KI-Professor Patrick Glauner aus Regensburg: „Wir sind Weltmeister im Schlechtreden“

Der in Deggendorf lehrende und in Regensburg lebende KI-Professor Patrick Glauner spricht im Interview über autonome Waffensysteme und selbst fahrende Krankenbetten.
Was sind die jüngsten Entwicklungen beim Thema Künstliche Intelligenz?
Patrick Glauner: ChatGPT hat wesentlich dazu beigetragen, dass Künstliche Intelligenz in der Gesellschaft angekommen ist. Mittlerweile kann sich fast jeder etwas unter dem Begriff vorstellen. Jetzt geht es darum, über ChatGPT hinauszugehen und KI sowohl im Unternehmensbereich als auch im privaten Umfeld deutlich weiter einzusetzen.
Wo sehen Sie da Einsatzgebiete, oder was beobachten Sie in Richtung Wirtschaft?
Glauner: Es gibt natürlich Sektoren, die enorm an Bedeutung gewonnen haben und in denen KI immer wichtiger wird – zum Beispiel im Bereich Healthcare. Das Gesundheitswesen steht vor der Herausforderung, dass wir mittel- und langfristig weniger Ärzte haben werden, obwohl gleichzeitig mehr Menschen medizinische Versorgung benötigen.
KI kann hier eine große Chance sein, etwa durch die Übernahme bestimmter Aufgaben, wie Analysen oder das Schreiben von Arztbriefen. Dabei bleibt der direkte Kontakt zum Arzt selbstverständlich wichtig. Aber es gibt viele Tätigkeiten, die eine KI übernehmen kann, ohne dass der Patientenkontakt beeinträchtigt wird. Das eröffnet enorme Potenziale im Gesundheitswesen. Ein weiteres Beispiel sind autonome Krankenhausbetten.
Wenn Sie sich ansehen, wie viele Krankenpfleger täglich damit beschäftigt sind, Betten von einer Station zur nächsten zu schieben – das hat ja wenig mit ihrer eigentlichen Tätigkeit zu tun. Autonome Betten könnten diese Arbeit übernehmen, sodass sich das Pflegepersonal auf das Wesentliche konzentrieren kann.
Entschuldigung, Sie meinen tatsächlich Betten, die sich selbst bewegen?
Glauner: Natürlich! Betten von A nach B zu schieben, erfordert keine Pflegefachkraft. Autonom fahrende Betten könnten diese Aufgabe lösen und den Pflegern Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben verschaffen.
Sie hatten auch den militärischen Bereich angesprochen. Was hat sich dort verändert?
Glauner: Ein Bereich, der in den letzten zweieinhalb Jahren stark an Bedeutung gewonnen hat, ist KI im Militär. Durch den Konflikt in der Ukraine ist das Thema verstärkt in den Fokus gerückt. Ich war im September auf einem Responsible AI for the Military Domain Summit in Südkorea, der sich mit dem Einsatz von autonomen Waffensystemen beschäftigte. Wenn man über KI im Militär nachdenkt, kommen oft sofort Terminator-Szenarien in den Sinn.
Aber KI kann in der Logistik oder bei der Situationsanalyse enorme Vorteile bringen. Natürlich gibt es auch autonome Waffensysteme, und die sind umstritten. Aber solche Systeme könnten dazu beitragen, Zivilisten zu schützen, indem sie gezieltere Angriffe ermöglichen. Das Ziel wäre, dass weniger Menschen zu Schaden kommen – auch wenn der Idealfall natürlich keine Kriege wären.
Einerseits benutzen die Israelis Systeme wie Lavender, um Ziele KI-gestützt zu treffen. Andererseits gibt es Firmen wie Helsing, die beispielsweise 4000 deutsche Drohnen für die Ukraine ausgestattet haben. Was weiß man darüber?
Glauner: Sowohl das israelische Militär als auch Firmen wie Helsing sind sehr verschwiegen. Trotzdem sieht man, dass der Konflikt in der Ukraine für solche Unternehmen eine Gelegenheit bietet, ihre Technologien unter realen Bedingungen einzusetzen und weiterzuentwickeln.
Natürlich klingt das makaber, denn letztlich sprechen wir hier über Kriege, die immer auch tragische menschliche Schicksale mit sich bringen. Aber aus Sicht der Technologieentwicklung sehen viele diesen Konflikt als Chance. Das führt natürlich auch zu einer ethischen Diskussion, wie weit man hier gehen sollte.
Wie reguliert man KI-Waffensysteme?
Glauner: Diese Systeme sind gerade nicht völlig unreguliert, wie in einer Vielzahl von Debatten immer wieder fälschlicherweise behauptet wird. Es gibt die Genfer Konventionen und zahlreiche weitere Regelungen aus dem International Humanitarian Law, die ganz klar definieren, wann und wie militärische Gewalt angewendet werden darf.
Diese Bestimmungen gelten auch für autonome Waffensysteme. Es gibt also kein großes rechtliches Vakuum in diesem Bereich. Hier muss zukünftig auch eine Brücke zum Produkthaftungsrecht gebaut werden, wie mein Kooperationspartner Dr. Andreas Leupold, der als Rechtsanwalt im Bereich Hightech tätig ist, und ich in Südkorea vorgeschlagen haben. Dadurch würde dann zusätzliche rechtliche Klarheit bei der Entwicklung und dem Einsatz von autonomen Waffensystemen bestehen.
Wenn Studenten zu Ihnen kommen und fragen: Was muss ich können, um in der Welt von morgen bestehen zu können? Was sagen Sie denen?
Glauner: Meine Studenten studieren Studiengänge im Bereich Künstliche Intelligenz – Bachelor und Master. Natürlich können sie programmieren und verstehen auch theoretische Informatik, Algorithmen, Datenstrukturen und so weiter. Darüber hinaus lernen sie viel in verschiedenen KI-Modulen wie Computer Vision, Sprachverarbeitung oder Robotik. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, sich durch spezielle Module, Praxissemester oder Abschlussarbeiten weiter zu spezialisieren.
Ein guter Freund von mir, der in Regensburg im Immobilienbereich tätig ist, sagte einmal, wenn er nochmal jung wäre, würde er jetzt einen KI-Bachelor machen – das sei die Lizenz zum Gelddrucken im 21. Jahrhundert. Mit solch einer Ausbildung ist man definitiv gut aufgestellt. Aber wir brauchen nicht nur KI-Absolventen. KI betrifft jeden Beruf. Vom Geschäftsführer über den Sachbearbeiter bis hin zum Hallenarbeiter – alle müssen sich mit KI auseinandersetzen.
Was erwarten Sie von der kommenden Integration von KI in den Alltag, zum Beispiel ins Smartphone wie bald mit Apple Intelligence?
Glauner: Der Ansatz von Apple, KI direkt ins Betriebssystem zu integrieren, ist spannend. Das könnte eine Revolution auslösen, ähnlich wie der iPhone-Moment damals. Wenn KI nahtlos in unser digitales Leben integriert wird – von Smart Homes bis hin zu personalisierten Anwendungen – entstehen riesige Synergieeffekte.
Wir sehen schon heute, wie KI Innovationen in verschiedensten Branchen vorantreibt. Ein Beispiel sind die zuletzt vergebenen Nobelpreise für Physik und Chemie, bei denen KI eine entscheidende Rolle gespielt hat. Solche Entwicklungen werden wir in immer mehr Bereichen erleben, von der Materialwissenschaft bis zum Maschinenbau.
Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da?
Glauner: Deutschland ist oft Weltmeister im Schlechtreden, aber im Bereich KI stehen wir nicht so schlecht da. Bei der Anzahl der KI-Unternehmen sind wir weltweit unter den zehn stärksten Ländern. Natürlich gibt es Verbesserungsbedarf, etwa bei der Finanzierung von Start-ups oder der Cloud-Infrastruktur. Aber wir haben eine solide Basis, auf der wir aufbauen können. Ein großes Problem sind jedoch die hohen Energiepreise, die unsere Wettbewerbsfähigkeit schwächen.
Gleichzeitig haben wir starke Vorteile, etwa die sehr starke, durch die Verfassung garantierte Wissenschaftsfreiheit, die weltweit einmalig ist und zu Innovationen führt. Wenn wir jedoch nicht aufpassen und uns zu sehr auf Regulierung konzentrieren, riskieren wir, in Schlüsselbranchen immer mehr in Abhängigkeit von anderen Ländern zu geraten. Es gibt also viel zu tun, aber auch viel Potenzial.
