Exklusive Untersuchung: Bayerns Kultur- und Kreativwirtschaft leidet unter der Konjunkturflaute

Bücher, Musik, Computerspiele, Werbung – die Liste ließe sich lange fortführen. Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist vielleicht die vielfältigste Branche in Bayern. Die Konjunkturflaute geht aber auch an ihr nicht spurlos vorbei. Das zeigt der zweite Kreativindex der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) und des Bayerischen Landesverbands der Kultur- und Kreativwirtschaft (BLVKK), der der Mediengruppe Bayern exklusiv vorlag.Zum ersten Mal wurde die Kennzahl, die zeigen soll, wie es der Branche geht, Anfang 2024 veröffentlicht. Damals lag der Index bei 76 Punkten – von 200 möglichen. „Der Kultur- und Kreativwirtschaft im Freistaat geht es schlecht“, sagte vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt damals der Mediengruppe Bayern. Es konnte also nur besser werden? Ganz im Gegenteil: Der Wert ist im Vergleich zum vergangenen Jahr nochmals um 15 Punkte auf 61 abgesackt.
Carola Kupfer: Kreativindex nicht überraschend
„Der neue Kreativindex beunruhigt mich sehr“, sagt Carola Kupfer. Die Regensburger Autorin ist Präsidentin des BLVKK. Überraschend sei das Ergebnis aber nicht, erklärt sie auf Anfrage. „Schließlich hängt unsere Branche in vielen Bereichen eng an der Gesamtwirtschaft.“ Beispiel Marketing, einer von elf Teilmärkten der Kultur- und Kreativwirtschaft: Wer hier tätigt ist, arbeitet oft als Dienstleister für Unternehmen aus anderen Branchen. Für Kupfer ist es deshalb „kein Wunder“: „Wenn es der Gesamtwirtschaft schlecht geht, trifft das auch die Kultur- und Kreativwirtschaft.“
Brossardt schlägt in die gleiche Kerbe: „Die herausfordernde wirtschaftliche Lage belastet die Branche schwer.“ Dabei sei sie sehr wichtig für den Standort. Dem Hauptgeschäftsführer zufolge arbeiten immerhin 3,8 Prozent der Erwerbstätigen in Bayern in der Kultur- und Kreativwirtschaft. „Zudem stellt sie mit 44,4 Milliarden Euro rund drei Prozent der Umsätze der bayerischen Wirtschaft dar“, so Brossardt.
Dramatischer Einbruch des Teilindex „Beschäftigung“
Berechnet wird der Kreativindex vom Kölner Forschungsunternehmen IW Consult. Die Wissenschaftler unterscheiden drei Teilindizes. Ein Baustein ist die Meinung von Experten. Immerhin: Die Befragten sehen die Lage etwas positiver als im vergangenen Jahr. Der Teilindex „Expertenmeinung“ ist gestiegen – allerdings nur um einen Punkt auf 55. Deutlicher ist die Steigerung da schon beim „Medienecho“. Der Teilindex untersucht, wie die Kultur- und Kreativwirtschaft in der Presse aufgegriffen wird. Im Fokus steht allerdings nur die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung als größte Tageszeitung Bayerns. Der Teilindex liegt nun bei 77 Punkten – nach 63 im Vorjahr.
Diese leicht positiven Entwicklungen können aber über den Absturz des dritten Teilindex „Beschäftigung“ nicht hinweg täuschen. Carola Kupfer spricht von einem „dramatischen Einbruch“. Der Wert ist um 49 Punkte niedriger als im Vorjahr. Waren es 2024 noch 110 Punkte, sind es nun 51. Der Regensburgerin zufolge liegt das vor allem an der wirtschaftlichen Situation. Viele in der Branche hätten schließlich Zukunftssorgen. „Ich kenne einige, die neben ihrer Tätigkeit als Solo-Selbstständige zur Sicherheit noch einen Halbtagsjob bei einem Unternehmen angefangen haben“, sagt Kupfer. Der „Beschäftigungs“-Index lässt vermuten: Manche könnten ihre Tätigkeit in der Kultur- und Kreativwirtschaft auch ganz an den Nagel gehängt haben. Eine Rolle spielt hier sicher auch der demografische Wandel. Die Babyboomer gehen in Rente, gleichzeitig fehlt der Nachwuchs – die Branche sei weniger attraktiv als früher, so Kupfer. Das klingt einleuchtend: Beispielsweise die Bezahlung liegt in manchen der Teilmärkte weit unter dem, was sich Berufseinsteiger oft vorstellen.
Hoffnung auf Künstliche Intelligenz
Die Branche müsse sich nun überlegen, wie sie sich zukunftsfähig aufstellen kann, zieht Kupfer ein Fazit aus dem neuen Kreativindex. Die öffentliche Wahrnehmung der Branche liege „deutlich unter ihrer wirtschaftlichen Bedeutung“. „Hier müssen wird dringend aufholen“, sagt die Regensburgerin. Auch die Politik sei aber am Zug: „Die gesamtwirtschaftliche Situation muss einfach besser werden.“ Wenn generell eine bessere Investitionslaune komme, werde es auch der Kultur- und Kreativwirtschaft besser gehen, ist die Expertin überzeugt.
Hoffnung setzt Kupfer auch auf ein Thema, das seit geraumer Zeit fast alle Branchen beschäftigt: Künstliche Intelligenz. „Die hat unglaublich viel Potential“, so die Verbandspräsidentin – auch die befragten Experten sehen in der Technologie große wirtschaftliche Vorteile. Wichtig ist in dem Zusammenhang laut Kupfer aber auch das Thema Bildung. „Wenn man weiß, wie mit KI umzugehen ist, braucht man auch keine Angst davor zu haben.“