Das alte Wirtshaus in Cham schließt: Die Stammtische trauern um die Neue Post

Die Tür hat sich ganz leise geschlossen. Nur drei Stammtische haben noch Abschied gefeiert. Jetzt ist die Neue Post am Steinmarkt in Cham zu. Deren Freunde hatten in den letzten Jahren schon genug Grund zur Trauer: Erst starb der Vogl Rudi, jetzt seine Frau Klara. Das war nun auch das Ende des altgedienten Wirtshauses.
„I geh’ zum Vogl Rudi“, hieß es jahrzehntelang. Und jeder wusste, was damit gemeint war: ein Wirtshausbesuch in der Neuen Post. Der Vogl Rudi war ein Chamer Urgestein und ein echtes Original. Wer zu ihm kam, musste auch was aushalten können. Sein Spott wurde getragen wie ein Orden. Wen der Rudi nicht auf den Arm genommen hat, der war niemand...
Klara – die Seele des Hauses
Die Seele des Hauses aber war seine Klara. „Ohne Di war i nix“, hatte der Rudi an seinem 85. Geburtstag noch gesagt. Dann starb er am 23. März 2016. Die Klara blieb und war noch bis in ihre letzten Tage ein steter Gast an den Stammtischen. Die Neue Post war ihr Leben. „Sie ist immer bis um 19 Uhr dageblieben, dann hat sie die Anita rauf in ihre Wohnung gebracht“, erinnert sich Tom Köppl vom Stammtisch der HAVAG (Handballervatertagsausflugsgesellschaft).
Anita Vogl und Anneliese Graf, Tochter und Schwiegertochter, waren all die Jahre die Stützen der alten Wirtsleute in der Neuen Post. Das Wirtshaus hat seine Senior-Chefin nur wenige Tage überdauert. Ganz leise ging nach deren Tod am 3. Dezember die Türe zentimeterweise zu.
Die berühmten Nierchen
Ein Stammtisch nach dem anderen feierte seinen Abschied von den altehrwürdigen Räumen. Nun gibt es nur noch das kleine Hotel mit den Gastzimmern. Deren Bewohner dürfen nun die verwaiste Küche nutzen, aus der einst die berühmten Nierchen kamen. „Die hat es nur dort gegeben“, schwärmt Tom Köppl. Und er ist nicht der Einzige.
Sein Stammtisch HAVAG ist nun umgezogen ins Kolpinghaus. Dort ist das vorläufige Ende einer Rundreise durch Chamer Wirtshäuser. Die HAVAG war schon beim Käsbauer, im Rhaner Bräustüberl, im Randsbergerhof und beim Vogl Rudi. „Wir werden es auch im Kolpinghaus gut haben“, sagt Köppl. „Aber die Neue Post war ein wunderschönes altes Wirtshaus, und alle waren total nett zu uns.“
Der Charme des alten Wirtshauses
Auch bei den Dradikalusern herrscht Trauer. Der Stammtisch der seinen Namen vom „Lusn“ (Zuhören), Radi (Rettich) und Kas (Käse) hat, wird weiter seine abwechselnden Mittwochs-Rundreisen durch die Chamer Gastronomie unternehmen. Hauptstützpunkt wird aber auch das Kolpinghaus werden, sagt Präsident Claus Gerschütz. Er trauert der gemütlichen Gastlichkeit sehr nach. „Beim Vogl Rudi – das war der Charme eines bayerischen Wirtshauses. Man kam rein, war daheim und hat sich wohlgefühlt.“
Gerschütz’n Stammtisch ist der älteste in Cham. 1962 zogen der damalige Vermessungsamts-Chef Hanauer und der Augenarzt Dr. Reznicek das originelle Chamer Gewächs hoch. Honoratioren wie der Schriftsteller Achtelstetter und der Schmuckfedern-Fabrikant Reindl gesellten sich dazu, bevor er zu einem Treffpunkt für Chamer aus allen Gesellschaftsschichten wurde.
Es wird langsam schwierig
Der dritte Stammtisch, der nun vorübergehend obdachlos geworden ist, ist Da Weltverdruss. Auch er wechselt ins Kolpinghaus, richtet die Gattin von Dieter Schwägerl aus. Der Stammtisch entsprang einer spontanen Eingebung und hat auch schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel. Er hat sich viele Jahre lang einmal im Monat am Montag beim Vogl Rudi getroffen. Auch dort sieht man die Schließung mit Traurigkeit: „Es wird langsam schwierig in Cham...“

