Bus und Rad oder Straßenausbau? Der Verkehr spaltet Regensburg

Regensburg ringt um die mobile Zukunft. Die eine Fraktion will Straßenausbau, die andere Bus und Rad. Im März wird das neue Mobilitätskonzept für die Region vorgestellt, das einen Mittelweg vorschlägt.
97.000 Pendler rollen an Wochentagen zum Arbeiten nach Regensburg, viele mit dem Auto. Der innerstädtische Binnenverkehr kommt hinzu. Nicht nur zu Stoßzeiten und wenn es auf einer der beiden Autobahnen gekracht hat, erstickt die Stadt im Verkehr. Das Mobilitätskonzept für den Großraum Regensburg soll Lösungen vorschlagen. Seit 2021 arbeiten Verkehrsexperten, Verantwortliche aus Stadt und Landkreis daran. Die Bürger haben mitgeredet.
Am 10. März wird das Konzept nun der Öffentlichkeit vorgestellt. Projektingenieur Jakub Ritschny von der Karlsruher Beratung PTV Transport Consult GmbH hat im Vorfeld Einblicke ermöglicht. Das Aus für die Stadtbahn im Juni hat die Verkehrsplaner kalt erwischt, denn die Tram sollte eine Art Rückgrat des öffentlichen Nahverkehrs werden.
Vier Rad-Vorrangrouten
In Regensburg gibt es zwei starke Fraktionen. Die einen argumentieren für einen Ausbau von Bus, Bahn und Radwegen. Die anderen fordern staulose Fahrt für das Auto. Das hat schon die relativ knappe Ablehnung der Tram gezeigt (53,4 Prozent). Auch die Bürgerkommentare zum Mobilitätskonzept spiegeln das wider.
In den Workshops hat Ritschny diese „Gespaltenheit der Regensburger“ erlebt. „50 Prozent wollen eine radikale Wende Richtung Umweltverbund, die anderen 50 Prozent wünschen sich eine moderate Wende, bei der alle Verkehrsmittel gleichzeitig gestärkt werden, auch das Auto.“ Einig seien sich aber alle beim Ausbau von Bussen und Schiene.
Wolfgang Bogie vom ökologischen Verkehrs-Club Deutschland (VCD) hat mitgewirkt bei den Workshops. Die Diskussion habe sich schon alleine gelohnt, weil sich viele Menschen geöffnet und geschaut hätten, welche Lösungen existierten. „Man hat nicht nur die Straße betrachtet, sondern auch Bus und Schiene.“ Seine Kritik: Letztendlich habe man es nicht geschafft, alte Zöpfe abzuschneiden. „Nach wie vor sieht es so aus, dass man mehr in den Ausbau von Straßen investieren will als in Busse und Bahn-Haltepunkte.“
Auch Umland unter die Lupe genommen
Er verweist auf die geplante Sallerner Regenbrücke mit Ausbau der Nordgaustraße. Auch der Bau von Umgehungsstraßen auf dem flachen Land werde nicht ausgeschlossen. Für das Mobilitätskonzept wurde nicht nur Regensburg unter die Lupe genommen, sondern auch das Umland, von Hemau bis Wörth und Regenstauf bis Schierling.
Natürlich stellt die Masse der Einpendler die Verkehrsplaner vor Probleme. Der öffentliche Nahverkehr im Landkreis sei gar nicht schlecht, sagt Jakub Ritschny. „Doch die extreme Fokussierung auf Regensburg kann man nicht ändern.“
Das Mobilitätskonzept fordere jedoch nicht, den motorisierten Individualverkehr (MIV) zu stärken, sondern den Umweltverbund. Der Wirtschaftsverkehr – Handwerker, Speditionen, Lieferanten – solle davon profitieren, dass künftig mehr Menschen Bus, Rad oder Bahn nehmen, die Straßen also nicht mehr so voll sein werden. „Ansonsten stehen kurze Wege und kompakte Siedlungsplanung im Mittelpunkt.“ Damit meint Ritschny Wohnquartiere mit Büros, Kitas, Supermärkten und Bus- oder Bahnanbindung.
Mehr Park&Ride-Plätze am Stadtrand empfohlen
Die Verkehrsplaner empfehlen mehr Park&Ride-Plätze am Stadtrand und größere P&M-Flächen (Parken und Mitnehmen) an Autobahnanschlussstellen, etwa beim Lappersdorfer Kreisel. Bei allen Bahnhöfen, künftig zum Beispiel in der Walhalla-Allee und in Wutzlhofen, soll P&R ausgebaut werden. Vier Strecken schlagen die Experten für Radvorrang-Routen vor: von Burglengenfeld über Regenstauf nach Regensburg; von Pettendorf in die Stadt; von Bernhardswald über Wenzenbach sowie von Wörth über Donaustauf ins Zentrum. „Sie sollten so ausgebaut werden, dass sie einem Radschnellweg gleichkommen“, sagt Ritschny.
Die Stadt brauche dringend mehr bevorrechtigte Busspuren und solle prüfen, wo Tempo 30 für den Autoverkehr eingeführt werden könne, um die Lebensqualität der Anwohner zu erhöhen. Die neue Straßenverkehrsordnung vom Oktober erleichtert das. Carsharing, Bikesharing und alternative Antriebsformen bei den Bussen sollen weiter ausgebaut werden. Nicht infrage gestellt werden die Sallerner Regenbrücke, der vierstreifige Ausbau der B16 zwischen Gallingkofen und Hasl-bach sowie der Tunnelausbau ab 2030.
Mehr Tempo 30 einführen
Laut dem Verkehrsfachmann geht es um ein Zusammenspiel von Maßnahmen. „Öffentlicher Nahverkehr, Digitalisierung und Information der Menschen müssen einhergehen mit Schritten, die den Autoverkehr weniger attraktiv machen, wie die Temporeduzierung zum Schutz von Radfahrern und Fußgängern und die Reduzierung von Parkraum in zentralen Lagen.“
Wolfgang Bogie erkennt im Landkreis nicht dieselben Anstrengungen wie in der Stadt, um den Modal Split zu verbessern, also den Autoverkehr zurückzudrängen. Freilich ist das auf dem Land auch wesentlich schwieriger. Immerhin baue der Landkreis Fahrradwege. Bei Bus und Bahn müsse mehr geschehen. Bogie fordert: „Wir brauchen mehr Leuchtturmprojekte wie die neue Mariaorter Radbrücke und den geplanten 30-minütigen S-Bahntakt.“
40.000 der Einpendler kommen aus dem Landkreis. Landrätin Tanja Schweiger verweist darauf, dass dieser 2025 zehn Millionen Euro für einen leistungsfähigen öffentlichen Nahverkehr ausgibt. Sie fordert höhere Zuschüsse vom Freistaat. Die Radwege würden laufend ausgebaut, auch als Zubringer zu Bus und Bahn.
Eine Pattsituation
Umweltverbund: Online bewerteten Bürger drei Schwerpunkte. Der Bevorzugung des Umweltverbunds (Fuß-, Rad-, öffentlicher Nahverkehr) stimmten ca. 49 Prozent ganz oder teilweise zu, 51 (eher) nicht.
Ökologische Verkehrswende: Dafür waren 48 Prozent, dagegen 47.
Straßenausbau: 53 Prozent stimmten zu, 47 nicht.

