Holzknappheit und Klimawandel: Pfleiderer mahnt zum Umdenken in Energiepolitik

Von Eva Gaupp · 15. November 2023 um 11:00

Die Energiewende kommt Bürger und Firmen teuer zu stehen. Die Entscheidung der Bundesregierung, Holz als Allheilmittel für die Energiegewinnung und den Bau zu propagieren, bedeutet für die Möbelbranche eine enorme Konkurrenz. Der CEO der Pfleiderer Group, Frank Herrmann aus Neumarkt, spricht Klartext.

Alte Bahnschwellen, ausgebaute Fensterrahmen, ausgediente Küchenplatten oder Gartenzäune: Was als wertloses Altholz auf dem Sperrmüll landet, verwendet die Firma Pfleiderer als wertvollen Rohstoff für ihre Spanplatten. Echte Sägespäne machen dagegen nur noch einen sehr geringen Anteil aus.

Altholz wird durch Recycling zu wertvollem Rohstoff

Schon vor 30 Jahren hat die Firma Pfleiderer in Neumarkt als eine der ersten in Deutschland begonnen, eine Technologie für diesen aufwendigen Recyclingprozess zu entwickeln. „Inzwischen haben wir eine Ausbeute von rund 92 Prozent“, sagt CEO Frank Herrmann. Übrig blieben unter anderem Metalle und Kunststoffe, die ebenfalls weiter verarbeitet werden könnten, sowie verunreinigter Sand, der dann allerdings tatsächlich entsorgt werden müsse.

Nur Altholz, das sich nicht mehr für diesen Wirtschaftskreislauf eignet, wird im unternehmenseigenen Kraftwerk verbrannt. Es mache rund 95 Prozent der Biomasse aus, mit dem das Kraftwerk betrieben wird, sagt der Vorsitzende der Geschäftsleitung. Nicht umsonst wurde das Neumarkter Unternehmen vor kurzem mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet.

Doch auch Energiekonzerne entdecken jetzt Altholz für sich, getrieben von den Vorgaben der Bundesregierung für die Städte und Gemeinden, auf Basis erneuerbarer Rohstoffe Wärmekonzepte zu erstellen. Die Nürnberger N-ERGIE plant beispielsweise ein neues Kraftwerk in Sandreuth, in dem sie Altholz verbrennen will. „Das ist eine Katastrophe“, sagt Axel Knörr. Der promovierte Chemiker ist der Leiter des Bereichs Umwelt bei der Pfleiderer Deutschland GmbH.

Energieunternehmen treiben die Preise für Holz nach oben

Denn Pfleiderer bezieht sein Altholz ebenfalls aus der Region. Eine mächtige Konkurrenz entstünde direkt vor der Haustür. Und mächtig heißt in diesem Fall finanzkräftig, denn mit Wärme könnten deutlich höhere Gewinne erzielt werden als mit Möbeln, erklärt Frank Herrmann. „Wenn der Preis für Wärme steigt, können Energieunternehmen doppelt so viel für Altholz zahlen als wir.“

Deshalb ärgert er sich über öffentliche Aussagen der Politik, Altholz eigne sich zu nichts anderem als es zu verbrennen. „Das ist eine fehlgeleitete Wahrnehmung“, sagt Herrmann. Dass Altholz zu sehr viel mehr zu verwenden sei, beweise Pfleiderer seit 30 Jahren.

Eine Vorgabe der Europäischen Union wird diese Situation noch verschärfen: Denn laut EU soll Altholz so lange recycelt und wiederverwertet werden, bis es nicht mehr geht. Erst dann darf es verbrannt werden. „Kaskadennutzung“ nennt man dieses System.

Noch hat Deutschland diese Vorgabe nicht in ein Gesetz gegossen, das Bundesumweltministerium arbeite seit fünf Jahren daran, die Altholzverordnung zu überarbeiten, sagt Knörr. Und eigentlich entspricht die EU-Richtlinie genau dem, wonach Pfleiderer schon von sich aus handelt – auch wenn es zu Beginn eines langwierigen Genehmigungsverfahrens bedurft hatte. Allerdings befeuert sie den Kampf um Altholz – der um Frischholz ist längst entbrannt.

„Die Politik hat es versäumt, eine Brückentechnologie zu etablieren, bevor Deutschland aus der Kernenergie aussteigt.“ Frank Herrmann, CEO Pfleiderer Group

Denn nicht nur die Bauindustrie greift immer mehr auf Holz als nachwachsendem Rohstoff zurück. Die Bundesregierung setze durch das Gebäudeenergiegesetz (GEG) – besser bekannt als Heizungsgesetz – ebenfalls auf Biomasse. Holz wird entweder direkt verbrannt oder zu Pellets verarbeitet und verfeuert.

Laut einer Studie von WWF Deutschland und der Universität Kassel wird jetzt schon einer von sechs Bäumen verheizt. Jeder zweite gefällte Laubbaum wird verfeuert. Die Forscher kommen zu dem alarmierenden Ergebnis, dass weltweit sehr viel mehr Holz verbraucht werde als nachwachsen könne – vor allem in Deutschland: Mit 1,2 Kubikmeter Holz pro Person liege der „Holzhunger“ mehr als doppelt so hoch als der weltweite Durchschnitt.

Axel Knörr: Es gibt nicht genug Holz

„Haben wir genug Holz? Wir sagen nein!“, sagt Axel Knörr klipp und klar. Seine Kollegin Stefanie Eichiner, promovierte Forstwirtschaftlerin und bei Pfleiderer für Nachhaltigkeit verantwortlich, führt aus, warum: Werde Holz im großen Stil verbrannt, bevor es stofflich genutzt wird, stehe nicht mehr genug Holz zu bezahlbaren Preisen für den Haus- und Möbelbau zur Verfügung.

Außerdem wird der Wald derzeit aufgrund des Klimawandels umgebaut. Dadurch entstehe in den nächsten Jahren ein zusätzlicher Engpass. „Statt der schnell wachsenden Fichte werden langsamer wachsende Laubbäume gepflanzt“, so Eichiner.

Frank Herrmann wirft der Politik deshalb vor, ohne Strategie und viel zu kurzfristig zu agieren. „Das ist bestenfalls ein Heftpflaster, keine Lösung.“ Angesichts der aktuellen Pläne würden pro Jahr mindestens elf Millionen Tonnen Altholz gebraucht – es stünden jedoch nur sechs bis sieben zur Verfügung. Wenn die Konjunktur lahmt – was derzeit in Deutschland der Fall ist – kauften die Menschen weniger neue Möbel und rangieren weniger alte Möbel aus. Das heißt, es werde noch weniger Altholz geben.

Gibt es eine Lösung? „Man muss eine Pille schlucken“, sagt Frank Herrmann. Der Strom aus Wind und Sonne könne nicht gespeichert werden, Atomkraftwerke wurden abgeschaltet, Öl und Gas wolle man nicht mehr einsetzen. Wasserstoff stehe nicht ausreichend zur Verfügung. „Die Politik hat es versäumt, eine Brückentechnologie zu etablieren, bevor Deutschland aus der Kernenergie aussteigt.“

Die Abwanderung der Industrie ins Ausland habe längst begonnen. Wenn es beim Holzverbrauch keine Kehrtwende gebe, fürchtet Herrmann, dass es bald keine Holz- und Papierindustrie mehr in Deutschland geben wird.

Altholz wird gehackt, geschreddert und dann mechanisch sowie mit Hochtechnologie wie Infrarot und Röntgen für die Wiederverwertung gereinigt. Foto: Pfleiderer
Frank Herrmann, Vorsitzender der Geschäftsführung der Pfleiderer Group, sagt, die Bundesregierung habe keine Strategie für ihre Energiepolitik. Foto: Schmidt-Dominé
Axel Knörr ist promovierter Chemiker und Leiter der Abteilung Umwelt bei der Pfleiderer Deutschland GmbH mit Sitz in Neumarkt. Foto: Tessa Rupp
In einem Sternwender werden Spanplatten getrocknet. Foto: Uwe Mühlhäusser
Stefanie Eichiner ist promovierte Forstwirtschaftlerin und leitet die Abteilung Nachhaltigkeit bei Pfleiderer. Foto: Pfleiderer
Auch Schadholz wird bei Pfleiderer in Neumarkt verwertet. Foto: Pfleiderer