Wie Luisa (24) aus Regensburg in tiefe Schulden geriet – und sich wieder rauskämpft

Von Daniel Pfeifer · 27. Januar 2025 um 05:00

Drei Ordner füllen die Rechnungen, Mahnungen und Vollstreckungs-Drohungen der 24-jährigen Luisa. Sie ist eine von vielen jungen Regensburgern, die im Sog der Schulden stecken. Der Verein Kontakt unterstützt diese Menschen. Doch auch sie sind an ihrem Limit.

Es sind nur Blätter Papier, doch sie sind erdrückend schwer. Einige Kilogramm wiegen sie, verteilt auf drei Ordner. Noch viel schwerer wiegt der Inhalt: Rechnungen, Mahnungen, Vollstreckungs-Drohungen. Es ist die gesamte Geschichte der Schulden von Luisa (Name zur Wahrung der Anonymität geändert), 24 Jahre alt, aus Regensburg, in schwarzer Druckertinte auf weißem Papier. Es ist aber auch der Anfang der Geschichte, wie Luisa sich aus dem Sog der Schulden wieder herauskämpft – dank der Hilfe des Regensburger Vereins Kontakt.

Im Büro dieses Vereins sitzt Luisa, und erzählt ihre Geschichte. Sie ist eine der Klientinnen von „LiQuitt“, einem Projekt des Vereins speziell für junge Menschen zwischen 17 und 28, die verschuldet sind. Drei Sozialpädagogen arbeiten Tag für Tag, um den Betroffenen zu helfen. An Klienten mangelt es ihnen in Regensburg nicht: 119 waren es 2024, zuvor stieg von Jahr zu Jahr die Zahl Hilfesuchender und die Wartezeit.

So geriet Luisa in Schulden

Gründe sind oft Arbeitslosigkeit, eine schlechte Geldplanung – und immer öfter auch Online-Shopping.

So auch bei Luisa. Begonnen hat für sie alles vor rund fünf Jahren. Mit 19 Jahren zog sie von zu Hause aus, stand nun finanziell auf eigenen Beinen. Die erste Zeit ging das gut, bis zum Dezember 2020. Sie wollte ein paar Weihnachtsgeschenke kaufen, hatte aber kein Geld mehr übrig. Und bestellte dann trotzdem – Online-Handel sei Dank: Mit den Zahlungsanbietern Paypal oder Klarna wie auch auf der Händlerwebsite Amazon kann man quasi auf Pump kaufen. „Die machen es einem sehr einfach, mehr Geld auszugeben, als man hat“, erzählt Luisa. „Stück für Stück hat es angefangen bei mir.“

Es waren meist kleine Beträge: mal zehn, mal 20 Euro, mal die nicht bezahlte Handyrechnung, mal das Zugticket. Einmal war es aber auch eine Waschmaschine. Sogar das Jobcenter verlangt Geld, das die ausgebildete Hauswirtschaftsassistentin einmal zu viel als Leistung erhalten hat. Der Schuldenberg wuchs, Mahnungen flatterten ins Haus. Aufgemacht hat Luisa die Briefe nicht mehr, „weil ich einfach wusste, ich kann sie nicht zahlen.“

Mit Reisetasche voll Briefe zu Kontakt

Anfang 2022 war es dann soweit: Mit einer Reisetasche voller Post machte sie sich auf zum Verein Kontakt. Empfohlen hatte dies eine Betreuerin im Frauenhaus, wo Luisa zu der Zeit, an Depressionen leidend, lebte. Seitdem kümmert sich Regina Berger um Luisa. Die studierte Sozialpädagogin half ihr, einen Überblick über ihre Schulden zu bekommen. Es war ein Schock für die 24-Jährige: Zehntausende Euro sind es. Höchste Zeit, zu handeln.

„Viele melden sich erst, wenn es schon kritisch ist“, sagt Regina Berger. Ziel ist dann erst einmal, den Schuldenzuwachs zu stoppen, der Abbau kann danach Jahre dauern. „Bei vielen Jugendlichen fängt es an, wenn sie daheim ausziehen“, sagt Berger. Aber auch Schulden durch Online-Shopping nähmen merklich zu. „Das gehört ja schon fast dazu. Man merkt ja, wie Firmen wie Klarna hippe Werbung machen: jetzt kaufen, in einem Monat zahlen.“ Luisa kennt diese Risiken inzwischen, ist „viel geiziger geworden“, sagt sie. Leicht sei es aber nicht, zu widerstehen. „Es ist wie die Tafel Schokolade, die vor dir liegt, aber die du nicht essen darfst.“

Luisa kämpft sich dank LiQuitt zurück

Ihre Schulden hat Luisa inzwischen unter Kontrolle. 2024 machte sie ihren Quali, nun folgen Mittlere Reife und eine Ausbildung. Nach schwieriger Suche hat sie nun auch eine Wohnung im Landkreis Regensburg gefunden. Wohl noch vier oder fünf Jahre wird sie die Schulden mit sich herumtragen. „Aber sie belasten mich nicht mehr so, weil ich weiß: es ist immerhin geregelt“, sagt Luisa. „Ohne Kontakt hätte ich es nicht geschafft. Hier hat man nie das Gefühl, an den Pranger gestellt zu werden.“

Für Xaver Greil, Regina Berger und Nicole Schneider ist es ein Erfolgserlebnis, Menschen helfen zu können. Luxuriöses Gehalt können sie in ihrem Job nicht erwarten, ihre ehrenamtlichen Helfer kriegen gar nichts. Dafür nehmen sie aber Arbeitszeit ebenso wie mentale Last auf sich. „Es gibt Klienten, die machen dich platt“, sagt Xaver Greil. Die stünden dann mit 150 Gläubigern vor der Türe – die Bewältigung solcher Klienten allein wäre ein Vollzeitjob. Unmöglich für den unterfinanzierten Verein. Oft aber stünden Schuldner unter großem Stress, litten unter Scham, wollen schnellstmöglich raus aus den Schulden, sagt Greil. „Da kommt der riesige Ex-Knasti, von oben bis unten tätowiert, muskelbepackt – hat aber panische Angst, zum Briefkasten zu gehen.“ Die Schwere der psychischen Last werde oft unterschätzt. Hier bei Kontakt kenne man sie nur zu gut.

Zahlen zur Verschuldung in Regensburg

Schuldenhelfer: Der Verein Kontakt wurde 1977 gegründet, in erster Linie zur Resozialisationshilfe für Straffällige. Längst wurde dies über die JVA ausgeweitet. Neben Kontakt sind auch Diakonie und Caritas in der Schuldenhilfe tätig.

Zahlen: Das Programm LiQuitt für jung Verschuldete begann 2022 mit 59 Klienten. 2023 waren es 98, 2024 dann 119. „Unsere Kapazitätsgrenze ist erreicht“, sagt Xaver Greil. Er hofft auf Budget für eine Zusatzstelle.

Finanzierung: Kontakt hat derzeit 1,5 Stellen, finanziert von Kommune und kommunaler Stiftung, so Xaver Greil. „Das bringt uns immer wieder an Grenzen. Das Fallaufkommen ist schwierig für uns zu bewältigen, ohne psychisch zu erkranken“, sagt er über die Belastung. Doch die Kommune müsse eben sparen – leider auch hier.

Erwachsene: Neben Jugendlichen hilft Kontakt auch Erwachsenen: 274 Klienten hatten sie 2024 in der Schuldnerberatung in ihrem Büro sowie in der JVA Regensburg. 2023 waren es noch 235 Klienten.

Workshops: Neben der persönlichen Beratung gibt Kontakt viele Workshops im Büro und an Schulen. Einige sind präventiv, andere sollen bereits Betroffene ansprechen. Alle sind kostenlos. Der nächste Workshop ist am Donnerstag um 18 Uhr zum Thema „Ein Survivalguide für deine (erste) eigene Wohnung“.

Kontakt: Zu finden ist der Verein Kontakt in der Hemauerstr. 6, erreichbar ist er unter (09 41) 5 67 45 29 und online unter www.kontakt-regensburg.de.

Helfer bei Kontakt: Xaver Greil, Regina Berger, Nicole Schneider