Offene Stellen bei Hausärzten im Landkreis Neumarkt neu besetzt – und dennoch gibt es Sorgen

100 Prozent ist das Optimum. Knapp darunter ist schon sehr gut, darüber kaum vorstellbar. Insofern lassen die Zahlen, wie der Landkreis Neumarkt mit Hausärzten versorgt ist, den Laien nur Gutes vermuten. Zumal aktuell offene Stellen mit Hausärzten besetzt wurden. „Die Situation ist prekär“, sagt jedoch eine langjährige Neumarkter Allgemeinmedizinerin.
Zunächst zum Basiswissen: Ärzte können nicht einfach eine Praxis eröffnen, sofern sie gesetzlich versicherte Patienten behandeln wollen. Ärzte sollen sich dort niederlassen, wo sie am meisten gebraucht werden. Um das zu steuern, gibt es im sich selbst verwaltenden Gesundheitssystem komplexe Vorgaben und Organe.
Der Landkreis ist dafür in die Versorgungsbereiche Neumarkt und Parsberg eingeteilt, die jeweils mehrere Gemeinden umfassen. Zuständig für die Organisation sind Gremien, in denen Vertreter von Krankenkassen und Ärzten sitzen. Für Bayern überprüft ein Landesausschuss zwei Mal im Jahr die ambulante Versorgung in den Regionen. Im August entstand daraus ein Bedarfsplan. Er bestimmt, wie viele Zulassungen es in einem Bereich braucht.
70 Hausärzte versorgen in der Region Neumarkt 105000 Menschen
Die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) fasst das Ergebnis im Versorgungsatlas zusammen. Demzufolge ist der Raum Neumarkt zu 96,86 Prozent versorgt (Stand August 2024). 70 Ärzte in Vollzeit und Teilzeit gibt es für die rund 105 000 dort lebenden Menschen. Für die 33 000 Menschen im Raum Parsberg sind es 23 Ärzte, was laut KVB einen Versorgungsgrad von 107 Prozent ausmacht.
Übersetzt in die Maßstäbe der Bedarfsplanung bedeutet das: Der Landkreis ist nicht unterversorgt. Das wäre laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) bei Hausärzten der Fall, wenn der Wert unter 75 Prozent liegt. Es ist aber auch nicht so, dass für den Landkreis nicht Hausärzte gesucht würden. Der Landesausschuss kam in seiner August-Sitzung auf neun freie Stellen im Raum Neumarkt und eine im Bereich Parsberg.
Doch es gibt erfreuliche Nachrichten: Es sei gelungen, für 4,5 Stellen bzw. eine halbe Stelle Allgemeinmediziner zu finden, erklärt die KVB. Unter anderem eröffnete Johannes Heck in Neumarkt eine neue Praxis. Für Dezember erwartet die KVB zudem, dass in Parsberg die verbleibende halbe Stelle besetzt werden kann. Auch in Neumarkt werde sich wohl noch etwas tun.
Hausärzte sind immer häufiger angestellt
Diese Zahlen sind also positiv. Die Praxis sehen erfahrene Hausärzte vor Ort allerdings etwas anders. Marie-Luise Vogel ist Hausärztin in Neumarkt und Ehrenvorsitzende des Hausärzteverbandes im Bezirk Oberpfalz. Sie beschreibt die Lage nach wie vor als sehr schwierig: „Wir sind nahe an der Unterversorgung“.
Die Gründe sind hier wie in anderen Regionen ähnlich: Es braucht mehr Ärzte als früher. Denn immer häufiger arbeiten Mediziner in Teilzeit. Nachrückende Generationen seien nicht mehr gewillt, die hohen Arbeitsumfänge zu schultern und achteten mehr auf Work-Life-Balance, sagt Vogel.
„Der Trend sind daher angestellte Ärzte“, sagt Ingrid Schwarz-Aldorf, Hausärztin mit Praxis in Freystadt. Wachsende Bürokratie und sinkende Verdienstmöglichkeiten führen Ärztevertreter außerdem als Ursachen dafür an, warum junge Ärzte scheuen, sich selbstständig zu machen.
Die Lage könnte sich in den kommenden Jahren verschärfen. Denn es werden zahlreiche Ärzte ein Alter erreichen, in dem sie über die Rente nachdenken könnten. Laut Versorgungsatlas der KVB sind im Bereich Neumarkt 28 der 70 Ärzte älter als 60 Jahre. In Parsberg sind es zehn von 23 Ärzten.
Weiterbildungsverbund von Klinikum und Ärztenetz Neumarkt
Es gibt diverse Ansätze, wie gegengesteuert werden soll. Beispielsweise können Kassenärztliche Vereinigungen in Regionen mit anerkanntem Ärztemangel Vergütungszuschläge zahlen oder Umsatzgarantien geben. Der Freistaat fördert sich niederlassende Ärzte mit bis zu 60 000 Euro. Manche Gemeinden werben aktiv um Hausärzte und bieten sich beispielsweise als Vermieter von Praxisräumen an.
Ein weiterer regionaler Ansatz ist der eines Weiterbildungsverbunds. Er verknüpft regionales Krankenhaus und Hausarztpraxen vor Ort enger miteinander bei der Ausbildung von angehenden Ärzten zu Allgemeinmedizinern. Einen Teil verbringen sie in Hausarztpraxen in der Region. Im besten Fall soll dies es den jungen Ärzte n schmackhaft machen, sich in der Region niederzulassen.
Aktuell befänden sich vier angestellte Ärzte des Klinikums in der Verbundweiterbildung. Zwei davon seien aus dem Landkreis, erklärt das Klinikum. Seit dem Start im Jahr 2018 hätten knapp 40 Ärzte den Verbund durchwandert. Wie viele von ihnen inzwischen Hausärzte im Landkreis sind, weiß das Klinikum nicht.
Noch Luft nach oben da
Auf Seiten des Ärztenetzes betreut unter anderem Ingrid Schwarz-Aldorf den Verbund. Sie sieht noch Luft nach oben und wünscht sich mit Blick auf das Klinikum, dass der Verbund stärker mit Leben gefüllt werde. Schwarz-Aldorf: „Das Klinikum muss Interesse daran haben, Hausärzte weiterzubilden“.
Das Krankenhaus brauche Allgemeinmediziner, die das Krankenhaus kennen und diesem Patienten kompetent zuweisen, sagt die Freystädter Hausärztin. Beziehungsweise als medizinische Grundversorger in der Fläche das Klinikum entlasten und verhindern, dass Patienten wegen kleinerer Beschwerden das Krankenhaus aufsuchen.