Ein Labyrinth mit 100 Zimmern: Im Herbst ziehen die ersten Künstler ins Wiedamannhaus

In der Brückstraße in Regensburg tut sich was: Seit einigen Tagen haben Passanten hier deutlich mehr Platz, während sie sich seit vergangenen Herbst durch einen Flaschenhals zwängen mussten – und das hat mit der Baustelle im Wiedamannhaus zu tun.
Aber auch wenn mit dem Kran nun ein riesiges Baustellengerät verschwunden ist – seine Demontage war ein Klacks im Vergleich zu der Arbeit, die hinter der Fassade des Wiedamannhauses passiert.
Bauunternehmer Karl Kotz lässt den Komplex sanieren, dessen älteste Teile laut einer Pressemitteilung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz (DSD) auf das 11. Jahrhundert zurückgehen. Dazu gehören laut Architekt Ferdinand Weber zwei Gebäude, die den Bereich zwischen der Brückstraße und dem Posthorngäßchen einnehmen und es zusammen auf über 100 Zimmer bringen. Der um 1220 erbaute spätgotische Turm ist laut DSD einer der ältesten der Stadt.
Das ist geplant
In dem Quartier sollen 16 Wohneinheiten und zwei Läden im Erdgeschoss entstehen. Weiter plant die Stadt, Räume in der ehemaligen Werkstatt der Zinngießerfamilie Wiedamann anzumieten, um auswärtige Künstler darin unterzubringen, die zeitweise in Regensburg leben und arbeiten: Brück4 soll dieses Artist-in-Residence-Programm heißen. Gestern zeigte Prisca Schank, Leiterin des Sanierungs-Projekts beim Architekturbüro Weber, während eines Pressetermins, welche denkmalpflegerischen Kopfnüsse dieses Labyrinth bereithielt, das auch schon mit Quadratmeterpreisen von bis zu 12 300 Euro und einem Geheimversteck Schlagzeilen machte.
In einer der zukünftigen Künstlerwohnungen stellten sie beispielsweise die Fluchtwege vor eine Herausforderung. Jetzt aber könne die Feuerwehr im Notfall über eines der umgebauten Originalfenster in der ehemaligen Zinngießer-Werkstatt anleitern. In der Bohlenstube musste sie zudem eine Wand stützen lassen. Weiter entschied sie, die barocken Türblätter auf neuen Unterkonstruktionen weiterzuverwenden, die den aktuellen Bauanforderungen entsprechen. Auch das erhabene Treppenhaus soll seinen Charakter behalten.
Vor ein schwieriges Rätsel stellte die Planer der Kamin. „Da gehen sicher 400 Stunden auf das Konto von Frau Schank“, sagte Weber. Das Problem: Ein Kamin zieht sich durch das gesamte Haus. Da es sich beim Wiedamannhaus um zwei ursprünglich selbstständige Gebäude handelt, die im Innenbereich mit verspringenden Stockwerken verbunden wurden, dauerte es, bis dieses Gebäudeteil seinen Ausgang zum Dach gefunden hatte. „Kaum macht man ein Loch auf, ist da wieder ein denkmalgeschützter Balken“, verdeutlichte Architekt Weber.
Er bezeichnete das Haus als Vorzeigeprojekt. In der Tat gibt es einige Menschen, die nur darauf warten, sich das Gebäude zeigen lassen zu können: So legte gestern eine Gästeführerin einen Zwischenstopp davor ein und verlor ein paar Sätze über das Gebäude. Auch Hermann Reidel und Hubert Wartner vom DSD-Ortskuratorium baten Weber und Kotz noch während des Termins im Wiedamannhaus um eine weitere Führung darin: Ende April soll eine Kuratoren-Tagung in Regensburg stattfinden und eine Tour durch den Komplex wäre ein Highlight für die Gäste, ist Wartner sich sicher.
Run beim Denkmaltag
Auch Projektleiterin Schank weiß um das Interesse. Beim Tag des offenen Denkmals sei geplant gewesen, 80 Menschen durch das Wiedamannhaus zu führen. Weil die Schlange schon zwanzig Minuten vor dem ersten Termin bis zum Goliathhaus gereicht habe, legten sie und ihre Kollegen Zusatzschichten ein, so dass 300 Gäste das Gebäude sehen konnten.
Zu sehen bekommen werden das Haus auch die von der Stadt eingeladenen Künstler. Die ersten sollen laut Juliane von Roenne-Styra, Pressesprecherin der Stadt, im Herbst 2025 einziehen. 120 000 Euro soll das im Jahr kosten. Dazu kommen einmalige Anschaffungskosten für die Ausstattung. Die Gastspiele sollen mit Hilfe eines Netzwerks ausgeschrieben werden.



