Kelheims Bauern resignieren – Und heimische Lebensmittel werden knapp

Von Martin Rutrecht · 8. Januar 2025 um 11:00

Die Bauern probten den Aufstand. Vor genau einem Jahr gingen auch im Landkreis Kelheim Hunderte Landwirte auf die Straße und forderten Verbesserungen für ihren Berufsstand. „Die Politik hat kaum reagiert“, räumen zwei damalige Teilnehmer ein. Eine neue Protestwelle brächte wenig, sagen sie – auch weil viele Bauern resignieren.

Die Worte könnten ein Protestschild zieren: „Schnauze voll“. Severin Pausinger, Landwirt aus Herrngiersdorf, fasst damit den aktuellen Gemütszustand vieler Berufskollegen zusammen. Vor einem Jahr war der 34-Jährige noch kämpferisch und als Leiter von drei Demos im Landkreis wichtiger Protagonist des Protests. „Insgesamt haben sich rund 2000 Bauern mit 1500 Traktoren beteiligt“, blickt er zurück.

Mit der Blockade von Autobahn- und Bundesstraßen-Zubringern sowie Bummelfahrten starteten am Montag, 8. Januar 2024, am frühen Morgen die Aktionen. Nicht nur Bauern machten mit. Transportwesen, Handwerksbetriebe, Gastronomie – auch sie waren vertreten. Autofahrer und Passanten grüßten die Protestzüge mit „Daumen hoch“ und Hupzeichen. „Wir haben viel Solidarität erfahren“, sagt Pausinger. Nur vereinzelt echauffierten sich Verkehrsteilnehmer über Behinderungen.

Große Geschlossenheit – aber wenig erreicht

„Wir sind für unsere Forderungen geschlossen eingestanden“, hebt der Bauer hervor, der mit Mutterkuhhaltung und Ackerbau sein tägliches Brot verdient. Schiebt aber zugleich nach: „Die Politik hat nicht zugehört. Dort lebt man in einer anderen Welt.“ Die Agrardiesel-Subvention, deren Erhalt gefordert wurde, läuft 2026 aus. „Auch anderes macht uns das Leben schwer. Daran hat sich nichts geändert.“

Georg Blümel, ebenfalls Landwirt aus der Gemeinde Hausen, reiste vor einem Jahr zu einer Kundgebung nach München, seine Frau nach Berlin. „Am meisten blieb bei mir die Aufmerksamkeit in der Bevölkerung hängen. Das wirkt bis heute nach“, so der 57-Jährige. Dass nicht mehr erreicht wurde, „war zu erwarten. Das lehrt mich die Erfahrung aus früheren Protesten.“ Gebessert habe sich wenig.

Bürokratie-Wust: 174 neue Vorschriften in zehn Jahren

Sein Kollege Pausinger erwähnt die Bürokratie: „In den vergangenen zehn Jahren wurden 26 Vorschriften abgeschafft – dafür kamen 174 neue hinzu.“ Bauern würden von Investitionen in Ställe Abstand nehmen, „weil man nur noch Auflagen hat, der Bau dreimal so teuer ist wie im Ausland und sich ein solches Projekt erst nach 20 Jahren amortisiert“.

Blümel nickt: „Ich müsste meinen Stall wegen neuer Vorschriften für die nächsten Jahre umbauen und Geld in die Hand nehmen. Die können mich alle lieb haben...“ Seinen Bestand an Mastschweinen – zudem betreibt er Ackerbau und Forst – reduzierte er um 20 Prozent, weil eine neue Düngeverordnung greift. „Ich hätte Land dazu pachten müssen. Was wiederum mehr Kosten bedeutet.“

Weniger Bauern, weniger Produkte

Laut Umfragen, so Pausinger, gebe deutschlandweit inzwischen ein Viertel der Rinderhalter auf – bei Schweinebauern soll es bis in zehn Jahren gar die Hälfte sein. Was der Kunde spüren werde. Der Manager eines Großkonzerns sah kürzlich „Probleme bei der Verfügbarkeit von Lebensmitteln. Bei so einer Aussage sollte jeder aufwachen“, mahnt der Herrngiersdorfer, „weniger heimische Bauern bedeuten weniger heimische Produkte.“

Dafür könne der Konsument dann Fleisch aus Südamerika kaufen, „wo die Tierhaltungsstandards viel niedriger sind und Spritzmittel verwendet werden, für die bei uns seit 35 Jahren ein Verbot gilt“, sagt Pausinger und zielt auf das ausgehandelte Mercosur-Abkommen ab. An den Haltungsvorschriften in Deutschland will der 34-Jährige nicht schrauben. „Ich möchte, dass es meinen Tieren gut geht. Wir setzen hier die Wünsche aus der Gesellschaft um.“ Aber die Wettbewerbsnachteile seien durch die höheren Kosten enorm.

Neuer Protest? „Die Politik hört ohnehin nicht zu“

Die Gemengelage lasse bei den Bauern – im Landkreis Kelheim gibt es rund 1500 Haupt- und Nebenerwerbslandwirte – „Frust und Resignation wachsen“. Es wundere nicht, dass 25 Prozent der Bauern Burnout-gefährdet seien, wie eine Erhebung von „agrarheute“ ergab. Pausinger glaubt nicht an großes Interesse an neuerlichen Protestaktionen. „Für was? Dass wieder keiner zuhört?“

Auch Blümel stimmt dem zu. „Ich denke, wir könnten nicht mehr diese große Zahl an Bauern mobilisieren.“ Zudem sei nicht klar, welchen Kurs eine neue Regierung nach den Bundestagswahlen einschlage.

Ausweg mit Direktvermarktung

Pausinger erwartet von der Politik „gar nichts mehr“ und stellt seinen Betrieb auch so auf. „Ich gehe in die Direktvermarktung.“ Denn eines habe er gelernt aus den Protesten vor einem Jahr: „Mit den Menschen kann man reden und sie schätzen unsere Produkte.“

Die Aktionen im Januar 2024

Auftakt: Knapp 900 Landwirte und 750 Traktoren sowie Lkw beteiligen sich am Montag, 8. Januar 2024, an den ersten Aktionen im Landkreis.

Demo: Am Freitag darauf erfährt der Protest mit einer Kundgebung am Kelheimer Volksfestplatz mit 300 Teilnehmern und 250 Fahrzeugen erneut einen Höhepunkt. Im Anschluss gibt es eine Bummelfahrt über die B16.

Wiederholung: Am Montag, 15. Januar 2024, blockieren Landwirte erneut Autobahn-und Bundesstraßen-Zubringer und brechen zu Protestfahrten auf. Rund 300 Bauern sind es diesmal. Ende Januar folgt ein neuerlicher Aktionstag mit Blockaden.

Bauern blockierten mit ihren Traktoren Auffahrten zur Autobahn, hier zur A93 bei Bachl. Foto: Hutzler
Landwirt Severin Pausinger war Versammlungsleiter bei drei Kundgebungen im Landkreis Kelheim. Foto: Hutzler