Trotz vieler Leerstände: Ringen um jede Zwischennutzung in der Regensburger Altstadt

Neupfarrplatz, Kohlenmarkt, Goliathstraße – viele Läden in der Altstadt sind verwaist. Die Frage nach dem Umgang mit Leerständen hat durch das Aus der Galeria Kaufhof und der Nachricht von einem möglichen islamischen Zentrum Fahrt aufgenommen.
Die aktuellen Zahlen zu Leerständen werden erst in Kürze vorgelegt, sagt Katrin Butz von der städtischen Pressestelle. Dann werde feststehen, wie genau das Aus für den Kaufhof auf diese Bilanz einzahlt. Der machte ihr zufolge mit seinen etwa 12 600 Quadratmetern immerhin rund 20 Prozent der Verkaufsfläche in der Altstadt aus.
Dabei standen laut Butz auch schon im Herbst 2023 – als der Kaufhof noch geöffnet hatte – 38 Ladeneinheiten mit einer Verkaufsfläche von 4500 Quadratmetern leer. Bei zu diesem Zeitpunkt insgesamt 443 Ladeneinheiten mit einer Verkaufsfläche von 62 600 Quadratmetern habe die Leerstandsquote damals 6,7 Prozent betragen.
117 Betriebe weniger als 2013
Zum Vergleich: Zehn Jahre zuvor hatte es laut Butz noch 560 Einzelhandelbetriebe gegeben – also 117 mehr. Die Leerstandsquote habe bei 4,7 Prozent gelegen. Den größten Sprung nach unten bei den Betrieben gab es laut der städtischer Zahlen zwischen 2017 und 2018: von 523 auf 449. Die höchste Leerstandsquote weist das Jahr 2021 mit einem Wert von 7,9 Prozent auf.
Zwischennutzungen wie das M26 in der Maximilianstraße könnten zumindest zeitweise Leben in die leeren Läden bringen. Diese Konzepte lassen sich in der Altstadt jedoch an einer Hand abzählen. Deswegen will die Brücke-Fraktion ein Verfahren dafür.
Insbesondere das Kultur- und das Planungsreferat sollen leere Einheiten für kulturelle, soziale oder gemeinwohlorientierte Projekte finden und – wenn es geht – auch zur Verfügung stellen. Start-ups, Kreativschaffende und Kleinunternehmer könnten laut des Antrags, der voraussichtlich am 18. Februar im Planungsausschuss behandelt wird, davon profitieren.
Die Idee, leer stehende Läden für derlei Projekte zu nutzen, ist nicht neu. Bereits im Jahr 2013 startete in Regensburg mit Contemporary eine erste Initiative, die sich des Themas annahm. Warum aber sind die Zwischennutzungen so schwer umzusetzen? Butz von der städtischen Pressestelle sagt, dass es meist die Hauseigentümer seien, die ihre Immobilie nicht für eine Zwischennutzung bereitstellen wollen. Manchmal scheitere es auch an der Bauordnung. Zudem seien Zwischennutzer oft nicht bereit, Miete zu zahlen.
Lorenzo Kettmeir leitet das Projekt Interim, einen Dienstleister für Zwischennutzungen und Leerstandsmanagement in Zürich. Aktuell habe er laut eigenen Angaben 5000 Verträge für Zwischennutzungen am Laufen. Kettmeir nennt lediglich zwei Knackpunkte, die für deren Gelingen wichtig seien: Dass die Zwischennutzer zeitgerecht ausziehen und dass sie ein Konzept verwirklichen, das sich zurückbauen lässt. Die Kommune sieht er weniger in der Pflicht. „Es braucht einen Dienstleister, der das übernimmt und der den Eigentümer entlastet“, sagt Kettmeir.
In Deutschland seien Zwischennutzungen ohnehin noch nicht so etabliert wie in der Schweiz. Als Grund dafür nennt Kettmeir etwa den größeren Leidensdruck im Nachbarland, was bezahlbare Immobilienfläche angeht. Nach 15 Jahren sei in der Schweiz ein regelrechter Trend entstanden. „Es ist salonfähig geworden. Viele Startups wollen genau das“, erklärt er. In der Bundesrepublik aber werde es noch etwas dauern, bis das Thema Fahrt aufnimmt.
Kettmeir habe hier etwa 17 000 Quadratmeter Fläche in Zwischennutzung – in Bayern allerdings keinen einzigen davon. Büros für Start-Ups oder Studentenwohnungen seien relativ leicht als Zwischennutzung umzusetzen. Bei Industriebauten sei es schwieriger, geeignete Konzepte zu finden. Das habe Kettmeir aber trotzdem nicht davon abgehalten, Lichtshows in einem 5000 Quadratmeter großen Unterwasserreservoir abzuspielen.
Experten sehen viele Vorteile
Ein Regensburger, der Zwischennutzungen nach wie vor positiv gegenübersteht, ist Thomas Zink, Geschäftsführer im Donaueinkaufszentrum (DEZ), – und das, obwohl das DEZ und der dortige Pop-up-Store der Bundeswehr einige Protestaktionen über sich ergehen lassen mussten. Für Zink sind Zwischennutzungen eine spannende Möglichkeit, das Angebot für Besucher noch vielfältiger zu gestalten und innovativen oder temporären Konzepten Raum zu geben. „Gleichzeitig ermöglichen sie Unternehmen, ihre Produkte und Dienstleistungen einem breiten Publikum vorzustellen“, zählt er auf.
Maria Müller, Geschäftsführerin bei Faszination Altstadt, spricht ebenfalls die Vorteile für Mieter und Vermieter an. „Wir verstehen die Vermieter, dass die Zwischennutzungen wirtschaftlich und organisatorisch nicht so attraktiv sind, wie eine langfristige Vermietung“, sagt sie. Sie sieht aber auch eine Art gesellschaftliches Engagement darin, die Nutzung von leer stehendem Raum für andere sinnvolle Zwecke, kurze Zeiträume und zum fairen Zins zu ermöglichen.


