Pfleiderer will sparen und präsentiert der IG Metall einen Vorschlag – Arbeitsplätze gefährdet?

Laut Pfleiderer-CEO Frank Herrmann erlebt das Neumarkter Unternehmen wirtschaftlich schwierige Zeiten. Im großen Interview spricht er über die Strategie in der Krise, was diese für die Mitarbeiter bedeutet und einen Sparvorschlag, den man der IG Metall unterbreitet hat.
Herr Herrmann, wie ist die aktuelle Lage bei Pfleiderer?
Frank Herrmann: Der Markt ist extrem herausfordernd.
Was sind die Gründe dafür?
Herrmann: Rund zwei Drittel des Geschäfts von Pfleiderer hängen direkt oder indirekt vom Bau ab, ein Drittel vom privaten Konsum. Die Zahl der Baugenehmigungen ist stark rückläufig. Das ist ein Indikator, dass 2025 ein weiteres schwieriges Jahr für die Industrie und Pfleiderer wird – selbst wenn eine neue Bundesregierung Konjunkturprogramme auflegt. Denn von der Baugenehmigung bis zum Schließen der Hülle eines Hauses braucht es zwölf bis 18 Monate. Und erst wenn die Hülle fertig ist, kommt es zur Nachfrage bei Küchen, Einbauschränken und anderen Produkten, die Pfleiderer betreffen.
Sie haben vom privaten Konsum als zweitem Standbein des Geschäfts gesprochen.
Herrmann: Wir haben von der Sonderkonjunktur der Corona-Pandemie profitiert. Viele Menschen haben ihr Zuhause schön gemacht. Aktuell sind die wirtschaftlichen Aussichten nicht so gut. Verbraucher sind vorsichtiger. Zudem sehen wir, dass sich das Konsumverhalten in gewissem Umfang umschichtet. Die Menschen geben lieber mehr Geld für Freizeit und Urlaub aus.
Pfleiderer aus Neumarkt sieht sich in einem Preiskrieg
Welche Folgen hat das für das Unternehmen?
Herrmann: Unsere Industrie ist stark unterausgelastet. Das führt zu hartem Wettbewerb und Preiskrieg. Ich nutze bewusst dieses Marketingwort. Wir sehen am Markt teils unlauteres Verhalten. Bei manchen Ausschreibungen werden Preise angeboten, die noch nicht mal kostendeckend sind. Das sind reine Auslastungsgeschäfte. Die Marktdynamik ist toxisch und das wird sich wahrscheinlich auch im nächsten Jahr nicht ändern.
Wie geht Pfleiderer mit dieser Situation um?
Herrmann: Wir wollen das mit ruhiger Hand managen und uns nicht von der Panik anderer anstecken lassen. Einerseits müssen wir verstärkt schauen, dass die Kosten stimmen. Andererseits müssen wir in die Zukunft investieren, was wir 2024 und 2025 mit einem mittleren zweistelligen Millionen-Betrag tun. Denn der Markt wird wiederkommen und Pfleiderer kann dann überproportional am Aufschwung partizipieren. Unsere Strategie wird uns dabei helfen.
Wie sieht diese Strategie aus?
Herrmann: Unsere Strategie hat mehrere Säulen. Wir konzentrieren uns auf Premium-Produkte und Premium-Service. Wir wollen in neue Exportmärkte expandieren, um uns von konjunkturellen Schwächen in einzelnen Märkten unabhängiger zu machen und unsere Spitzenposition in der Nachhaltigkeit weiter auszubauen. Vor allem aber müssen wir angesichts der aktuellen Situation an der Kosteneffizienz arbeiten.
Pfleiderer nutzt Fluktuation beim Personal und besetzt Stellen nicht nach
Wie wollen Sie das machen?
Herrmann: Wir schauen uns beispielsweise derzeit Prozesse an und optimieren sie. Das führt am Ende dazu, dass wir effizienter werden und im Hinblick auf Fachkräftemangel sowie die Generationenproblematik auch mit weniger Personal auskommen. Darüber hinaus wollen wir die Stärken unserer Unternehmenskultur weiterentwickeln und unseren Führungsstil modernisieren.
Werden Stellen abgebaut?
Herrmann: Mit Beginn meiner Rolle als CEO bei Pfleiderer habe ich ein breit angelegtes Transformationsprogramm aufgesetzt. Mir ist wichtig, das Unternehmen noch fitter zu machen. Wir sind dabei Prozesse, IT-Systeme, Produktion und Produkte weiter zu verbessern. Angesichts der Notwendigkeit zu sparen, haben wir die Fluktuation beim Personal genutzt. Wir haben Stellen von Mitarbeitern, die uns verlassen haben, in vielen Fällen nicht wieder besetzt. Betriebsbedingte Kündigungen waren nicht notwendig. Das kann ohnehin immer nur das letzte Mittel sein.
Pfleiderer wollte die vereinbarte Lohnerhöhung um einige Monate schieben
Wird das so bleiben?
Herrmann: Wir tun auf der Arbeitgeberseite alles dafür. Wir haben in den vergangenen Wochen und Monaten regelmäßig mit den Arbeitnehmervertretern gesprochen, wie wir Personalkosten reduzieren können. Im Frühjahr, als die Marktsituation noch anders aussah, haben wir mit der IG Metall einen neuen Tarifvertrag für 24 Monate ausgehandelt. Zuletzt haben wir angeboten, aus dem Topf der bis Jahresende begrenzten staatlichen Inflationsausgleichsprämie weitere 1000 Euro zu nutzen und im Gegenzug die auf zwei Schritte aufgeteilte neunprozentige Tariferhöhung um acht Monate zu verschieben.
Was brächte das für Pfleiderer?
Herrmann: Für die Arbeitnehmer brächte es keinen Verlust auf 24 Monate gerechnet, da die Prämie steuer- und sozialversicherungsfrei ausgezahlt wird. Für Pfleiderer brächte das eine Kostenersparnis in siebenstelliger Höhe. Aus für uns unverständlichen Gründen hat die Arbeitnehmerseite am letzten Dienstag die Verhandlungen für final gescheitert erklärt.
Pfleiderer streicht freiwillige Leistungen für Mitarbeiter
Wie geht es nun weiter?
Herrmann: Wir sind tariftreu und werden die vereinbarte Erhöhung auszahlen. Aber es ändert sich ja nichts an der Gesamtsituation: Wir müssen zusätzliche Kosteneinsparungen finden. Ich kann heute noch nicht sagen, was das sein wird. Aber wir müssen gerüstet sein für ein weiteres Krisenjahr und dem Wettbewerb standhalten. Es gibt keine heiligen Kühe für mich. Alles, was nicht kritisch für das Geschäft ist, wird hinterfragt. Wir haben bereits ein Maßnahmenpaket in Kraft gesetzt, womit wir uns nicht unbedingt Lob abgeholt haben.
Was beinhaltet es?
Herrmann: Wir haben angefangen, an verschiedenen Stellen zu kürzen. So gibt es kein kostenfreies Obst, Wasser und keine Kantinenzuschüsse mehr. Wir haben die Jubiläumsgratifikationen gestrichen. Die letzten Jahre haben wir solche unpopulären Maßnahmen vermieden. Nun sind wir dazu gezwungen. Das betrifft auch die Führungsebene. 2025 wird es eine Nullrunde bei den Gehältern und Einschnitte bei den Dienstwagen geben. Diese Maßnahmen sind krisenbedingt. Wenn es uns wirtschaftlich besser geht, werden wir die Belegschaft wieder entsprechend am Erfolg beteiligen.
Pfleiderer-Chef glaubt an eine bessere wirtschaftliche Lage in 2026
Sie haben Hoffnung auf Besserung in 2026 geäußert. Was stimmt Sie zuversichtlich?
Herrmann: Ich glaube, 2026 wird eine Erholung kommen. Die neue Regierung wird wie auch immer geartete Konjunkturpakete präsentieren. Das wird es auch für den sozialen Frieden brauchen. Die Bauwirtschaft als eine der großen Industrien wird dabei sicher im Fokus stehen. Das wird sich im Geschäft von Pfleiderer mit der erwähnten Verzögerung von zwölf bis 18 Monaten widerspiegeln. Wir sind stark genug, um die Krise zu meistern.
Was macht diese Stärke aus?
Herrmann: Unsere Strategie ist stark nach vorne schauend. Ich denke, dass unsere Innovationsfähigkeit uns helfen wird und wir eine loyale Kundenbasis haben. Wir sind Branchenführer im Bereich Nachhaltigkeit. Außerdem haben wir im Sommer unsere Anleihenfinanzierung auf dem Kapitalmarkt um drei Jahre frühzeitig verlängern können. Dadurch haben wir uns Luft verschafft. Außerdem hat unser Shareholder 75 Millionen Eigenkapital ins Unternehmen gegeben und damit unserer Strategie vollstes Vertrauen geschenkt. Kurz: Wir haben unsere Marktposition weiter gefestigt, müssen aber nun gemeinsam die Krise durchstehen.
