Ein Hausbau ohne Beton: Leuchtturmprojekt mit Lehmsteinen aus Rötz und Wissen aus alter Zeit

Von Stefanie Bauer · 25. Januar 2025 um 15:00

Wer heute ein Haus baut, der denkt normalerweise nicht daran, was damit in 100 oder vielleicht 200 Jahren einmal passieren wird. Die Familie Steinhilber aus Uchamühle in der Gemeinde Moosbach (Landkreis Neustadt an der Waldnaab) aber schon.

Hier wächst gerade ein Gebäude aus dem Boden, das nicht weniger als ein Leuchtturmprojekt ist – und gleichzeitig viel Wissen aus vergangenen Zeiten in sich trägt. Der Baustoff: Lehmsteine aus dem Produktionswerk von Schlagmann Poroton in Rötz.

Das Gebäude soll komplett ohne Beton, Stahl und (fast) ohne Kunststoffe entstehen. Ob das heutzutage überhaupt noch geht? „Es ist nicht einfach, aber möglich“, haben die Bauherren Fritz Steinhilber und seine Tochter Jutta (26) festgestellt. Ein Pionier war der 57-Jährige schon vor drei Jahrzehnten, als er gemeinsam mit seiner Frau, die vor vier Jahren verstorben ist, seine Landwirtschaft auf ökologischen Landbau und Mutterkuh-Haltung umgestellt hat. Mit ihren Produkten ist die Familie auf verschiedenen Märkten, beispielsweise auch in Waldmünchen, vertreten und liefert wöchentlich Abo-Kisten und Bestellungen aus.

Wo früher 100 Jahre lang ein alter Stall stand – im vergangenen Frühjahr wurde er bis auf die Nordwand abgerissen –, entsteht nun das innovative Gebäude mit einem Hofladen im Erdgeschoss und drei Ferienwohnungen im ersten Stock und im Dachgeschoss. Eine davon soll barrierefrei sein, aber nicht nur von der Zugänglichkeit her: Künftigen Feriengästen, die etwa Sehbehinderungen haben, soll beispielsweise mit unterschiedlichen, kräftigen Farben für Regale und dergleichen der (Urlaubs-)Alltag erleichtert werden.

Steine wieder zum Einsatz

Die Steine aus dem Abbruch haben die Steinhilbers aufgehoben, sie kommen im neuen Haus wieder zum Einsatz, und ein wenig soll das moderne Gebäude damit auch an den alten Stall erinnern. Im Spätsommer wurde der erste Stein gelegt.

Das Besondere: Nahezu das komplette Gebäude und nicht nur Teilwände bestehen aus ungebrannten Lehmsteinen. Es ist damit eines der ersten Häuser in Bayern in dieser Bauweise, dessen gesamte Tragstruktur gemäß der neuen DIN-Norm 18940 aus tragendem Lehmsteinmauerwerk gebaut wird. Einige Forschungshäuser in dieser Bauart seien bereits errichtet worden, weiß Florian Bielmeier, Produktmanager für den Bereich Lehmbaustoffe bei Schlagmann Poroton.

Er schaut, ebenso wie Bauunternehmer Dipl. Ing. (FH) Harald Bauer, auf der Baustelle vorbei und erklärt, dass es nur vier Anbieter in ganz Deutschland – drei in Bayern, einen in Hessen – gebe, die derartige großformatige Lehmsteine für tragendes Mauerwerk anbieten. Nicht nur aus Deutschland, sondern international gebe es bei Schlagmann Poroton Anfragen nach den Lehmsteinen, etwa aus Norwegen und südlicheren Ländern wie Spanien und Italien, berichtet Florian Bielmeier.

Bis etwa Mitte des letzten Jahrhunderts sei es übrigens auch hierzulande üblich gewesen, Häuser aus Lehmsteinen zu errichten. Die Steinhilbers erklären, warum sie sich dafür entschieden haben: Lehm reguliert automatisch das Raumklima, weil er Feuchtigkeit aufnimmt und auch wieder abgibt. Die Gefahr einer Schimmelbildung ist somit geringer. Auch energetisch hat der Baustoff überzeugt, da er Wärme und Kühle gut speichern und somit Heiz- und Kühlkosten senken könne.

Dass Lehm keine Schadstoffe abgibt, sei beim Bau der Ferienwohnungen und des Hofladens entscheidend gewesen. Und, wie eingangs erwähnt, denken die Steinhilbers schon an die nächste(n) Generation(en): Der Baustoff ist nachhaltig und komplett wiederverwendbar, wenn er einmal in ferner Zukunft etwas anderem weichen sollte. Und ließe man ihn irgendwo auf einem Feld liegen, würde er einfach wieder zu Erde. Zudem, ergänzt Florian Bielmeier, sei Lehm komplett technologieoffen, man könne ihn auch mit Holz- oder Betonbauweise kombinieren, wenn gewünscht.

Auf den Witterungsschutz muss bei diesem Baustoff ein besonderes Augenmerk gerichtet werden. Von außen müsse er durch Holz geschützt werden, erklärt die zweifache Mutter Jutta Steinhilber, deren Bruder Michael übrigens seit vergangenem Jahr Kaplan in Bad Kötzting ist.

Der ursprüngliche Plan wäre, berichtet ihr Vater, eigentlich gewesen, das Haus aus eigenem Lehm – Stampflehm – zu errichten. Das konnte jedoch nicht umgesetzt werden, weil nach Prüfungen des Lehms bei der OTH in Regensburg die vorgeschriebene Tragfähigkeit nicht erreicht worden wäre.

Wenn es schon nicht der eigene Lehm werden konnte, sagen die Steinhilbers, dann habe man die Lehmsteine wenigstens regional vom nahe gelegenen Produktionswerk in Rötz beziehen wollen. Und so wurde es letztlich nur eine einzelne, nicht tragende Wand aus dem Stampflehm im künftigen Hofladen. Doch auch beim teilweisen Verputzen und als Schüttung im Bodenaufbau kann der eigene Lehm später verwendet werden.

Ein Muss sei die eingebaute Sperrschicht im Fundament, das aus hofeigenen Feldsteinen gemauert wurde, gewesen, so Harald Bauer. Diese sei als Nässebarriere notwendig. Verwendet werden auch konventionelle Dachziegel, weil diese für das Gebäude am praktikabelsten seien, ergänzt Fritz Steinhilber.

Baukosten förderfähig

Wann das Bauprojekt abgeschlossen sein soll? „Ende des Jahres muss es fertig sein, wegen der Förderung“, sagt der Bauherr. Etwa 20 Prozent der Baukosten seien über das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten förderfähig.

Auch andere Bau-Technologien hätten natürlich ihre Berechtigung, fügt er hinzu. Doch weil es hier, beim Hausbau in Uchamühle, möglich sei, wollten seine Tochter und er sich an dieses spannende, moderne und gleichzeitig traditionelle Bauprojekt wagen.

Hintergrund:

Ziegel: Durchgesetzt hat sich gebrannter Lehm in Form von Ziegeln, wie wir sie heute kennen. Das Brennen verfestigt das Material dauerhaft, macht es besonders stabil und beständig.

Lehmsteine: Aber auch mit ungebrannten Lehmsteinen – bei Schlagmann Poroton lautet der Markenname Lembloc – können stabile Wände errichtet werden, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens.

Das kleine Stück Stampflehmwand, daneben die tragende Säule aus Lehmsteinen und unten Feldsteine als Fundament
Bis Ende des Jahres soll das spannende Bauprojekt abgeschlossen sein. Foto: Dipl. Ing. (FH) Harald Bauer