Von Afghanistan nach Zeitlarn: Werkstattleiter Alireza Farsi hat im Landkreis Regensburg Fuß gefasst

Von Dagmar Unrecht · 27. Dezember 2024 um 11:00

In und um Regensburg leben Einwanderer aus der ganzen Welt. Einer von ihnen ist Aliresa Farsi. Der 25-Jährige ist Werkstattleiter in Pentling und stammt ursprünglich aus Afghanistan.

An sein Geburtsland kann sich Alireza Farsi kaum erinnern. Er ist noch ein kleiner Bub als er Anfang der 2000er Jahre mit seinen Eltern von Afghanistan in den Iran übersiedelt. „Ein Onkel von mir lebte in Kerman“, erzählt der 25-Jährige in seiner Mittagspause. Bei „Der Autolackierer“ in Pentling ist Farsi seit knapp einem Jahr Werkstattleiter. Er hat sich schnell hochgearbeiteten zum Chef von sieben Mitarbeitern. „Ich fühle mich sehr wohl“, sagt er in einwandfreiem Deutsch. „Mein Heimat ist jetzt hier.“

Der Weg in den Landkreis Regensburg war nicht einfach. Im Iran hatte die Familie keine Perspektive. Farsi darf nach der fünften Klasse nicht weiter zur Schule gehen. „Dabei war ich ein guter Schüler.“ Mit 12 Jahren hilft er seinem Vater bei dessen Arbeit – der Herstellung von Kupfergeschirr. Auf dem Rückweg von der Arbeit haben Vater und Sohn mit dem Motorrad einen Unfall. Der Vater stirbt, der 13-jährige Farsi wird schwer verletzt. Noch heute sind Narben an seinem Kopf und am Arm zu sehen. „Ich weiß nicht, wie es passiert ist.“ Später jobbt Farsi in einer Lackiererei.

Schwerer Abschied

Weil die Abschiebung nach Afghanistan droht, beschließt sein Onkel, dass Farsi sich zu einer Tante nach Schweden durchschlagen soll. „Das war nicht meine Entscheidung.“ Innerhalb von einer Woche muss Farsi abreisen, als der Onkel einen Schleuser ausfindig macht. „Der Abschied von meiner Mama und meiner kleinen Schwester war schwer.“

Die Reise beginnt Anfang Mai 2015 mit einer Busfahrt nach Teheran. Insgesamt 45 Tage wird es dauern, bis der damals 16-Jährige Deutschland erreicht. Sein Weg führt ihn zunächst in die Türkei – erst per Auto, dann zu Fuß in der Nacht über die Berge. Mit wechselnden Schleusern geht es weiter nach Izmir, dann – mit einem kleinen Schlauchboot – übers Meer zu einer griechischen Insel. Der Schleuser habe nur auf ein Licht in der Ferne gezeigt und gesagt: „Da müsst ihr hin“, erinnert sich Farsi an die Überfahrt. „Jeder hatte Angst.“

Über Mazedonien geht es nach Serbien und Ungarn. Farsi durchquert Wassermelonenfelder, stapft durch tiefen Matsch und schläft im Wald. In Österreich stoppt die Polizei schließlich den Transporter, in dessen Laderaum sich Farsi mit 30 anderen Flüchtlingen befindet. „Wir steckten im Wald fest, der Fahrer war geflohen.“ Die Polizisten reichen Farsi nach Passau weiter. Mitte Juni betritt er deutschen Boden. Zwei Tage später wird er nach Regensburg gebracht, danach wohnt er in Kallmünz in eine Unterkunft für Minderjährige. Mit dem Bus fährt er täglich nach Regensburg und besucht die Berufsintegrationsklasse. Nach zwei Jahren beginnt er eine Ausbildung zum Fahrzeuglackierer. „Das kannte ich ja von früher.“ Er wird übernommen, möchte aber, weil er seine Sache sehr gut macht, mehr verdienen. Nach einem Probe-Arbeitstag in Pentling hat er eine besser bezahlte Stelle – „mit mehr Wertschätzung“. Im August 2021 steigt er ein, zweieinhalb Jahre später ist er Werkstattleiter. „Ich bin angekommen.“ Farsi, der mit seiner Freundin in Zeitlarn wohnt, hat inzwischen auch kein Heimweh mehr. „Die ersten Jahre waren schwierig.“ Als nächstes wird er eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung beantragen. Über einen deutschen Pass denkt er noch nicht nach: „Schritt für Schritt“.

Das Leben verstehen

Neben der Verständigung – „Wenn man die Sprache versteht, versteht man auch die Leute“ – findet Farsi es wichtig, sich anzupassen. „Dazu gehört, zu akzeptieren, wenn etwas anders ist. Es ist wichtig, das Leben hier zu verstehen.“ Negative Erlebnisse habe er als Ausländer zwar schon, „aber das ist für mich kein so großes Thema“. Mit seiner aufgeschlossenen Art kommt er gut an: „Ich habe ihn noch nie grantig erlebt“, sagt eine Kollegin.

Vier Fragen an Alireza Farsi

Was ist Ihr Lieblingsort in Zeitlarn und warum?

Alireza Farsi: „Ich mag den Wanderweg durch den Wald, der am Ende der Pentlhofstraße beginnt. Er führt an einen Bach und es gibt viele Rehe.“

Was war der größte Kulturschock in Zeitlarn?

Farsi: „Weißwurst mit Breze, aber im positiven Sinn! Das schmeckt lecker.“

Was ist das Interessanteste, das Sie hier erlebt haben?

Farsi: „Das Johannifeuer in Regendorf. Das ist zwanzig Minuten zu Fuß von Zeitlarn entfernt. Das Feuer ist sehr groß und der Rauch ist schon von weitem zu sehen.“

Was ist Ihr Lieblingswort auf Bayerisch?

Farsi „Auffe und owe – rauf und runter. Das hat mich anfangs sehr verwirrt.“