Hildegard Anderle aus Neustadt spricht über Krieg, Verluste und das Geheimnis der Langlebigkeit

Wie wird man 100 Jahre alt? In einem Gespräch mit unserer Zeitung öffnet Hildegard Anderle aus Neustadt a.d. Donau (Landkreis Kelheim) das Fenster zu ihrer Lebensgeschichte und verrät, was ihr geholfen hat, ein solch hohes Alter zu erreichen.
Geboren am 27. November 1924 in Oberschlesien, erlebte die heute 100-Jährige die dramatischen Umwälzungen des Zweiten Weltkriegs und die Veränderungen der Nachkriegszeit. Aufgewachsen in einer Region, die heute zu Polen gehört, hat sie ein Leben geführt, das von historischen Brüchen und persönlichen Herausforderungen geprägt war.
Auf die Frage, was sich in den letzten 100 Jahren verändert hat, blickt Hildegard Anderle nachdenklich zurück: „Die Frauen haben heute mehr Rechte. Früher sagte der Mann, was zu tun war, und die Frau musste gehorchen.“ Doch trotz der vielen gesellschaftlichen Veränderungen bleibt für sie eines konstant: die Politik. „Die ist genauso Mist wie früher“, sagt sie.
Jugend in der Kriegszeit
Hildegard Anderles Jugend war von den politischen Turbulenzen des Zweiten Weltkriegs geprägt. Wie viele Gleichaltrige war auch sie in der Hitlerjugend. „Wir waren auch gerne da“, erinnert sie sich. Doch der Krieg brachte ständige Angst mit sich. „Wir hatten Bombennächte. Wir wussten nicht, ob wir am nächsten Tag noch lebten. Und mein Wunsch war damals, wenn es passiert, dann möchte ich gleich tot sein. Ich habe nämlich schlimme Dinge gesehen.“ Diese Erlebnisse hinterließen tiefe Spuren, doch sie hatte stets eine pragmatische Haltung: „Was soll's? Das Leben geht weiter.“
Mit 16 Jahren wurde Anderle Mutter einer Tochter. Kurze Zeit später, während des Zweiten Weltkriegs, verlor sie ihren Partner, der in der Sowjetunion fiel.
Später fand sie erneut einen Lebenspartner und heiratete. „Mein Mann war immer gut zu mir“, erinnert sie sich. Diese Ehe brachte ihr eine gewisse Stabilität, doch das Glück war nicht von Dauer. „Vor ziemlich genau 30 Jahren wurde ich zur Witwe“, sagt Anderle, die nicht nur ihren Ehemann, sondern auch alle ihrer vielen Geschwister überlebt hat. Trotz wiederholter Verluste blieb sie selbstständig. „Ich habe immer gearbeitet“, betont sie. Als Näherin konnte sie ihre Familie unterstützen und ihre Unabhängigkeit bewahren. „Es war nie einfach, aber ich habe es immer selbst geschafft“, sagt sie. Vor rund 20 Jahren zog die heute 100-Jährige nach Bad Gögging, um näher bei ihrer heute 83-jährigen Tochter und ihren drei Enkelkindern zu sein. In ihrer neuen Heimat, in der sie auch heute selbstständig lebt, fühle sie sich wohl.
Tipps für ein langes Leben
Und was ist das Geheimnis für ein langes Leben? Anderle sagt: „Ich hatte eine Großmutter, die ist auch an die 100 geworden.“ Doch auch ihre eigene Lebensweise hat ihren Teil dazu beigetragen: „Selbstbestimmt und selbstständig leben – das sind wichtige Dinge.“ Sie weiß, dass es darauf ankommt, das Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten: „Wenn man das macht, was einem guttut, ist das Leben gut.“ Ihre positive Haltung trägt ebenfalls dazu bei: „Ich schlafe gerne“, sagt sie mit einem Lächeln. „Ich fühlte mich immer jung. Für mich gab’s das Älterwerden gar nicht.“ Ihr Lebensmotto? „Leben und leben lassen.“
Zum 100. Geburtstag von Hildegard Anderle gab es einen regelrechten Aufmarsch an Glückwünschen. Thomas Memmel, Bürgermeister von Neustadt, Martin Huber, vierter stellvertretender Landrat, und Gerhard Karrer, Stadtrat aus Bad Gögging, gratulierten der Jubilarin persönlich. Ihren Ehrentag feierte die 100-Jährige im Kreise ihrer Familie.
So war die Welt vor 100 Jahren
Globale Lage: Das Jahr 1924 war von politischen und wirtschaftlichen Veränderungen geprägt. In den USA erlebte die Wirtschaft während der „Roaring Twenties“ einen Boom, während in der Sowjetunion Stalin seine Macht festigte und Mussolini in Italien seine Diktatur ausbaute. In der Weimarer Republik fanden zwei Reichstagswahlen statt, die die politische Landschaft beeinflussten.
Historische Ereignisse: Herausragend war die Ausrichtung der ersten Olympischen Winterspiele in Chamonix sowie der Beginn der „Goldenen Zwanziger“. Auch wurden im Jahr 1924 einige der einflussreichsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts geboren, darunter die US-Präsidenten Jimmy Carter und George H.W. Bush sowie der legendäre Schauspieler Marlon Brando.