Guillotine“: Zeugen beschreiben grausame Details im Neumarkter Gleismord

Haben die Täter im Neumarkter Gleismord dabei zugeschaut, wie ihr Opfer von einer Lok erfasst wurde? Das lässt eine Zeugenaussagen vermuten, die am dritten Verhandlungstag vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth zu hören war. Weitere Dehn-Mitarbeiter sagten aus und offenbarten dabei schockierende Details über das Verhalten der Täter nach der Tat.
Was die Zeugen aus dem Sitzungssaal A1 mit der großen Fensterfront mit Blick auf die Neumarkter Bahngleise mit ansehen mussten, war Mord. Daran lassen die Aussagen von leitenden Dehn-Mitarbeitern, die am 4. April 2024 an der Besprechung teilnahmen, keinen Zweifel. Mit einer Ausnahme erinnerten sich alle Zeugen, dass sich das spätere Opfer nicht mehr bewegt habe, womöglich bewusstlos gewesen sei, als es auf die Gleise gelegt wurde.
So lief der erste Verhandlungstag ab: Mordprozess um Toten auf Gleisen in Neumarkt: Mutige Ersthelfer kamen nur Sekunden zu spät
Ein Ingenieur aus dem Landkreis Neumarkt beschrieb, wie die drei Personen das Opfer am Gleis sogar noch einmal anders hingelegt hätten, dessen Position „korrigiert“ hätten. Ein anderer Zeuge schilderte, dass der Hals am Ende direkt auf einer der Schienen lag. „Ich denke da automatisch immer an eine Guillotine, wenn ich so etwas höre“, kommentierte Richter Markus Bader diese Beschreibung. Tatsächlich hatte der Güterzug Sekunden später die Wirkung eines Fallbeils, wie einer der beiden Männer gesagt haben soll, der dem Opfer zu Hilfe eilen wollte: „Ich habe alles gesehen. Sogar, wie der Kopf weggeflogen ist.“
Züge und Bahnhof-Geräusche wecken Erinnerungen
Allen Zeugen wurde nach der Tat psychologische Hilfe angeboten. Die Männer gaben vor Gericht an, dass sie das Erlebte zwar nicht alltäglich belastet, sie aber doch immer wieder darüber nachdenken. Den Güterzug mit dem roten Autoanhänger sehe er jeden Tag mehrfach von seinem Bürofenster aus, beschrieb ein Mitarbeiter. Manchmal bewege ihn das heute noch. Auch Bremsgeräusche von Zügen machten etwas mit ihm.
Eine wichtige Rolle bei den Befragungen spielt, wie sich die Täter nach dem Ablegen von Kristers M. (alle Namen geändert) verhielten. Mehrere Zeugen bestätigten, dass sie sich umgedreht hätten, als ob sie sicherstellen wollten, dass der Mann auch wirklich dort liegen bleibt. Sie gingen zügig über die Böschung in Richtung der Ingolstädter Straße, weg von den Gleisen. Weil auch die Frage nach der Schuldfähigkeit der Angeklagten wegen deren Alkoholisierung im Raum steht, fragte das Gericht immer wieder nach Auffälligkeiten. Doch mit einer Ausnahme konnte sich kein Zeuge an Torkeln oder Unsicherheiten erinnern.
Zeugen fotografierten verdächtige Männer nahe der Bahngleise
Nach der Flucht aus dem Gleisbett beobachteten die Zeugen mehrere Männer im Umfeld. Einer habe sich auffällig auf der Brücke verhalten. Ein Ingenieur aus dem Landkreis Neumarkt hatte den Eindruck „die schauen zu, was jetzt passiert“. Kurz nach der Brücke wurde später das größte Leichenteil gefunden. Mindestens einer der Angeklagten tauchte auch vor dem Dehn-Haupteingang auf. Zeugen fotografierten ihn dort. Er kam ihnen verdächtig vor, weil er sich auffällig für das Geschehen auf den Gleisen interessiert habe. Durch ein geöffnetes Fenster sprach ihn ein Dehn-Mitarbeiter an, ob er mit der Sache etwas zu tun habe. Daraufhin suchte der Mann das Weite.
Richter appelliert an Angeklagte
Ob diese Männer tatsächlich auch die Täter sind, konnte aber nach wie vor keiner der Zeugen sicher sagen. Die Schuld der Angeklagten stehe noch lange nicht fest, betonte auch Vorsitzender Richter Markus Bader. Er redete den Angeklagten Nojus K. und Provilas C., die bisher schwiegen, dennoch ins Gewissen. Bislang sei kein Alternativtäter in Sicht. Es sei vielleicht an der Zeit, sich zu äußern, „wenn Sie dazu Erinnerungen haben, vielleicht sogar dabei waren“.