Ein Weihnachtsmarkt bei Thurn und Taxis, Truthähne und Anekdoten aus der Stadtgeschichte

Von Christian Eckl · 21. Dezember 2024 um 17:40

Der Weihnachtsmarkt im Schloss Sankt Emmeram war auch heuer ein Erfolg, sagt Veranstalter Peter Kittel. Vor allem die Amerikaner haben Regensburg und den Markt wieder auf dem Schirm. Das 30. Truthahnessen, einst gegründet, um den Stadtzeitungs-Verleger zu vernetzen, war wieder ein gesellschaftliches Ereignis.

Dass Peter Kittel polarisiert, ist eingepreist. Eines kann man ihm aber sicher nicht vorwerfen: Fehlende Kante. Bei der Eröffnung des Weihnachtsmarktes Ende November prangerte Kittel noch massiv die Flüchtlingspolitik an, weil ein Mitarbeiter des Caterers am Markt einen Abschiebebescheid erhalten hatte. Am vergangenen Freitag nun lud Kittel traditionell zum Truthahnessen ein – dem 30. heuer, dreimal fiel es wegen Corona aus. Kittels Truthahnessen nutzte der Veranstalter vor allem, um das zu tun, was er meisterlich beherrscht: Netzwerken nämlich. Er nutzte es auch, um das Jahr Revue passieren zu lassen.

Diesmal aber war es für die etwa 130 geladenen Gäste aus der Regensburger Gesellschaft auch ein Abriss des Lebens von Peter Kittel, eine Art von Biografie im Schnelldurchlauf. Der aus Cham stammende Kittel schilderte, wie er Ende der 80er Jahre im legendären „Ambrosius“ in den Frauenabend platzte und sich auf einer Veranstaltung des Presseclubs unter der Leitung von Eberhard Woll neben dem früheren Verleger der Mittelbayerischen, Peter Esser, als Verleger der Stadtzeitung ins Stadtgespräch brachte.

Jenny Jürgens zu Besuch

Eine frühe Episode mit Jenny Jürgens, der Tochter von Udo Jürgens, auf den Winzerer Höhen verschaffte ihm einen Auftritt in der Regensburger Medienlandschaft und darüber hinaus. Kittel, der auch zeitweise das Bürgerfest organisierte, schilderte ebenfalls, wie ein gewisser Hans Schaidinger zum Truthahn-Novizen wurde. Anfänglich klappte es gut zwischen dem Mann, der mit dem Wahlkampfslogan „Wer ist das?“ die Wahl 1996 gewann, und dem Stadtzeitungs-Macher. Das änderte sich später.

Als Mitte der 90er Jahre die Form des Polit-Komödiantentums mit der Liste Alzheimer erfunden wurde und Auerbräu-Wirt Karl-Heinz Mierswa es sogar zu „Wetten, dass?“ schaffte, mischte Kittel ebenfalls mit. 2002 erdachte er dann den Weihnachtsmarkt im Fürstenschloss – das Haus wurde an dem Abend vertreten von Prälat Wilhelm Imkamp – und zeitigte große Erfolge. „Wir sind heuer sehr zufrieden“, sagte Kittel dann auch nach seiner Rede. Heuer haben neben zahlreichen Gästen aus Deutschland und Österreich vor allem die Amerikaner Kassen von Veranstalter und Ausstellern klingen lassen. Die Reise auf den Flüssen im Herzen Europas ist für die US-Touristen derzeit wieder erschwinglich. Die Kreuzfahrt-Gesellschaften hätten heuer kräftig ge- und sogar nachgebucht, verriet Kittel.

Interessant ist stets, wer eigentlich alles kommt, wenn Kittel lädt. Traditionell werden vom Veranstalter keine der Gäste namentlich begrüßt außer jene sieben, die Kittel aus dem Lostopf zieht. Diesmal war mit Wolfgang Schmitt ein bis vor kurzem ranghoher Regierungsbeamter dabei, für Kittel „ein Beweis, dass ich Rentner und Pensionisten nicht aussortiere“.

Einer, der Kittel seit vielen Jahren geschäftlich verbunden ist, ist nun Bürgermeister von Sinzing: Martin Brix erarbeitete das Sicherheitskonzept für den Weihnachtsmarkt. Der frühere Polizist war mit seiner Frau Daniela gekommen, die sich angeregt mit Stadtrat Christian Janele über Fehler in der Corona-Politik unterhielt – ein Thema, bei dem man bei Kittel Tür und Tor öffnet. Der schilderte nämlich, wie Markus Söder 2016 persönlich beim Truthahnessen anwesend war, um Jahre später zum Erzfeind zu avancieren, als er Kittels und überhaupt alle Weihnachtsmärkte in Bayern rigoros zusperren ließ.

Eine seiner legendären Anekdoten erzählte Kittel dann noch über einen weiteren Gast, den er begrüßte: Olaf Hermes, einst Rewag-Chef, der durch seinen Weggang nach Bremen und jetzt Bonn weiter Karriere machte. Bis zu Hermes Berufung nach Regensburg feierte man rauschende Feste auf Kittels Weihnachtsmarkt, Wein, Bier und geistige Getränke flossen in Strömen, wenn der Energieversorger feierte. Doch als Hermes die Rewag übernahm, floss nur noch Wasser. Bei Matthias Kreuzer im Restaurant, so erinnerte sich Kittel, habe der Rheinländer mal angemerkt, wenn das Steak mit Soße sei und diese „schwer, dann nein: Ich muss vier Stunden im Auto fahren“. Immer wieder kehrt Hermes nach Regensburg zurück, um Kittels Einladungen Folge zu leisten – gerne bei Selters statt Sekt. Das hält den schneidigen Hermes schlank.

Auch einige Mitarbeiter Kittels aus der Gründerzeit der heute nur noch digital erscheinenden Stadtzeitung haben steile Karrieren gemacht. Einen begrüßte Kittel dann auch im Losverfahren: Ulrich Lechte sitzt heute für die FDP im Bundestag und ist als außenpolitischer Sprecher in Berlin ein gefragter Mann, auch wenn er seinen Namen im Lokalteil dieser Zeitung für seinen Geschmack zu selten liest. Nachdenklich erzählte Lechte vor der Hütte, dass er vergangene Woche die Ukraine besucht hat und dort auch den berühmten Zug nutzte, mit dem die europäischen Staatschefs in das von Krieg geplagte Land reisen.

Einer, mit dem Kittel zu Gründerzeiten seiner Zeitung auf Anzeigenkunden-Jagd ging, ist heute Verlagsleiter der Südwestpresse (unter anderem Tübingen) mit immerhin 200 000 Stück Auflage: Thomas Radek. Auch der war da, auch der ist ein „Truthanianer“.

Bedrückende Stimmung

Der schöne Abend, der die Menschen zusammenbringen sollte, wurde von Eilmeldungen auf den Smartphones bitter unterbrochen. In Magdeburg fuhr zu etwa der selben Zeit der Feier ein Psychopath in eine Menschenmenge und tötete Unschuldige. Trotz gedämpfter Stimmung freuten sich viele Anwesende darüber, gesund mitzufeiern mit einem polarisierenden Veranstalter.

Sinzings Bürgermeister Martin Brix und seine Frau Daniela – Brix arbeitete früher für den Veranstalter
Seit kurzem im Ruhestand: Wolfgang Schmitt von der Regierung der Oberpfalz.
Selters statt Sekt: Olaf Hermes, Ex-Rewag-Chef, ist heute ein Kittel-Freund.