Trotz langen Wartens auf Termine: Warum es im Kreis Neumarkt nicht mehr Hautärzte gibt

Von Wolfgang Endlein · 30. September 2024 um 05:00

Wer als gesetzlich Versicherter einen Termin bei einem Hautarzt möchte, muss mitunter Geduld haben. Die Nachfrage ist auch im Landkreis Neumarkt hoch. Müsste man dann nicht das Angebot erhöhen? Die angehende Fachärztin Kerstin Prüfling wäre dazu bereit. Aber so einfach ist das nicht.

Elf Jahre hat Prüfling nach eigener Aussage auf den Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten hingearbeitet. In den kommenden Wochen soll endlich die entscheidende Prüfung anstehen. Im Januar habe sie den Antrag gestellt, sagt sie entnervt von den ihrer Ansicht nach zähen, weil bürokratischen Vorgängen bei der Landesärztekammer. Doch das ist eine andere Geschichte.

Hier soll es um die Zeit nach der Prüfung gehen. Sollte die Neumarkterin diese bestehen, würde sie gerne eine Praxis eröffnen bzw. übernehmen. Schließlich weiß auch sie aus ihrer aktuellen Arbeit als angestellte Ärztin in einer Hautarzt-Praxis in einem Nachbarlandkreis, dass es eine große Nachfrage nach Terminen gibt.

Kassensitze sind im Landkreis Neumarkt alle vergeben

Dass eine Praxis aufzubauen bzw. zu übernehmen, viel Arbeit sei und einiges an Duldsamkeit wegen der von vielen Ärzten kritisierten wachsenden Bürokratie brauche, weiß Prüfling. Dass sie zudem einiges an Geld in die Hand nehmen müsste ebenso. Aber selbst, wenn sie dazu bereit wäre, würde das wenig nützen. „Die Kassensitze sind im Raum Neumarkt alle auf Jahre vergeben“, sagt Prüfling. Und einfach einen weiteren aufmachen, geht nicht.

Das ist dem komplexen System geschuldet, wie sich Ärzte in Deutschland niederlassen und die Behandlung von gesetzlich Versicherten bei deren Krankenkasse abrechnen dürfen. Denn dazu braucht man einen Kassensitz. Aktuell gibt der Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns den Bestand mit fünf Hautärzten für den Landkreis an.

Wie viele eine Region haben soll, bestimmt eine Bedarfsplanung. Diese legt nicht die Politik fest. Nach dem Willen des Gesetzgebers verwaltet sich das Gesundheitssystem an dieser Stelle selbst. Ein Gremium aus Vertretern von Ärzten, Kassen und Krankenhäusern auf Bundesebene (der gemeinsame Bundesausschuss, G-BA) erarbeitet regelmäßig überarbeitete Richtlinien. Ausschüsse auf Landesebene erstellen auf Basis dessen eine konkrete Bedarfsplanung, die zwei Mal im Jahr überprüft und gegebenenfalls angepasst wird.

Auf einen Hautarzt kommen im Landkreis Neumarkt 28.000 Menschen

Diese Planung regelt, wie viele Hausärzte, Orthopäden und andere niedergelassene Ärzte eine Planungsregion haben darf. Das soll einerseits gewährleisten, dass die Menschen medizinisch ausreichend versorgt sind. Andererseits soll es auch nicht zu viele Praxen geben, die sich im Zweifelsfall die Patienten und damit die wirtschaftliche Grundlage streitig machen.

Dafür gibt es eine komplexe Berechnung, bei der vereinfacht gesagt unter anderem mit einfließt, wie krank und alt die Bevölkerung ist und die räumliche Lage der Region. Der Landkreis gilt den Planern als eine Region, die von den benachbarten urbanen Räumen Nürnberg und Regensburg mit versorgt wird.

Für den Bereich der Hautärzte führt all das zur Verhältniszahl 41 053. So viele Patienten sollen im Landkreis laut Bedarfsplan auf einen Hautarzt kommen. Tatsächlich sind es im Landkreis mit seinen 140 000 Einwohnern aber rund 28 000 Einwohner auf einen Hautarzt. Der Landkreis gilt daher als zu 147 Prozent versorgt.

In den vergangenen Jahren hat sich bei den Kassensitzen für Hausärzte nichts geändert

In den Jahren 2022 und 2023 hat der Landesausschuss daher laut der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) keine Niederlassungen von Hautärzten im Landkreis ermöglicht. Auch nach den Sitzungen in diesem Jahr gab es keine Veränderung.

Es bleibt aber der Widerspruch, dass viele Menschen trotz einer rechnerischen Überversorgung mit Hautärzten das Problem erleben, nur schwer Termine zu bekommen. Zeitlich befristete Aufnahmestopps in manchen Praxen unterstreichen diesen subjektiven Eindruck.

Hautärzte wie Markus Schwürzer-Voit erklären das mit der hohen Zahl an Patientenkontakten, die das verhältnismäßig kleine Fach der Dermatologie habe. Schwürzer-Voit ist Vorsitzender des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen (BVDD) in der Oberpfalz und hat eine Praxis in Hemau (Landkreis Regensburg). Allein das Hautkrebsscreening beanspruche in einer Einzelpraxis mindestens 300 Termine im Quartal, sagt er.

Kerstin Prüfling will Patienten ein eigenes Angebot machen – auch ohne einen Kassensitz. Ihr Plan ist es, eine Privatpraxis zu eröffnen. Die Behandlung müssten Patienten dann aus der eigenen Tasche bezahlen bzw. über eine private Versicherung abrechnen.

Prüfling ist überzeugt, dass sie dennoch genügend Patienten finden wird. Die Menschen seien bereit, Geld in die Hand zu nehmen, um ohne längeres Warten Sicherheit über beispielsweise einen schwarzen Hautfleck zu bekommen.

Der Versorgungsgrad des Landkreises Neumarkt bei den unterschiedlichen Arztgruppen

Hausärzte: Laut Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns (KVB) gab es Stand August 2024 im Planungsbereich Neumarkt 70 Hausärzte. Das macht einen Versorgungsgrad von 96,8 Prozent bei 105 000 Einwohnern. Der Landkreis ist in einen weiteren Planungsbereich für Hausärzte aufgeteilt. In Bereich Parsberg (Velburg, Parsberg, Lupburg, Hohenfels, Seubersdorf, Breitenbrunn, Dietfurt) gibt es laut KVB 23 Hausärzte auf 33 410 Menschen, was ein Versorgungsgrad von 107 Prozent ist. Laut KVB gab es im Planungsbereich Neumarkt Anfang August neun unbesetzte Sitze für Hausärzte. Im Bereich Parsberg war es einer.

Niedergelassene Fachärzte: Die Bedarfsplanung für die allgemeine fachärztliche Versorgung nimmt den Landkreis als ganzes als Planungsbereich. Freie Sitze gibt es demnach mit Stand August bei Frauenärzten zwei, bei Kinder- und Jugendärzten einen und bei Psychotherapeuten einen halben. Bedeutet im Umkehrschluss: Bei den meisten Fachärzten ist der Landkreis laut KVB zu 100 Prozent und mehr versorgt.

Kerstin Prüfling will sich als Hautärztin in Neumarkt selbstständig machen. Foto: Endlein