Pfleiderer trotzt schwacher Baukonjunktur mit Nachhaltigkeit und Produkten für edle Küchen

Die Holzplatten aus dem Neumarkter Pfleiderer-Werk werden weltweit in Küchen verbaut. Damit hängt das Unternehmen auch an der Entwicklung der Baubranche – und die bricht derzeit massiv ein. Der CEO der Pfleiderer Group, Frank Herrmann, erklärt, wie es dem Traditionsunternehmen derzeit geht, warum es massiv auf eine nachhaltige Produktion setzt und wie es sich von Mitbewerbern abhebt.
Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit bei Pfleiderer?
Frank Herrmann: Pfleiderer hat in den letzten Jahren seine ESG-Aktivitäten kontinuierlich intensiviert und damit nachhaltiges und verantwortungsvolles Handeln zum festen Teil seiner Unternehmensstrategie gemacht. ESG – englisch für Environmental, Social and Governance – steht dabei für Umwelt, Soziales und Unternehmensführung und dehnt damit den Nachhaltigkeitsbegriff weit über den klassischen Umweltschutz aus.
Was hat Pfleiderer besonders gut umgesetzt, um die Ecovadis „Gold“ Auszeichnung zu erhalten?
Herrmann: Im jährlichen Rating von EcoVadis konnten wir nicht nur die Goldmedaille aus 2022 verteidigen, sondern auch unsere Gesamtpunktzahl um 5 auf 76 von 100 Punkten steigern. Pfleiderer gehört damit erneut zu den besten fünf Prozent aller bewerteten Unternehmen. Inhaltlich werden 21 Nachhaltigkeitskriterien in den vier Themenbereichen Umwelt, Arbeits- und Menschenrechte, Ethik und nachhaltige Beschaffung abgefragt. Zum Erfolg trugen insbesondere Verbesserungen in den Bereichen Arbeits- und Menschenrechte sowie Ethik bei.
Welche Rolle spielt der Einsatz erneuerbarer Energie?
Herrmann: Die Grundlage für das wiederholt gute Abschneiden im Bereich Umwelt bilden bereits vor 25 Jahren getroffene strategische Entscheidungen, sich durch eigene Biomassekraftwärme zur besonders effizienten Erzeugung von Prozesswärme und Strom fast komplett unabhängig von fossilen Energieträgern zu machen.
Könnten Sie konkrete Beispiele nennen, wo Sie Verbesserungen in puncto Arbeits- und Menschenrechte bzw. Ethik implementiert haben?
Herrmann: Hier haben wir unseren Gold-Status durch eine Vielzahl von wirkungsvollen Maßnahmen rund um Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz ausgebaut. Dazu gehören klare Sicherheitsunterweisungen und die stringente Aufarbeitung von Beinahe-Unfällen, aber auch die systematische Optimierung unserer Arbeitsplätze in puncto Sicherheit, Sauberkeit und Übersichtlichkeit.
Was bedeutet die Medaille für das Unternehmen?
Herrmann: Die EcoVadis-Gold-Auszeichnung ist eine von zahlreichen exzellenten Ratings, die wir seit einigen Jahren von externen Agenturen verliehen bekommen haben. Jüngst konnten wir im Morningstar/Sustainalytics-Ranking auf Rang 2 aller 149 bewerteten Unternehmen der Sparte Bauprodukte aufsteigen. Im Gesamtvergleich gehört Pfleiderer dort zu den besten zwei Prozent aller mehr als 15000 global bewerteten Unternehmen.
Deutscher Nachhaltigkeitspreis und Goldmedaille von EcoVadis
Nach der EcoVadis-Auszeichnung stehen Sie vor dem vielleicht größten Nachhaltigkeitserfolg für Pfleiderer. Sie haben das Finale des Deutschen Nachhaltigkeitspreis erreicht. Was bedeutet das für Sie?
Herrmann: Ich bin mehr als stolz auf die Leistung der gesamten Pfleiderer-Mannschaft! Wir haben uns voll und ganz unserem Motto „Natürlich Nachhaltig“ verschrieben und diesen Ansatz fest in unserer Strategie verankert. Jetzt stehen wir kurz dem vielleicht größten Erfolg bisher und es heißt Daumendrücken!
Welche Rolle spielt nachhaltiges Handeln in Ihrer Branche?
Herrmann: Nicht nur für unsere Kunden, sondern auch für den Kapitalmarkt werden nachhaltiges Unternehmertum und nachhaltige Produkte immer wichtiger. Kaufentscheidungen und Finanzierungskonditionen hängen mehr und mehr davon ab. Kurz: Wir investieren damit in die Zukunft unseres Unternehmens, steigern seine Reputation und sichern Arbeitsplätze.
„Ich würde Pfleiderer im Bereich der nachhaltigen Produkte definitiv als Vorreiter bezeichnen.“ Frank Herrmann, Geschäftsführer
Heißt das, Ihre Kunden achten heute sehr viel mehr auf Produkte, die aus einem nachhaltigen Unternehmen stammen? Hat Pfleiderer damit ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber Wettbewerbern?
Herrmann: Definitiv! Beim Verbraucher ist ein klares Umdenken zu mehr Nachhaltigkeit bei langlebigen Gebrauchsgütern wie Möbeln oder Küchen zu beobachten. Das hat Auswirkungen auf die Nachfrage bei unseren Kunden und unsere Produktpalette.
Ich würde Pfleiderer im Bereich der nachhaltigen Produkte definitiv als Vorreiter bezeichnen. Wir haben nicht nur bereits vor Jahrzehnten die formaldehydfreie Spanplatte entwickelt, sondern haben mit unserem Organic Board eine weitere wohngesunde und ökologische Innovation auf den Markt gebracht – eine Platte, die zu 50 Prozent mit einem biogenen Leim, dem sogenannten „OrganicGlue“, hergestellt wird. Das senkt den Einsatz fossiler Ressourcen um rund 30 Prozent, ein klares Alleinstellungsmerkmal auf dem Markt.
Von außen betrachtet, sieht das Holzlager in Neumarkt außergewöhnlich gut gefüllt aus.
Herrmann: Der Blick auf das Holzlager erlaubt keine Rückschlüsse auf die Geschäftssituation. Die Bevorratungsmengen hängen von vielen Parametern ab, zum Beispiel der Verfügbarkeit der Sortimente am Markt, unserer Einkaufsstrategie hinsichtlich des Holzmixes, unserer Preiserwartungen aber auch von günstigen Gelegenheiten am Spotmarkt, die wir vorteilhaft für Pfleiderer nutzen können.
Das heißt, Pfleiderer hat sich derzeit mit Holz eingedeckt, das zu einem attraktiven Preis zu bekommen war?
Herrmann: Die Preise für Holz sind zwar gegenüber den Höchstständen des Vorjahres zurückgekommen, aber historisch gesehen immer noch hoch.
Pfleiderer verarbeitet im Monat 4000 Lkw-Ladungen Holz
Aus welchen Regionen stammt überwiegend das Holz, das Pfleiderer in Neumarkt verarbeitet?
Herrmann: Wir kaufen unser Holz sehr regional ein, überwiegend nicht weiter als 150 Kilometer, um nicht zuletzt mit kurzen Transportwegen die Umwelt zu schonen.
Welche Mengen werden derzeit im Durchschnitt pro Monat verarbeitet?
Herrmann: Bei normaler Auslastung in Neumarkt benötigen wir ungefähr 100000 Festmeter, das entspricht 4000 Lkw-Ladungen.
Wie wirkt sich der Einbruch der Baubranche auf die wirtschaftliche Lage von Pfleiderer aus?
Herrmann: Auch Pfleiderer merkt natürlich die allgemeine Abschwächung im Markt. Wir sind jedoch nur mit einem kleinen Teil unseres Geschäftes direkt von der Baukonjunktur betroffen. Weite Teile des dekorativen Geschäfts gehen in die Möbelindustrie, insbesondere Küchen oder in das Objektgeschäft. Und hier ist die Lage deutlich differenzierter. Das mittlere und das Premium-Segment bei Küchen ist vergleichsweise stabil. Und hier hat Pfleiderer seine meisten Kunden. Gleiches gilt für das Objektgeschäft.
Pfleiderer-Produkte von Neumarkt nach Frankreich
Wo befinden sich die wichtigsten Abnehmer für diese Produkte aus Neumarkt?
Herrmann: Die wichtigsten Kunden für unser Werk in Neumarkt befinden sich in Deutschland. Wir exportieren von hier aber auch ins Ausland, insbesondere nach Frankreich und Großbritannien.
Inwiefern können damit Verluste an anderer Stelle ausgeglichen werden?
Herrmann: Wir haben Pfleiderer in den letzten Jahren strategisch konsequent mit Fokus auf das Premiumsegment weiterentwickelt, wo wir mit unseren hochqualitativen Holzwerkstoffen deutlichen Mehrwert für die Kunden schaffen und somit viel wettbewerbsfähiger sind. Circa 75 Prozent des gesamten Umsatzes entfallen mittlerweile auf dieses Segment, wo wir auch die höchsten Gewinnbeiträge erzielen. Damit haben wir die Widerstandsfähigkeit für das ganze Unternehmen erhöht.
Darüber hinaus entwickeln wir kontinuierlich auch unser Exportgeschäft weiter, nicht zuletzt, um uns noch unabhängiger von regionalen Krisen zu machen. So werden wir zum Beispiel im Januar nächsten Jahres ein Vertriebsbüro in Dubai eröffnen.
Welche Länder gehören zu den wichtigsten beim Export von Pfleiderer-Produkten?
Herrmann: Zu den wichtigsten Export-Ländern bzw. Regionen gehören Frankreich, die Benelux-Staaten, Skandinavien, Großbritannien, aber auch Asien.
Wie sehen die Aussichten für die nähere Zukunft aus?
Herrmann: Die Entwicklung der Rahmenbedingungen ist aktuell sehr schwer einzuschätzen, weswegen wir maximal flexibel sein müssen und keine detaillierten Zukunftsaussagen machen können. Für den Rest des Jahres sehen wir jedoch keine wesentliche Trendänderung.


