Ein Freiheitskämpfer in Lappersdorf: Wie Hamid Ghaznezami dem Regime des Iran entkam

Von Daniel Pfeifer · 1. Januar 2025 um 18:00

Angeschossen, verhaftet, geflohen – in seinem Heimatland Iran legte sich der Ingenieur Hamid Ghaznezami mit dem Regime an, als er für Frauenrechte auf die Straße ging. 2023 floh er und lebt nun im nördlichen Landkreis Regensburg. Als Erinnerung nahm er eine schwarze Kugel mit – ein Gummigeschoss.

Eine schwarze Kugel – ein Gummigeschoss der Islamischen Revolutionsgarden – ist eines der wenigen Erinnerungsstücke, die Hamid Ghaznezami aus seiner alten Heimat Teheran mitnehmen konnte. Dort hatte der 46-Jährige ein gutes Leben: einen Universitätsabschluss, einen Job als Bauingenieur, ein Kind, Wohlstand. Bis er für Freiheit, Frauenrechte und gegen das Regime des Iran monatelang auf die Straßen ging. Das Regime schlug brutal zurück, Ghaznezami entkam.

Heute lebt er in Sicherheit. Nach einem Platz in einer Regensburger Unterkunft und drei Monaten auf dem Bacher Flüchtlingsschiff wohnt er inzwischen in einem Haus in Lappersdorf. Mit 15 anderen Menschen teilt er sich eine Küche, doch beschweren will er sich auf keinen Fall. „Es ist ok, ich weiß, in Deutschland gibt es viele Geflüchtete und die Ressourcen haben ein Limit“, sagt er in einer Mischung aus Englisch und Deutsch. Dennoch: Der Komfort seiner geräumigen Stadtwohnung in Teheran ist hier weit weg.

Im Landkreis leben Einwanderer aus der ganzen Welt. Wir erzählen ihre Geschichten – jeden Tag ein anderes Land. Alle Teile, wie über über Alireza Farsi aus Afghanistan oder Anna Boger aus der Ukraine, finden Sie bei uns im Netz unter mittelbayerische.de/angekommen.

Vom Ingenieur zu Staatsfeind

Doch wie kam es so weit? Hamid Ghaznezami lebte im Teheraner Viertel Sadeghiyeh. Es gilt als Keimzelle der 2022 ausgebrochenen Proteste gegen das iranische Regime nach dem gewaltsamen Tod der Studentin Jina Mahsa Amini, die wegen eines angeblich nicht korrekt sitzenden Kopftuchs von der Sittenpolizei totgeschlagen wurde.

Auch Ghaznezami ging auf die Straße – monatelang – und wurde dabei mit Kunststoffkugeln angeschossen, mit Schlagstöcken verprügelt und mit Tränengas besprüht, erzählt er. Irgendwann flog er auf und wurde mit anderen Mitstreitern verhaftet. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie sie uns behandelten – wie Tiere“, sagt er. Nach einigen Nächten kam er frei. Zunächst blieb er im Iran, bis zum September 2023, dem Jahrestag von Aminis Tod. Aus Panik vor erneuten Protesten habe das Regime wahllos bekannte Dissidenten festgenommen. Zahlreiche Freunde seien einfach verschwunden, erzählt Ghaznezami. „Ich hatte Angst. Jede Nacht.“

Und so fasste er die, wie er sagt, schwerste Entscheidung seines Lebens: Er verließ sein zehnjähriges Kind und dessen Mutter, um sie nicht auch noch in diese Gefahr hineinzuziehen, und floh. „Lieber hat mein Kind einen Vater, der weg ist, als keinen Vater mehr.“

Als Ziel setzte sich Hamid Ghaznezami Deutschland. Dort gebe es private Freiheit, die im Iran undenkbar ist, habe man sich in seiner Heimat erzählt. Doch selbst in Deutschland, in seiner Unterkunft in Regensburg und auf dem Schiff in Bach, habe er kaum mehr als zwei oder drei Stunden pro Nacht geschlafen. Immer wieder sei er aufgewacht in einer Panik, von iranischen Milizen gefunden zu werden.

Nach und nach fand er in sein neues Leben. Ein Jahr lernt er nun schon Deutsch: Wenn er nicht in Kursen am Fortbildungszentrum der Bayerischen Wirtschaft in Regensburg sitzt, lernt er mit Youtube-Videos und einer App weiter. In seinem Alter eine neue Sprache zu lernen, sei herausfordernd. „Ich bin kein 20-Jähriger mehr“, sagt er und lacht.

Wegen dieser Sprachbarrieren und weil es für ihn als Großstadtkind schwierig sei, in einem kleinen Ort wie Lappersdorf Fuß zu fassen, wandte sich Ghaznezami an die Diakonie und Campusasyl, bot sich für ehrenamtliche Arbeit wie Malerarbeiten an. „Ich muss etwas zurückgeben“, sagt er – so sei er erzogen worden.

Frust über Gruppenbildung

Obwohl er aktiv auf Menschen zugehe, Veranstaltungen und Vereine besuche, sei es schwierig, Kontakte zu knüpfen. Umso mehr sei er „frustriert“ über junge Leute, die gar nicht erst versuchen würden, Teil der Gesellschaft zu werden und stattdessen in Gruppen an Orten wie dem Regensburger Bahnhof „herumlungern“, sagt er. So entstehender Unmut gegenüber Flüchtlingen kriege am Ende auch er ab, was ihn traurig mache. Auch darum will Hamid Ghaznezami weiter darauf aufmerksam machen, dass er und andere Iraner nicht „aus Spaß“ aus ihrer Heimat flohen. So organisierte er zum Beispiel im September am Regensburgter Domplatz eine Kundgebung unter dem Motto „Frau, Leben, Freiheit“, dem Ruf der Iranischen Proteste.

Manchmal träume er davon, Journalist sein zu können, um Tag für Tag die Welt über das „brutale und Terror-finanzierende“ Regime aufzuklären. Gerade aber sei er einfach glücklich, in Sicherheit zu sein. Seine Träume stehen hinten an. Wünsche hat er kaum. Er hofft, möglichst bald arbeiten zu können, um sich irgendwann eine eigene Wohnung leisten zu können, bei der er nicht das Bad mit einem Dutzend Fremden teilen muss. „Ein stabiles Leben und irgendwann mein Kind wiedersehen“ – mehr wolle er nicht.

Vier Fragen an Hamid Ghaznezami

Was ist Ihr Lieblingsort und warum?Hamid Ghaznezami: „Ich mag die Gegend am Fluss in Zeitlarn, wo wir manchmal gegrillt und es genossen haben. Für mich als Großstadtkind ist das alles neu. Ich treffe viele gute Menschen, sie respektieren einander und sind respektvoll zu mir.“

Was war der größte Kulturschock in Deutschland?

Ghaznezami: „Ich dachte, die Technologie [in Behörden] ist moderner. Als Kind mochte ich deutsche Produkte, vor allem Autos. Ich dachte, Deutschland ist in allem besser.“

Was ist das Interessanteste, das Sie hier erlebt haben?

Ghaznezami: „Die Dult.“

Was ist Ihr Lieblingswort auf Deutsch?

Ghaznezami: „Ich spreche noch nicht so gut, aber ’Lieblingsessen’, haha.“