Wie die Anonymen Alkoholiker in Regensburg Leben retten: Exklusive Einblicke in ein Meeting

Sechs Menschen, sechs Schicksale: Unter strenger Geheimhaltung erlaubten die Anonymen Alkoholiker AA Regensburg der Mittelbayerischen, bei einem ihrer Meetings dabei zu sein. Dies sind die Geschichten von sechs Regensburgern und ihrem Kampf gegen Alkohol, Sucht und Selbstzerstörung.
Der Vater streckt seine Hände aus. Seine Linke ergreift die Vorleserin, seine Rechte ergreift der Veteran. Sechs Menschen stehen Hand in Hand um einen Tisch, auf dem Teelichter flackern. Die Vorleserin schließt die Augen, der Vater lächelt, der Kreis löst sich auf, Ende der Sitzung. Die sechs Menschen gehen wieder ihrer Wege, kehren zurück in sechs völlig unterschiedliche Leben in Regensburg.
Namen durch Platzhalter ersetzt
Dass ihre Namen in diesem Text durch Platzhalter ersetzt sind, hat einen Grund: Bei den sechs handelt es sich um Mitglieder der Selbsthilfegruppe Anonyme Alkoholiker (AA) Regensburg. Nur unter der Voraussetzung völliger Unkenntlichkeit erlaubten sie der Mittelbayerischen exklusiv, bei einem ihrer Meetings dabei sein zu dürfen und ihre Geschichten zu erzählen.
Die sechs stehen stellvertretend für die vielen Männer und Frauen, deren Leben die AA Regensburg seit ihrer Gründung im Oktober 1973 grundlegend verändert haben. Rund 12 Teilnehmer sind durchschnittlich in einem Meeting – die ältesten über 80, die jüngsten erst 13 Jahre alt. Eine Stunde lang reden sie dort über ihre Vergangenheit mit der Sucht und ihren Weg zurück ins Leben.
• Die Vorleserin:
Die Vorleserin eröffnet das Meeting. „Ich bin Alkoholikerin“, sagt sie mit Blick in die Runde und verrät den anderen Teilnehmern ihren Vornamen. Die Vorleserin sitzt am vorderen Ende des großen Tisches, eine Kerze lässt die Oberfläche warm schimmern. Sie greift ein strahlend blaues Buch, auf dessen Einband „Anonyme Alkoholiker“ steht, schlägt es auf und liest einige Sätze aus Kapitel Sieben: Es sind Ratschläge, wie man Alkoholiker auf ihre Krankheit anspricht, ohne sie abzuschrecken oder zu bevormunden. Sie selbst wurde vor vielen Jahren von einer Freundin angesprochen. Die Vorleserin reagierte einst abweisend, verstrickte sich in Lügen, kam sogar zu den ersten AA-Meetings betrunken. Inzwischen ist sie trocken und übernimmt gern den Telefondienst der AA. Oft rufen bei ihr „nasse“ Alkoholiker an, mitten im Vollrausch, mit Verzweiflung in der Stimme. Sie weiß: Jedem Menschen, den sie erreichen kann, könnte sie gerade das Leben retten. Jemandem wie ihm:
• Der Überlebende:
Am anderen Ende des Tischs sitzt der Überlebende. Als er 1989 zu den AA kam, war er an seinem Tiefpunkt. Als Spiegeltrinker kippte er schon vor dem Frühstück drei Bier hinter, nur um ruhig zu bleiben. Er war aufgedunsen und übergewichtig, wurde nach jeder Entgiftung am Krankenhaus wieder rückfällig und wollte es doch nie einsehen, dass er krank war. Freunden glaubte er nicht, Ärzten auch nicht. Aber dann sprach er mit zwei Alkoholikern der AA und erkannte sich selbst darin wieder. Und er merkte, wie nah er am Abgrund war. Im letzten Moment kriegte er die Kurve. „Es ist nicht selbstverständlich, dass ich hier sitze“, erzählt er seinen Mitstreitern jetzt, 34 Jahre später. Hätte er keine Hilfe gefunden, hätte der Alkohol vielleicht eines dunklen Tages in den 90ern sein Leben beendet. Er hätte seine Kinder nie aufwachsen sehen und nie seine Enkelkinder kennenlernen können. „Das habe ich alles nur AA zu verdanken“, sagt er. Das werde er niemals vergessen.
• Die Angehörige:
„Dankeschön“ sagen die anderen Teilnehmer des Meetings und nicken dem Überlebenden anerkennend zu. Gegenüber von ihm sitzt die Angehörige. Vor allem die Worte über Kinder und Enkelkinder fanden bei ihr Anklang. Sie selbst ist zwar nicht alkoholkrank, aber die offenen AA-Meetings halfen ihr, die höllische Sucht ihres Mannes zu verstehen.
Sie trat „Al-Anon“ bei, der Selbsthilfegruppe für Angehörige von Alkoholikern. Dort lernte sie, wie sehr sie sich selbst zerstört bei dem Versuch, das Leben ihres Mannes allein zu managen. Gemeinsam kämpfte das Paar und nun ist der Mann seit drei Jahren trocken, sagt sie. „Es sind die schönsten Jahre, die wir miteinander hatten.“
• Der Vater:
Bedächtig schenkt sich der Vater einen Tee ein, aus einer der beiden knallroten Kannen, die zwischen Büchern und Snacks auf dem großen Tisch stehen. Dann erzählt der Vater, in den Stuhl zurückgelehnt, mit gesenktem Blick. Er erzählt von seinem Tiefpunkt vor vier Jahren, seinen Aufs und Abs, wie der Alkohol seinen Freundeskreis zerstört hat. Hier bei den AA hat er das Gefühl, vollkommen ehrlich sein zu können.
Der Vater hält kurz inne und springt dann von seiner Vergangenheit in die Gegenwart. Er selbst hat ein Kind in einem Alter, in dem viele zu trinken anfangen. Wie wohl alle Eltern treibt es den Vater um, ob sein Kind einmal die Kontrolle behält oder sich vom gesellschaftlichen Zwang zum Trinken beeinflussen lässt. Und er hegt Selbstzweifel: War er einst ein schlechtes Vorbild? Hat er in seiner schlimmsten Trinker-Phase vielleicht Verhaltensmuster gezeigt, die sein Kind irgendwann übernehmen könnte? Oder ist am Ende die Krankheit, die Sucht, vererbbar? Der Vater seufzt: „Man weiß es nicht.“
• Die junge Mutter:
Während der Vater seine Teetasse wieder in die Hand nimmt, stellt die junge Mutter ihren bunten Kaffee-To-Go-Becher vor sich auf den Tisch. Sie ist jung, mit Abstand die jüngste in der ganzen Runde. Und doch hat sie all die Selbst-Lügen auch schon hinter sich. Auch sie begann als Minderjährige zu trinken, ging gern mit Freundinnen feiern und verlor die Kontrolle. „Ich habe immer bis zum Anschlag getrunken, mich übergeben und weitergetrunken“, erzählt sie. Damals dachte sie, es sei halt witzig. Der Party-Lifestyle eben. Außerdem: „Künstler trinken doch alle“, habe sie oft gehört, und sie ist ja schließlich selbst Musikerin.
Doch dann, als sie feststellte, öfter mit Fahne aufzuwachen als nüchtern, ging sie in Therapie. Wirklich beenden konnte sie den Teufelskreis aber erst bei ihrem ersten AA-Meeting, erzählt die junge Mutter. Nie zuvor habe sie sich so gehört und verstanden gefühlt. Sie hält inne, hat Tränen in den Augen. Sie könne kaum beschreiben, wie sehr AA ihr Leben verändert habe.
• Der Veteran:
Der Veteran spricht als letztes. Er weiß von der Heimtücke der Alkoholkrankheit: Hat man sie einmal, lässt sie einen nie mehr los. 32 Jahre hat der Veteran keinen Tropfen mehr getrunken und dennoch ist er immer noch regelmäßig bei den Anonymen Alkoholikern Regensburg.
„Warum?“, wird er manchmal gefragt. Ist er zu blöd, die Botschaft zu kapieren? „Es verstehen Außenstehende oft nicht – die Meetings sind wie Medizin“, sagt er. Denn selbst wenn man 30 Jahre trocken sei, könne ein Glas Alkohol schon zu einem Rückfall führen und, wie der Veteran es aus seinem eigenen Freundeskreis bereits tragisch miterleben musste, zum Tod. Er vergleicht es mit einem chronisch Herzkranken – man müsse die Medizin immer weiter nehmen, egal wie es einem gehe. „Man bleibt Alkoholiker“, sagt der Veteran, „für immer.“
Über die Anonymen Alkoholiker
Kontakt: Die AA sind jeden Tag erreichbar auf der Telefon-Hotline (0941)19295 und online auf AA-dahoam.de. Täglich finden in der Kontaktstelle Engelburgergasse 11 offene und geschlossene Meetings statt. Es gibt auch Treffen auf Englisch und für Frauen.
Über AA: Die Gruppe hat weltweit zwei Millionen Mitglieder, ist ehrenamtlich, kostenlos und unabhängig. Anzutreffen sind sie auch am Bezirksklinikum als Ansprechpartner für Alkoholiker auf Entgiftung. Sie informieren aber auch in Schulen, Firmen und der JVA.
Jubiläum: 1935 gründeten zwei US-Amerikaner die AA. 1953 fand das erste bayerische Treffen in München statt. 2013 fand das deutschsprachige Ländertreffen mit 2500 Teilnehmern in Regensburg statt. Seit 2003 gibt es in der Domstadt eine feste Kontaktstelle. Am 3. Oktober ist dort am Nachmittag ein öffentliches Jubiläumsmeeting.