Von der Busspur bis zur Radroute: Der Kampf um den Straßenraum in Regensburg

Dass der Umweltverbund, also Busse, Radler und Fußgänger Priorität haben sollen, ist erklärtes Ziel der Stadt. Zeit für eine Bestandsaufnahme – und ein paar Wünsche für 2025.
Als „irre Straßenbemalungen“ empfinden es die einen – als „deutliche Verbesserung“ die anderen: Die neue Spur für Bus- und zum Teil auch Radfahrer im Kumpfmühl zeigte im Spätherbst, wie heftig der Kampf um den Straßenraum auch 2024 tobte.
Planungsreferent Florian Plajer sagt: „Die Grundlage für die Neuverteilung des Straßenraums wäre gewesen, die Entscheidung für die Stadtbahn zu haben.“ Für sie hätte die Stadt knapp 18 Streckenkilometer größtenteils von „Fassade zu Fassade“ neugestaltet. Nun arbeitet sie an einer Alternative für einen besseren öffentlichen Nahverkehr. „Das wird wohl primär ein busbasiertes System sein.“ Ein Konzept dafür soll der nachhaltige urbane Mobilitätsplan enthalten, der 2026 vorliegen soll. Auch eine Thermalbefliegung der Stadt, die besonders heiße Stellen zeigte, zählt Plajer zu den „Impulsen, die es uns möglich machen, in so eine Neuorganisation tiefer einzusteigen“. Dabei geht es auch um mehr Grün und Wasser. Wo sich Busse beschleunigen lassen, werde untersucht. In der Zwischenzeit ließen sich Verbesserungen linienweise erreichen, etwa mit Ummarkierungen wie in Kumpfmühl. Dort haben die Autos jetzt etwas weniger Platz.
Obermünsterstraße bald dran
Als Schwerpunkt für 2025 sieht Plajer die Neuorganisation des Parkens in der Innenstadt. Im Frühjahr sollen die öffentlichen Parkplätze aus der Obermünsterstraße verschwinden. „Das wird die nächste Stelle sein, wo der ruhende Verkehr anders organisiert wird.“ Auch soll vor der – 2024 vertagten – politischen Entscheidung über die Mobilitätsdrehscheibe am Unteren Wöhrd samt Parkhaus das Verkehrsberuhigungskonzept für die Altstadt stehen. Die erste Radroute von 18 – zehn Kilometer von West nach Ost, auf denen vor allem bestehende Verbindungen attraktiver wurden – eröffnete Plajer 2024, fünf Jahre nach dem erfolgreichen Bürgerbegehren. Er sagt: „Das reicht natürlich nicht, wenn wir in dem Tempo weiterkommen.“ Als „kleine Neuverteilung“ in der Altstadt und deren Umfeld zählt er die 38 neuen Abstellflächen für E-Scooter und Leihräder auf. So sollen die Fahrzeuge vor allem Fußgänger weniger behindern.
Ein Aufreger war auch 2024 die Durchfahrtssperre am Bahnhof. Ursula Hildebrand, Regionalreferentin des Autoclubs Europa, beklagt, mit der laufenden Neugestaltung zementiere die Stadt „mehr als unbefriedigende Situation“ für Abholende. Die Regelung für Autofahrer werde „immer verwirrender“. Ebenfalls verschlechtert habe sich die Parksituation am Unteren Wöhrd. Der Platz sei mittlerweile kostenpflichtig, „aber nicht wirklich aufgewertet“. „Wir wünschen uns, dass die Verdrängungspolitik der Stadt in Bezug auf Autos in der Innenstadt nicht so einseitig betrieben wird“, schreibt Hildebrand. Sie hält die Mobilitätsdrehscheibe für nötig. Über weitere Park-und-Ride-Plätze am Stadtrand müsse nachgedacht werden, hier wären dann intelligente ÖPNV-Lösungen notwendig.
Radler wollen mehr Mut
Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) dagegen lehnt die Drehscheibe am Innenstadtrand ebenso ab wie der ökologisch orientierte Verkehrsclub Deutschland (VCD). ADFC-Kreischef Benedikt Benz fehlen in Regensburg „exklusive Flächen“ für den Umweltverbund. Die Stadt setze etwa auf Fahrradstraßen, in denen Autos aber erlaubt sind, und baue auch neue Wege, etwa unter der Kumpfmühler Brücke. Er wünsche sich jedoch „noch mehr Mut von der Politik und der Verwaltung, den jahrzehntelangen Fokus bei der Aufteilung des öffentlichen Straßenraumes auf den Autoverkehr zu brechen“.
Da sei 2024 viel zu wenig passiert, sagt auch VCD-Kreisvorsitzender Wolfgang Bogie. Als kleine Fortschritte sieht er die neue Spur in Kumpfmühl und die E-Scooter-Parkplätze. Was den ÖPNV betrifft, hat er nach dem Stadtbahn-Aus aber wenig Hoffnung. „Regensburg wird weiterhin bei einem mickrigen Anteil von elf Prozent bleiben.“ Ziel müssten 20 Prozent der Wege sein, wie in anderen Städten.
Johann Berger, der 2024 ernannte Fußgängerbeauftragte des Seniorenbeirats, beklagt dagegen: „Große Teile der Politik widmen sich den Bedürfnissen der Radfahrer.“ Das führe in der Altstadt zusammen mit dem Lieferverkehr zu „chaotischen Zuständen“. Ältere Fußgänger fühlten sich von rücksichtslosen Radlern bedrängt. Er fordert, dass die Stadt die Trasse zwischen Bismarckplatz und der Südseite der Alten Kapelle für den Radverkehr sperrt – fand bisher aber kein Gehör.
Was sich 2024 im Verkehrsnetz tat
Straßen: 420 Kilometer umfasst das Regensburger Straßennetz. Neu hinzugekommen sind 2024 circa 850 Meter – bei der Verlängerung der Leibnizstraße.
Radverkehrsnetz: 172 Kilometer umfasst das Radverkehrsnetz (ohne befahrbare Wohnverkehrsstraßen, Fußwege und Einbahnstraßen). 2,2 Kilometer sind neu.
Flächen für Mikromobilität: 38 Abstellflächen für E-Scooter wies die Stadt in der ersten Jahreshälfte in der Altstadt, Stadtamhof, auf den Wöhrden und im Bahnhofsumfeld aus.
Busspur: Eine Busspur in der Augsburger und in der Kumpfmühler Straße kam 2024 dazu. Diese dürfen zum Teil auch Radfahrer nutzen.


