Wie Münchner Bier in den Lamer Winkel kam: Geschichte des Wirtshauses „Bräu Rosl“

Von Maria Frisch · 19. Januar 2025 um 11:00

In der „Bräu Rosl“ in Thürnstein wurde früher gebraut. Später wurde das Braurecht an den Pschorr-Bräu in München übertragen. Der jetzige Besitzer Ludwig Hupf erinnert sich an die arbeitsreiche Zeit seiner Mutter Franziska im Wirtshaus in der Gemeinde Lohberg.

Paul Kuchler, seinerzeit umfangreicher Grundstücksbesitzer in Thürnstein ( Gemeinde Lohberg), hat im Jahr 1898 damit begonnen, dort eine Bierbrauerei mit Dorfwirtshaus zu errichten. Nach der Eröffnung um die Jahrhundertwende hat sich in dem Dorfmittelpunkt in den zurückliegenden 125 Jahren einiges ereignet, das es verdient, in Erinnerung gerufen zu werden, zumal die Dörfler zwei Weltkriege überstehen mussten, die der Bevölkerung arg zusetzten.

Als „Bräu“ Paul Kuchler pleiteging, ist er mit der gesamten Familie nach Phönix in Amerika ausgewandert. 1912 hat der Großvater von Franziska Schmatz das Anwesen ersteigert, das fortan seine Tochter Rosa mit ihrem Mann Alois Stiegler bewirtschaftete. Daher stammt auch die Bezeichnung des Gasthauses als „Bräu Rosl“. Rosa Stiegler hat jedoch nicht mehr gebraut, sondern das Brauereirecht der Pschorr-Brauerei in München abgetreten.

Pschorr-Bier im Arberschutzhaus

„Ihr ging das Münchner Bier über alles“, weiß der jetzige Besitzer Ludwig Hupf. Im Gegenzug durfte sie das Depot in Thürnstein einrichten. Ab dieser Zeit bezogen etliche Wirte in Lam und sogar das Arberschutzhaus das Pschorr-Bier. Lieferantin war die „Hoal Rosl“. Wenn die Holzfässer mit der Bahn eintrafen, hatten die Wirtin und ihre Helfer 24 Stunden Zeit, um sie auf das Pferdefuhrwerk umzuladen. Später machte sie den Führerschein, so dass sie die Älteren noch mit dem alten Adler-Automobil kannten, bei dem die Buben öfter anschieben mussten.

Die Hoal Fanny hatte es schwer

Das Gasthaus „Bräu Rosl“ ist mittlerweile seit zehn Jahren geschlossen. Eigner Ludwig Hupf hat es mit seiner Familie 25 Jahre lang betrieben, bis er den beliebten Dorfmittelpunkt aus gesundheitlichen Gründen aufgeben musste. Bei der Durchsicht alter Fotos kommt ihm vor allem jene Zeit in den Sinn, als seine Mutter Franziska Hupf auf dem Anwesen von früh bis spät gerackert hat. Sie ist im Alter von 93 Jahren gestorben.

Bei der Tante im Wirtshaus

Die „Hoal Fanny“, wie sie der Volksmund nannte, entstammte der Familie Schmatz aus Lam, die dort eine Landwirtschaft und eine Spedition betrieb. Dort wurde Fanny Schmatz am 5. Oktober 1922 geboren und wuchs mit der älteren Schwester Maria und dem jüngeren Bruder Josef auf. Sie war von klein auf mit der Arbeit vertraut. Schon mit sechs Jahren holte das Mädchen ankommende Güter am Bahnhof ab und lieferte sie an die örtlichen Geschäfte und Betriebe weiter. Bevor sie zur Schule ging, war sie täglich im Stall, um die Tiere zu versorgen. Nach dem Unterricht ging es zur Arbeit auf Wiesen und Feldern.

Mit 16 Jahren sie als Hausmädchen zu ihrer Tante in die Gaststätte „Bräu Rosl“ nach Thürnstein. Das Verhältnis war alles andere als harmonisch, und das Fannerl musste viel wegstecken. Als der jüngere Bruder im Alter von erst 16 Jahren in den Zweiten Weltkrieg musste, half Franziska wieder zu Hause mit. Immer wieder erzählte sie, wie zu Kriegszeiten neben den Transportgütern auch Verwundete und Flüchtlinge am Bahnhof eintrafen, die sie weiterbeförderte.

Franziska Schmatz lernte auf einem ihrer Dienstwege mit der Post nach Lohberg Heinrich Hupf kennen, der als Passagier auf der Kutsche saß, als er sich in der Grundausbildung in Sulzbach-Rosenberg befand. Heinrich Hupf hat sich in die Frau mit dem wallenden Haar bis zur Hüfte auf Anhieb verliebt. Sie ging ihm selbst dann nicht aus dem Kopf, als er an die Front musste. Der Krieg und die anschließende Gefangenschaft haben ihm acht Jahre seines Lebens geraubt. Beim Lesen von Auszügen aus der Feldpost und den Liebesgedichten, die Heinrich Hupf an seine Liebste zuhause schrieb, bekam Sohn Ludwig Hupf noch im Nachhinein eine Gänsehaut.

Hochzeit mit Heinrich Hupf

Als die Deutschen Polen eingenommen haben, marschierten sie am Tag 80 Kilometer. Wie zahllose seiner Kameraden hat er viele Grausamkeiten gesehen, magerte zuletzt im Lager bei den Engländern in Bengasi in Lybien bis auf die Knochen ab. Als er total ausgemergelt zurückkehrte, war für ihn gefühlt das Leben vorbei, aber die „Hoal Fanny“ hatte auf ihn gewartet und schloss ihn in die Arme. Die Hochzeit war am 13. November 1950 beim Hanslwirt. Vorher gab es noch einschneidende Erlebnisse für die junge Frau, etwa als die Amerikaner Lambach eingenommen hatten, sie nicht weiterfahren und stundenlang im Regen stehen ließen. Auch um ihre Pferde hatte die „Hoal Fanny“ öfter Angst, wenn die SSler ein Fuhrwerk brauchten und ihre Rösser kurzerhand beschlagnahmt hatten. Sie hatte Glück, dass sie ihre Tiere nach solchen Aktionen wiedersah.

Die Dörfler schwebten zu dieser Zeit öfter in Lebensgefahr, wenn sie den Amerikanern halfen, etwa eine Panzersperre der SS beseitigten. Heimkehrende Soldaten wurden mitunter noch in den heimatlichen Gefilden erschossen. Auch die „Hoal Fanny“ bekam solche Todesfälle mit, als sie mit weiteren Frauen beim Heidelbeerpflücken auf der Scheibe war und bei der Abholung die blutüberströmte Leiche eines Soldaten auf dem Wagen lag. Die Nachkriegsjahre waren eine ärmliche Zeit. Insgesamt war wenig zum Essen vorhanden. Wer das kleine Seehäusl kennt, kann sich kaum vorstellen, dass drei Parteien unter einem Dach wohnten. Die Frischvermählten teilten sich nämlich mit zwei Geschwistern und deren Ehepartnern das Seehäusl – jedes Paar hatte ein kaltes Zimmer im Obergeschoss. Für alle zusammen war eine beheizte Wohnstube im Parterre vorhanden. Im Winter türmten sich im Freien hohe Schneewände.

Hebamme kam mit Skiern

„Mein Bruder Heinrich ist am 28. März 1951 am Kleinen Arbersee geboren“, weiß Ludwig Hupf. Die Hebamme aus Altlohberghütte musste den Weg mit Skiern zurücklegen. Es war eine schwere Geburt und die Wehen zogen sich über drei Tage hin. Bei der Geburt von Ludwig 1956 hatte die Mama schon Wehen am See und quälte sich damit zum Brennes, um mit dem Bus nach Neukirchen zu fahren, wo sie ihren zweiten Sohn abends um 22 Uhr gebar.

Anfang der 1960er Jahre wurde es für die Familie erträglicher, denn Franziska Hupf erbte von ihrer Tante das Gasthaus „Bräu Rosl“. Nun konnte man wechseln, im Sommer am See wohnen und im Winter in Thürnstein.

Zu der vielen Arbeit kam noch die Pflege der alten und kranken Schwiegermutter. Bereits 1972 ging der „Hoal Fanny“ der Ehemann mit 64 Jahren in den Tod voraus. Mit ihren beiden Söhnen führte die gute Köchin, treu sorgende Mutter und Wirtin nun die beiden Gaststätten. 1980 zog sie sich als Rentnerin nach Thürnstein zurück, half aber noch mit, solange es gesundheitlich möglich war.

Um das Seehäusl am Kleinen Arbersee entbrannte ab Mitte des 20. Jahrhunderts ein Tauziehen mit Grundstückstauschgeschäften. Da ein Vertrag fehlte, war der „Seehupfn Hein“ schließlich der Unterlegene beim Gerichtsprozess und musste die Bewirtschaftung aufgeben.

Die Brauerei mit Dorfwirtshaus hatte ursprünglich Paul Kuchler erbaut Foto: Repro: Maria Frisch
Heinrich Hupf, der Vater von Ludwig Hupf, war acht Jahre im Krieg und in Gefangenschaft.
Rosa Stiegler war namensgebend für das Dorfwirtshaus „Bräu Rosl“. Sie trat das Brauereirecht an die Pschorr-Brauerei in München ab.
1912 hat der Großvater von Franziska Schmatz das Anwesen ersteigert, das fortan seine Tochter Rosa mit ihrem Mann Alois Stiegler bewirtschaftete (hier eine Aufnahme aus dem Jahr 1938).
Die „Hoal Fanny“ in jungen Jahren: Sie war von klein auf mit der Arbeit vertraut.