Das Regensburger Wiedamann-Haus wird zur Luxus-Immobilie

Von Marion Koller · 25. November 2023 um 05:00

Von einer Dachterrasse und einigen Wohnräumen des Wiedamann-Hauses blickt man direkt auf den Regensburger Dom. Die großartige Aussicht werden ab Mitte 2025 die Käufer genießen. In dem mittelalterlichen Ensemble mit Patrizierturm, das von der Brückstraße bis zum Posthorngässchen reicht, entstehen 16 Wohnungen. Bis zu 12.300 Euro kostet der Quadratmeter.

Das könnte der bisher höchste Immobilienpreis in Regensburg sein. In die große Wohnung mit der spektakulärsten Dachterrasse müssen Käufer beinahe 1,2 Millionen Euro investieren.

Die Grundfesten des Altstadt-Komplexes, den die Familie Wiedamann 2020 verkaufte, gehen auf das 10. Jahrhundert zurück. Das haben Archäologen um Sabine Watzlawik von Archäoteam vor einigen Tagen herausgefunden. Sie sind im Keller auf eine Mauer der Vorgängerbebauung aus dieser Zeit gestoßen.

Produktion für die Nazis

Das Wiedamann-Haus selbst wurde nach Aussage von Watzlawik im 12. oder 13. Jahrhundert gebaut. Entdeckt haben die Fachleute im Fußboden des vierten Stocks auch einen bemalten Balken aus dem 13. Jahrhundert. Das sei in Regensburg einmalig, sagt Investor Karl Kotz. Das Anwesen fasziniert den Bauherrn. „Ich habe ein Faible für Denkmalsanierungen“, sagt er. „Dieses Gebäude ist unvergleichlich.“ Jeder, der es betrete, sei begeistert von den Details.

Eine Wohnung wird Karl Kotz nicht verkaufen: die im zweiten Stock mit dem lange geheimen Raum. Das hinter der Rückwand eines Tresors verborgene Zimmer besitzt eine Lüftung und einen Zugang zum Hinterhaus im Posthorngässchen. Für die erste Spekulation, dort könnten sich während der Nazi-Zeit Juden versteckt haben, gibt es keine konkreten Hinweise. Im Auftrag der Stadt untersucht eine Wissenschaftlerin, was es mit dem Raum auf sich haben könnte. Ein Ergebnis liegt noch nicht vor.

Zusammen mit der Kommune möchte Karl Kotz diese Wohnung für die Öffentlichkeit zugänglich machen. „Ob nur am Tag des offenen Denkmals oder auch für Veranstaltungen – darüber diskutieren wir noch.“

Zwei Künstlerateliers werden eingerichtet

In den früheren Werkstätten zum Posthorngässchen hin werden für ein Artist-in-Residence-Programm zwei Künstlerateliers eingerichtet. Im Erdgeschoss an der Brückstraße bleiben die beiden Läden. Die zusammenhängenden Patrizierhäuser bieten mehr als 1000 Quadratmeter Wohn- und Geschäftsfläche.

Der Zinngießer Eugen Wiedamann erwarb den Gebäudekomplex 1880. Sein Unternehmen belieferte mit den Zinn-Gegenständen und -Geschirren adlige und bürgerliche Haushalte, darunter viele Jahrzehnte lang die Jüdische Gemeinde. Sohn Richard Wiedamann sen. (1905 bis 1969) führte die Handwerkstradition ab 1934 als Teilhaber fort und arbeitete eng mit bekannten Künstlern und Designern zusammen.

Spätestens aus der Dissertation der Historikerin Caroline-Sophie Ebeling über die Zinngießer-Dynastie ist bekannt, dass diese für die Nazis produzierte. In ihrem Werk „‘Silber‘ für jedermann. Die Zinnkunst der Firma Wiedamann“ schreibt sie, die Verbindungen zum Messerschmitt-Flugzeugwerk und damit indirekt zu Hermann Göring „sollten ab Mitte der 1930er Jahre zu Aufträgen für vereinzelte Sonderanfertigungen zu Ehren des Reichsmarschalls führen, so zum Beispiel ein monumentales Trinkservice für (...) Göring“. Für die Produktion der Me 109, „die zu Beginn des Zweiten Weltkriegs der Standardjäger der Luftwaffe war, wurde auch die Firma Wiedamann eingesetzt“, dokumentiert Ebeling. Die Zinngießerei sei zu einem Rüstungsbetrieb umfunktioniert worden und habe ab 1939 Normteile für die Flugzeuge hergestellt. Das „kriegswichtige“ Unternehmen habe ab etwa 1940 bis 1945 Zwangsarbeiter eingesetzt.

Die Forschung geht weiter

Laut einer Beschäftigtenmeldung von Juni 1943 seien „in der Firma neben dem Betriebsleiter Richard Wiedamann sen. acht Angestellte, sieben Facharbeiter, sieben Hilfsarbeiter, ein Lehrling und vierzehn russische Kriegsgefangene tätig“ gewesen. Im April 1944 forderten die Flugzeugwerke den Betrieb auf, Schichtarbeit einzulegen, „um mehr Aufträge übernehmen zu können“. Wiedamann habe um eine Erhöhung der Zahl der Zwangsarbeiter bitten müssen, heißt es in der Doktorarbeit.

Caroline-Sophie Ebeling (39), die bei den Städtischen Museen beschäftigt ist, forscht weiter zur Produktion der Zinngießerei in der NS-Zeit. Ihr Aufsatz wird 2024 in der Reihe „Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg“ erscheinen. Die denkmalpflegerischen Befunde wird die Stadt nach der Sanierung veröffentlichen.

Blick ins lange geheime Zimmer Foto: Effenhauser/Stadt Regensburg
Begeistert vom Baudenkmal: Investor Karl Kotz Foto: altrofoto.de
Der gesamte Komplex ist gegenwärtig eine große Baustelle. Foto: altrofoto.de