Fasching, Bürokratie und Schweinsbraten: Wie der Syrer George Bittar Hemau lieben lernte

Von Daniel Pfeifer · 10. Januar 2025 um 11:00

George Bittar, getauft auf den Namen des Heiligen Georg, Schutzpatron von Hemau, floh vor knapp zehn Jahren aus Syrien und betreibt seit zwei Jahren eine Pizzeria am Stadtplatz in Hemau (Landkreis Regensburg). Der 37-Jährige über seine Arbeitsmotivation, den bairischen Dialekt und wie es ist, Vater eines Prinzen zu sein.

Wie oft kann ein Mensch eigentlich wieder von Null anfangen? George Bittar ist zuversichtlich, dass bei ihm das dritte Mal nun das letzte Mal war. Hier am Tangrintel sind er und seine Frau May Ward längst bekannt – sei es als Gastronomen oder durch den Sohn Fahd, seines Zeichens Faschingsprinz von Hemau in der Saison 2024. „Im Fasching habe ich erlebt, dass die Leute hier in Hemau wie eine große Familie sind“, sagt George Bittar – wenn er auch bis heute mit dem bairischen Dialekt so seine Schwierigkeiten habe, ergänzt er lachend.

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Vom Makler zum Koch

Mit seiner früheren Heimat Homs verbinden George Bittar nur noch Erinnerungen und seine Eltern. „Eine Zukunft nicht mehr“, sagt er. In der drittgrößten Stadt Syriens war Bittar Immobilienmakler, hatte ein eigenes Büro und verwirklichte sich schließlich mit seiner Frau, einer Architektin im Rathaus von Homs, einen Traum: ein eigenes Haus, ein Neubau, in den er neben seinem begonnenen Jurastudium viel Arbeit steckte.

2011 dann kam der Bürgerkrieg und Bomben regneten auf Homs. Bittar gab sein neues Haus auf – heute ist es längst zerstört – und zog in ein sieben Kilometer entferntes Dorf. Vier Jahre versuchte er dort den erneuten Neustart, bis ihn der Krieg wieder erreichte. Im Oktober 2015 entschloss er sich dann, mit seiner Frau und seinen zwei Kleinkindern nach Deutschland zu fliehen. Nach einer Zeit in Regensburg kam die junge Familie 2016 nach Hemau. Wenig später begann George Bittar eine Ausbildung zum Koch und arbeitete fünf Jahre im Regensburger Restaurant Leerer Beutel.

An Herausforderungen mangelte es dabei nie. Vorurteile oder Diskriminierung waren jedoch nie darunter, will Bittar ganz klar betonen, sondern in erster Linie Bürokratie – und zwar eine ganze Menge. „Wir hatten in Syrien auch Bürokratie. Aber das hier, das ist etwas ganz anderes“, sagt er. Obwohl er wie viele andere Gastronomen bisweilen unter den wachsenden staatlichen Vorgaben ächzt, ist er pragmatisch. „In Syrien gibt es viel weniger Steuern, viel weniger Auflagen. Dafür sind hier die Straßen viel sauberer.“ Es gebe immer Vor- und Nachteile.

„Wir haben die Arbeit aufgeteilt, meine Frau kümmert sich um Steuern und Buchhaltung. Das kann sie viel besser.“ Auch den Mitarbeitern des Jobcenters ist er dankbar. „Sie haben so viel für uns gemacht, für alle Ausländer“, sagt Bittar. Lange von Sozialhilfe zu leben, sei für ihn nie infrage gekommen. Nicht nur wolle er die deutsche Hilfsbereitschaft nicht „ausnutzen“, er hasse das Nichtstun, sagt er. „Es war immer sein Traum, selbstständig zu arbeiten“, sagt seine Frau über ihn. Schwierig sei es nicht, einen Job zu finden, sagt George: „Es gibt 1000 Jobs. Wenn man arbeiten will, findet man was.“ Bei ihm wurde es schließlich das Kochen – schon lange sein größtes Hobby.

Fleisch und immer ein Bier

George Bittar ist Koch mit Leib und Seele. Auch am bayerischen Essen hat er Gefallen gefunden. Wenn er es in einem Satz zusammenfassen müsste: „Viel Fleisch und man muss immer ein Bier mittrinken“, sagt er grinsend. Sauerkraut mit Speck, Bratkartoffeln und Schweinebraten – das ist sein Highlight der bayerischen Küche. Regelmäßig kocht er es sogar in seiner Pizzeria. Es war etwas völlig neues, denn im größtenteils muslimischen Syrien stand Schwein auf kaum einer Speisekarte. George Bittar und May Ward waren als Katholiken dort eine Minderheit. 80 Prozent der syrischen Christen verließen in den vergangenen Jahren bereits das Land. Dementsprechend verfolgen die beiden auch die aktuelle Situation in ihrem Herkunftsland und bekommen die Sorgen der verbliebenen Christen mit – inklusive ihrer eigenen Eltern. Viele befürchten nach Übergriffen im christlichen Suqailabiyya Probleme durch die islamistischen Milizen, die nun an der Macht sind.

George Bittar will jedoch über dieses Thema ungern sprechen – zu sensibel sei es „und zu kompliziert“. Außerdem, so sagt er, „ist das Vergangenheit“. Die Zukunft sei hier in Hemau. Längt haben er und May Ward den deutschen Pass. „Es ist so schön hier, wir fühlen uns so wohl. Warum sollten wir jemals weg?“

Vier Fragen an George Bittar

Was ist Ihr Lieblingsort in Hemau und warum?George Bittar: „Das Waldbad. Es ist einfach schön und ruhig.“

Was war der größte Kulturschock in Deutschland?

Bittar: „Der Fasching. Wir haben sowas in Syrien auch, aber nicht so groß.“

Was ist das Interessanteste, das Sie hier erlebt haben?

Bittar: „Puh, da gibt es so Vieles. Es war bis jetzt alles schön. 2016 als ich meine Kinder hier in der Kirche getauft habe... Jetzt vor zwei Jahren hier die Pizzeria zu eröffnen... Als mein Sohn zum Prinzen im Fasching wurde. Es gab so vieles.“

Was ist Ihr Lieblingswort auf Bairisch?

Bittar: „Ah, eine schwierige Frage. Servus sage ich oft. Mein Sohn spricht ständig bairisch, aber ich vergesse die Wörter immer. Hm... Oachkatzl. Ja, das ist ein gutes Wort.“