Dehn: Von Neumarkt nach Mühlhausen – ein Umzug in die Zukunft

Von Eva Gaupp · 1. August 2023 um 05:00

Für 50 Millionen Euro baut die Firma Dehn in Mühlhausen ein neues Werk. Der Umzug der Produktion bei laufendem Betrieb mit dann rund 600 Mitarbeitern ist extrem komplex. Und er stößt zahlreiche Innovationen an, die weitreichende Veränderungen für die Beschäftigten mit sich bringen.

Das Familienunternehmen Dehn wächst und wächst und wächst. Rund 2300 Mitarbeiter weltweit zählt der Experte für Blitz-, Überspannungs- und Arbeitsschutz. Der Grund dafür: Die Märkte, für die Dehn Produkte liefert – Windtürme, Datencenter und Elektrifizierung – boomen. Deshalb wird der Standort in Mühlhausen, an dem sich seit 2014 die zentrale Logistik sowie ein kleiner Teil der Produktion befunden haben, massiv erweitert.

Aber nicht nur das: „Ich muss automatisieren, wenn ich wachsen will“, sagt Christian Köstler. Er ist der COO, der Chief Operation Officer, und damit im Unternehmen für alle operativen Geschäfte verantwortlich. Oberstes Ziel ist es, alle Abläufe zu optimieren, um die Produktivität zu erhöhen – und dabei die Mitarbeiter möglichst effektiv einzusetzen.

Erfahren Sie hier mehr über das Neumarkter Unternehmen Dehn.

Deshalb gehört jedem Team ein Prozesstechniker an, der zusammen mit den Kollegen Vorschläge ausarbeitet, wie die Abläufe effizienter und schneller gestaltet werden können. So werde die Automatisierung aus den Abteilungen heraus entwickelt und umgesetzt, erklärt Köstler. 50 bis 60 Prozent der Roboter und Produktionsstraßen würden derzeit im eigenen Haus entworfen und gebaut. Wo früher Menschen beispielsweise Einzelteile geschichtet und für den Versand fertig gemacht haben, arbeitet heute ein Roboter. Die Menschen werden anderweitig eingesetzt.

Devise von Christian Köstler: „Schlauer arbeiten statt härter“

Der Effekt lässt sich an einer digitalen Tafel ablesen: Dort tut sich eine sichtbare Differenz zwischen der Soll-Stückzahl und der Ist-Stückzahl auf. „Das schaffen die Mitarbeiter allein durch die Optimierung der Prozesse“, freut sich Köstler. Eine seiner Devisen lautet „Schlauer arbeiten statt härter.“

Es gehe nicht darum, die Beschäftigten anzutreiben, die Arbeit zu verdichten, sondern die Abläufe zu verbessern. Deshalb wurde beispielsweise zum 1.Juli der Einzelakkord abgeschafft. 50 Jahre lang sei es üblich gewesen, nach Akkordarbeit und Stückzahlen zu bezahlen. Diese Ära ist nun beendet. Auch das hat mit dem Umzug zu tun: Nicht umsonst bezeichnet Köstler die neue Produktionsstätte in Mühlhausen als eine der innovativsten Fabriken in Bayern.

„Die hervorragende Ausbildung unserer Mitarbeiter ist der große Vorteil in Deutschland. Das müssen wir nutzen.“ Christian Köstler, COO

Alle Abläufe wurden auf den Prüfstand gestellt und gemeinsam mit den Mitarbeitern optimiert. Das zeigt sich ganz konkret in einem Raum, den Köstler als „Spielwiese“ der Industrie-Ingenieure bezeichnet. Neben einem Prototypen aus Pappe steht ein Herzstück der neuen Produktion in Mühlhausen: Ein Arbeitstisch, der in allen seinen Modulen flexibel für den Mitarbeiter eingestellt und ausgeleuchtet werden kann.

„Die Methode bestimmt die Zeit“, erklärt Michael Mohren, der Leiter der Prozessplanung. Das heißt: Je optimaler ein Arbeitsplatz ausgestattet ist und je optimaler die Mitarbeiter in einen Ablauf integriert sind, desto besser ist das Ergebnis. Und das ist in diesem Fall bemerkenswert: „Der neue ergonomische Arbeitsplatz spart 30 Prozent Zeit ein“, sagt Mohren.

Fahrerloses Transportsystem in Neumarkt und Mühlhausen

Das Know-how der Mitarbeiter sowie die kurzen Entscheidungswege seien die Vorteile des deutschen Mittelstands, sagt Christian Köstler. „Nicht der Größere wird in Zukunft gewinnen, sondern der Schnellere und Flexiblere.“

Ein weiteres Beispiel für die Automatisierung sind Kollegen wie „Bernhard“ und „Ferdinand“. Abgesehen davon, dass die meisten Anlagen bei Dehn einen menschlichen Spitznamen bekommen, sorgen diese beiden stillen Mitarbeiter für eine weitere Entlastung der Mannschaft. Sie gehören zu dem Fahrerlosen Transportsystem (FTS), das seit letztem Jahr schon mit einzelnen Fahrzeugen im Neumarkter Werk im Einsatz ist, in Mühlhausen aber mit rund 20 Stück noch ausgebaut wird. Sie sorgen für einen permanenten Warenfluss auf dem 2500 Quadratmeter großen Areal auf zwei Ebenen und ersetzen Gabelstapler.

Die Fahrzeuge nehmen signifikante Punkte wie Regale, Tore oder Säulen im Raum wahr, erkennen dank Kameras auch bewegliche Hindernisse wie Menschen und benötigen keine Reflektoren zur Orientierung mehr, erklärt der COO. Haben sie einmal ihre Strecke abgefahren, können sie ihr Ziel anschließend alleine ansteuern.

Für die Entwicklung des FTS hat Dehn eine Kooperation mit einem Hersteller gegründet. Solche Kooperationen seien sehr wichtig für den Mittelstand, um konkurrenzfähig zu sein. Das sei Industrie 4.0, sagt Köstler, die intelligente Vernetzung von Abläufen und Maschinen mit Hilfe der Informationstechnologie. „Man kann sich über Probleme beschweren oder man kann Lösungen suchen.“

Mit VR-Brille wird der Umzug geplant

Dieses Motto gilt auch für Michael Mohren, der seit rund zwei Jahren mit allen Abteilungen minuziös den Umzug nach Mühlhausen plant und vorbereitet. Grundlage sind die Warenströme und Transportwege, die möglichst kurz und effizient sein müssen. Darum herum wird die komplette Struktur der Abteilungen aufgebaut. Optimale Prozesse sind das A und O. Denn: „Der Kundenwunschtermin ist unser höchstes Ziel“, wie Köstler sagt.

Um dieses Ziel zu erreichen, berechnet Mohren mit Hilfe eines Programms jeden Ablauf, jeden Weg, jeden Arbeitsschritt – alle Vorschläge von Mitarbeitern können so direkt auf ihre Effizienz hin überprüft werden. Eine Virtual Reality Brille ermöglicht es, jeden Quadratmeter und jeden Arbeitsplatz im Vorfeld in 3D aufzubauen und zu testen.

Dehn hat freiwillige Sechs-Tage-Woche in Neumarkt

„Wir wollen umziehen, ohne dass der Kunde etwas merkt“, sagt Christian Köstler. Eine enorme Herausforderung angesichts voller Auftragsbücher. Deshalb werden nicht einzelne Anlagen umgezogen, sondern zusammenhängende Prozesse. Außerdem gibt es bis Jahresende die Sechs-Tage-Woche – auf freiwilliger Basis und mit entsprechender Entlohnung. Bis Ende November soll der Umzug abgeschlossen sein.

Dann werden auch die etwa 20 Mitarbeiter mit Handicap in Mühlhausen einen festen Arbeitsplatz finden. Derzeit arbeiten sie extern in den Jurawerkstätten der Lebenshilfe. „Das trägt dazu bei, die Toleranz und Zufriedenheit der Mitarbeiter zu stärken“, ist Köstler überzeugt. „Die Zufriedenheit der Mitarbeiter ist das Wichtigste.“

„Bernhard“ gehört zu dem neuen Fahrerlosen Transportsystem.
Hinter Christian Köstler ist die PV-Anlage auf dem Dach des neuen Gebäudes zu sehen.
Die ergonomisch optimierten neuen Arbeitsplätze haben die Beschäftigten selbst mitentwickelt.
Die Firma Dehn produziert in der Vorfertigung für den Blitzschutz Teile in Millionen Stückzahlen aber auch Sonderanfertigungen.
Ein Roboter legt und schichtet Teile auf.
Michael Mohren, der Leiter der Prozessplanung, zeigt den neuen Arbeitsplatz, der ergonomisch optimiert wurde.
So sahen die alten Arbeitsplätze aus.
Ein Zeichen für volle Auftragsbücher: Diese Produkte warten auf den Versand an die Kunden.