Nach 100 Jahren verschwindet Rennstrecke – Mit Lokalmatador Mansdorfer auf Spurensuche

Von Antonia Zuruev · 31. Dezember 2024 um 17:30

Vor 100 Jahren wurde das legendäre Ratisbona-Bergrennen ins Leben gerufen – ein Event, das über Jahrzehnte nicht nur als die schnellste deutsche Bergstrecke, sondern auch als Bühne für Weltmeister und Rekordhalter galt. Lokalmatador Willi Mansdorfer nimmt uns mit auf eine Spritztour durch die kurvenreiche Vergangenheit dieser einzigartigen Strecke.

„Hier, diese Linkskurve,“ sagt Willi Mansdorfer (68), „da musste man von ungefähr 130 auf 90 runterbremsen. Wenn die Motorräder zu schnell dran waren, sind hier die ersten schon im Graben gelandet.“ Mansdorfer sitzt am Steuer seines Audi Q5, die Hände entspannt am Lenkrad, während wir gemächlich die alte Strecke des Ratisbona-Bergrennens entlangfahren. Für ihn ist die „Rennstrecke“, die heute Teil des normalen Verkehrs ist, voller Erinnerungen an eine wilde Vergangenheit.

Kein Wunder – das erste Ratisbona-Bergrennen fand bereits vor 100 Jahren, im Jahr 1924, statt, und die Strecke galt seither als die schnellste deutsche Bergstrecke. Sie zog nicht nur Rekordhalter und Weltmeister an, sondern war von 1961 bis 1981 auch Wertungslauf mehrerer Meisterschaften. Hier triumphierten Legenden wie Rudolf Caracciola, der 1928 die Klasse der Rennwagen gewann, Hans Stuck, bekannt als „Bergkönig“ und Sieger von 1931, sowie Toni Mang, der 1977 den ersten Platz der Motorradfahrer holte.

Zeitreise auf vier Rädern

Wo wir jetzt mit Tempo 60 fahren, donnerte Mansdorfer damals mit 170 durch. Die Kurven und Abschnitte kennt er noch auswendig, jede von ihnen hat ihre eigene Geschichte. Für einen Moment scheint es, als wäre Mansdorfer zurück in den 1970er Jahren, als Tausende von Zuschauern die Strecke säumten und der Geruch von Benzin und verbranntem Gummi in der Luft lag. Auch wenn wir heute im Vergleich zu den damaligen Rennzeiten fast stehen bleiben, wirkt die Strecke immer noch imposant. Für Mansdorfer ist sie mehr als Asphalt und Leitplanken: Sie ist ein Stück seines Lebens. Aber bald Geschichte. Aktuell wird die Strecke abschnittsweise komplett neu gebaut, um sie sicherer und moderner zu gestalten.

Der Name Willi Mansdorfer ist für viele Zeitzeugen untrennbar mit dem Ratisbona-Bergrennen verbunden. Als Kind war Mansdorfer von den Rennwagen und Fahrern im Fahrerlager fasziniert und träumte davon, selbst einmal an den Start zu gehen: „Das hat mich immer interessiert und dann habe ich mir gedacht, wenn ich einmal den Führerschein habe, dann fahre ich mit,“ erinnert sich Mansdorfer an seine ersten Begegnungen mit dem Ratisbona-Bergrennen.

Sein Traum wurde wahr, als er 1973 das erste Mal hinter dem Steuer eines BMW am Start war. Doch alt genug war er – zumindest bei seinem ersten Bergrennen – nicht wirklich. Mit einem Lächeln erinnert er sich daran, wie er sich im Alter von nur 17 Jahren an den Start mogelte, obwohl die Teilnahme erst ab 18 Jahren erlaubt war: „Ich hatte einen Führerschein, aber nur für gewerbliche Fahrten. Hinten drauf stand, dass ich eigentlich nur geschäftliche Fahrten machen durfte. Ich habe einfach die Vorderseite kopiert und gesagt, der Originalschein sei verloren.“

In diesem Jahr machte sich Mansdorfer als „Monza“ einen Namen – ein Spitzname, den ihm seine Freunde, inspiriert von der ikonischen Rennstrecke in Italien verliehen hatten. Mit der Startnummer 96 – die zuvor schon sein Vater bei den Rennen getragen hatte – raste er mit seinem BMW in die Spitzengruppe seiner Klasse. „Mit seinem halsbrecherischen Fahrstil und Rennbenzin im Blut landete der jugendliche Monza 1973 und 1975 immer unter den schnellsten Fahrern.“, schreibt der Kelheimer Rupert Forster in seinem Buch „Denn wir wussten, was wir tun“. 1977 machte „Monza“ den nächsten Schritt und holte sich mit einem Porsche 911 seinen „ersten Rennwagen“, schreibt Forster weiter. Auf der kurvigen Straße des Ratisbona-Bergrennens wurde er damit zum Lokalmatador.

Tolles Event nach dem Krieg

Das Bergrennen war nicht nur für „Monza“ weit mehr als ein Wettbewerb – es hielt die gesamte Region in Atem. „Nach dem Krieg war die ganze Stadt voll, die Ränge waren besetzt. Es war ein tolles Event,“ erinnert er sich. Für Mansdorfer war das Rennen nicht nur ein Kindheitstraum, sondern auch eine Gelegenheit, sich mit anderen zu messen und die Zuschauer zu begeistern. „Man wollte schnell fahren und gewinnen.“

Doch das Rennen hatte auch seine Schattenseiten. Die immer höheren Geschwindigkeiten führten schließlich dazu, dass nach mehreren tödlichen Unfällen 1977 Motorräder für die nachfolgenden Rennen ausgeschlossen wurden. Mansdorfer befürwortete diese Entscheidung: „Weil halt die Motorräder immer schneller geworden sind, immer schneller als die Autos. Sicherheit geht natürlich vor.“ Zwei Rennen später war die Veranstaltung endgültig vorbei.

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Mit dem Ende des Ratisbona-Bergrennens im Jahr 1981 verlor Kelheim durchaus ein Stück seiner neueren Geschichte. Dennoch lebt die Erinnerung an diese aufregende Zeit in „Monza“und vielen anderen weiter. Rupert Forster (77) und Max Fuchs (75), zwei Kindheitsfreunde, erlebten das Bergrennen seit den 1960er-Jahren hautnah. Schon als Schüler standen sie am Streckenrand, fasziniert von den dröhnenden Motoren und der Atmosphäre. Später lebten sie ihre Leidenschaft selbst aus, bauten alte Motorräder zusammen und probierten die Strecke aus. Bis heute brennen die beiden für das Thema Bergrennen. Vor allem Forster widmet sich leidenschaftlich der Dokumentation dieses Kapitels Motorsportgeschichte: Er sammelt Zeitungsartikel, Videos und vieles mehr.

Unfallschwerpunkt der Region

Auch abseits der Bergrennen ist die als „Rennstrecke“ bekannte Staatsstraße 2233 einer der Unfallschwerpunkte in der Region. Seit Anfang 2021 wurden auf dem rund drei Kilometer langen Abschnitt 111 Unfälle erfasst. Dabei gab es einen Todesfall und neun Schwerverletzte. Besonders in den kurvenreichen Bereichen kam es häufig zu Unfällen, weil die Fahrer zu schnell unterwegs gewesen waren, sagt der Kelheimer Polizeioberkommissar Sebastian Eckinger auf Nachfrage. Aus diesem Grund wird die Strecke aktuell neu gebaut. Der erste Abschnitt , von der Abzweigung Richtung Alling nach Ihrlerstein, wurde erst kürzlich fertiggestellt. Durch die Begradigung und einen neuen Radweg sollen die Gefahrenstellen entschärft und das Unfallrisiko verringert werden.

Die Ratisbona-Bergrennen gehören der Vergangenheit an, doch ihr Glanz verblasst nicht. 2015 würdigte eine Ausstellung unter dem Namen „Scharfe Kurven, heiße Reifen!“ das legendäre Event, und 2017 brachte das „Ratisbona Classic“ mit Oldtimern etwas vom alten Zauber zurück. Geschwindigkeit, Technik und Gemeinschaft – all das hat Spuren hinterlassen. „Wenn ich heute noch diese Strecke entlangfahre, kommen immer wieder die alten Erinnerungen hoch,“ sagt Willi Mansdorfer. Das Bergrennen ist und bleibt ein Teil von Kelheims Seele.

Die Geschichte der schnellsten Bergstrecke Deutschlands

• Die Anfänge des Bergrennens in der Vorkriegszeit (1924-1932): Das erste Bergrennen in Kelheim fand am 21. April 1924 im Rahmen der Jahresversammlung der Landesgruppe Süd des Deutschen Motorradfahrer-Verbands statt, schreibt Stadtarchivar Wolf-Heinrich Kulke im Buch „Scharfe Kurven, heiße Reifen!“ zur gleichnamigen Ausstellung 2015. Am 25. August 1925 erhielt die Veranstaltung erstmals den Namen „Ratisbona-Bergrennen“ und wurde am Regensburger Ziegetsberg ausgetragen. Die optimale Strecke wurde jedoch erst 1926 gefunden: Die rund vier Kilometer lange, kurvige Strecke zwischen Kelheim und Ihrlerstein prägte das Rennen über Jahrzehnte und wird im Volksmund „Rennstrecke“ genannt.

• Bergrennen im Dritten Reich: Die Nationalsozialisten instrumentalisierten das Ratisbona-Bergrennen für Propaganda und organisierten es ab 1933 über NS-Organisationen wie DDAC und NSKK. Jüdische Rennfahrer, darunter der beliebte Willy Rosenstein, wurden ausgeschlossen. Die Rennen zogen zunehmend Zuschauer an, mit über 12.000 Besuchern 1935. Das letzte Rennen vor dem Krieg fand am 4. September 1938 statt; das geplante Rennen 1939 wurde durch den Kriegsbeginn abgesagt.

• Bergrennen in der Nachkriegszeit (1961-1981): Das erste Ratisbona-Bergrennen nach dem Krieg fand 1961 statt und führte vom Forstamt zur Befreiungshalle. Ab dem 15. Rennen 1963 kehrte man zur bewährten Strecke von der Hemauer Straße in Kelheim zur Schule in Ihrlerstein zurück. (Quelle: Wolf-Heinrich Kulke)

Siegfried Schauzu und Horst Schneider beim 15. Ratisbona-Bergrennen am 7. Juli 1963
Da die Auto-Rennfahrer meist angeschnallt waren und noch dazu Helme trugen, gingen die meisten Unfälle der Autorennen glimpflich aus.
Der Beifahrer eines Bugatti-Rennwagens lehnt sich bei einem Rennen um 1930 auf der Kurveninnenseite aus dem Fahrzeug heraus.