Schicksale auf Regensburgs Straßen: Obdachlose erzählen ihre Geschichte

Eine Matratze, Decken, Rucksäcke, ihre bulgarischen Pässe – viel mehr besitzen Dobri und Mirka Yordanova nicht. In der Überdachung einer Brücke haben sie Schutz gefunden, die Stadt Regensburg und die Caritas wollen sie von der Straße holen. Es sind zwei von 531 Menschen, die in Regensburg als wohnungslos gelten.
Das schützende Glas ist gebrochen, feine Regentropfen benetzen die Oberfläche. Mirka Yordanova wischt über das gerahmte Bild der Gottesmutter Maria, schließt die Augen, küsst das gespaltene Glas. Feine Wassertropfen glitzern auch in ihren Haaren, doch sie hat sich längst daran gewöhnt. Seit drei Monaten lebt sie mit ihrem Mann Dobri auf den Straßen Regensburgs. Die Überdachung an einer Brücke bietet den beiden 60-Jährigen etwas Schutz, zwei Schirme halten seitlichen Nieselregen ab.
Das Leben von Dobri und Mirka Yordanova ist eines von vielen Schicksalen in Regensburg. 531 Menschen gelten in der Stadt als wohnungslos, manche leben bei Bekannten oder in Frauenhäusern, 270 sind in Obdachlosenunterkünften untergebracht, rund 30 Menschen leben auf der Straße – so die aktuellen Zahlen der Stadt. 458 der 531 Wohnungslosen haben eine ausländische Staatsbürgerschaft. „Im Wesentlichen osteuropäische Familien“, erklärt Regensburgs Sozialbürgermeisterin Astrid Freudenstein. Am schwersten zu erfassen und zu erreichen seien diejenigen, die nicht in Unterkünften leben möchten, sagt sie. „Das sind oft Einzelpersonen mit bitteren Lebensläufen, Suchterkrankungen, allein in der Welt – Deutsche wie Ausländer.“
Die Heimat auf dem Handy
Auch Dobri und Mirka Yordanova sind solche Menschen, die aus dem Raster fallen. Mit Hilfe einer Übersetzer-App erzählen sie ihre Geschichte: Von ihrem Leben in Bulgarien, wo Dobri früher Gewächshäuser gebaut habe, von ihren Kindern, von der Arbeitslosigkeit und der Fortreise in ein vermeintlich besseres Leben, von Minijobs in Polen. Immer wieder öffnet Dobri seine Foto-App, wischt durch Bilder von sich bei der Arbeit, von seiner Heimat, von einer Geburtstagstorte seiner Kinder. Er freue sich, dass ihm jemand zuhöre, tippt er in den Übersetzer. Passanten huschen vorbei und kümmern sich wenig um die beiden.
Wenige Stunden nach dem Gespräch kommen dann aber Menschen, die sich kümmern: Streetworker der Caritas. Sie bringen Essen und Kleidung, vor allem aber Empathie und Geduld. „Ein Lächeln, Augenkontakt, einladende Gesten können Vertrauen aufbauen. Vieles kann ohne Worte ausgedrückt werden, dazu zählen Respekt und Freundlichkeit“, sagt Brigitte Weißmann, Leiterin der Sozialen Dienste der Regensburger Caritas. Der christliche Verband betreibt unter dem Namen „Noah“ einen Großteil der Obdachlosenhilfe in der Stadt – von Beratung und Unterbringung bis zur Wiedereingliederung.
Zudem gibt es Angebote der Stadt, die Bahnhofsmission, den Strohhalm und Initiativen wie den Verein Raphael, der seit 2019 medizinische Hilfe für Wohnungslose bietet. Trotz alledem gelinge es nie, alle zu erreichen, sagt Brigitte Weißmann. Oft litten Obdachlose an psychischen Problemen, hätten Traumata, tiefes Misstrauen oder würden schlicht Hilfe ablehnen, „sei es aus Misstrauen, Stolz oder Scham.“
Auch im reichen Regensburg merke man die Folgen von Wohnungsnot und steigender sozialer Ungleichheit, sagt Weißmann. „In den vergangenen Jahren ist die Obdachlosigkeit bundesweit angestiegen – auch in Regensburg.“ Notunterkünfte könnten das Problem nur lindern, nicht lösen. Dafür brauche es aber politischen Willen. „Wenn nicht deutlich mehr bezahlbarer Wohnraum zur Verfügung stehen wird, wird Obdachlosigkeit ein Problem bleiben und weiter zunehmen.“
In der Hilfe für Wohnungslose zumindest habe sich in den vergangenen zehn Jahren viel getan, betont Sozialbürgermeisterin Freudenstein. „Sie hat sich vervielfacht – früher gab es keine sozialpädagogische Betreuung. Das kann man gar nicht vergleichen.“ In wenigen Monaten sollen weitere 30 Plätze speziell für wohnungslose Frauen bereitstehen. Außerdem dürfe man nicht vergessen: „Sehr viele anerkannte Asylbewerber, wenn sie nicht von der Regierung der Oberpfalz untergebracht würden, wären obdachlos“, sagt Freudenstein. Menschen wie Dobri und Mirka Yordanova hätten dagegen das Problem, EU-Bürger zu sein. „Sie sind eigentlich ausreisepflichtig, reisen aber oft nicht aus, weil sie daheim nichts haben“, sagt Freudenstein. „Wir können ihnen aber auch nicht mit Sozialleistungen helfen. Formal gibt es diese Menschen gar nicht.“
Glaube und Ordnungsamt
Formal mag es Mirka Yordanova nicht geben, in der Realität sitzt sie aber auf dem kalten Boden ihrer vorübergehenden Heimat. Kraft gebe ihr als Christin der Glaube, sagt sie. „Ich bete jeden Tag an Jesus Christus und die Jungfrau Maria.“ Wofür betet sie? „Für Arbeit, für ein Zuhause“, antwortet sie. Sachte stellt sie das gerahmte Bild der Gottesmutter wieder auf die grauen Betonfliesen ihres vorübergehenden Zuhauses und geht zurück zu ihrem vorübergehenden Bett. Eine Windböe weht erneut feine Regentropfen heran, sie sammeln sich auf der Jungfrau Maria und laufen ihr Antlitz herab. Mirka Yordanova legt sich wieder hin.
Am Freitag, einige Tage später, sind zwei Mitarbeiter vom Ordnungsamt da, schicken sie zur Caritas, laden das Bett zum Transport ins Fahrzeug. Sie seien da zum Helfen, sagt einer der Mitarbeiter. Mirka und Dobri packen ihre Rucksäcke, machen sich, ohne noch einmal zurückzublicken, auf den Weg und verschwinden im Dickicht der Stadt.
Millionen für Obdachlosenhilfe
Ausgaben: Wie viel die Stadt für die Hilfe für Obdachlose ausgibt, könne man kaum umreißen, sagt Bürgermeisterin Astrid Freudenstein. Neben Fixbeträgen wie jährlich 1,6 Millionen Euro an die Caritas-Obdachlosenhilfe Noah und dem Betrieb städtischer Notwohnplätze seien auch Individualleistungen, Prävention und weitere Sozialprogramme dazuzuzählen.
Kostenexplosion: In Kumpfmühl wird das „Chancenhaus“ für ehemalige Obdachlose gebaut. 2025 soll es fertig sein und 6,2 Millionen Euro kosten. Diese werden wohl deutlich übertroffen: Mit acht Millionen Euro rechne man inzwischen, teilt die Stadt auf Nachfrage mit. Das Chancenhaus soll Obdachlosen einen Weg zurück in die Gesellschaft ermöglichen.
