Gigabit-Tag: Füracker setzt auf vereinten Kraftakt, um „weiße Flecken“ zu tilgen

Der Gigabit-Tag mit Finanzminister Albert Füracker in Regensburg: Kommunen, Telekommunikationsfirmen und anderen zentralen Protagonisten bot sich eine Plattform zur Lösungssuche. Ein wichtiger Part fällt auch den Bürgern zu. Sie müssen Gigabit-Optionen auch buchen.
Finanzminister Albert Füracker sieht den Freistaat beim turboschnellen Internet vor allem dank hoher Investitionen der bayerischen Staatsregierung auf gutem Weg. „Mehr als 2,5 Milliarden Euro an bayerischen Fördermitteln, über 100 000 Kilometer geförderte Glasfaserleitungen und bald schon Gigabitverfügbarkeit für 81 Prozent aller Haushalte: Bayern setzt beim Glasfaserausbau Maßstäbe – von unserer zukunftsfähigen Infrastruktur werden noch Generation profitieren“, so seine Bilanz beim Gigabit-Tag am Mittwoch in Regensburg.
In Fürackers Ressort fällt die Zuständigkeit für den Gigabit-Ausbau. Das Vernetzungstreffen mit Vertretern seines Ministeriums, der Bezirksregierungen, der Kommunen, der privaten Netzbetreiber und der Wirtschaft sollte Impulse setzen, dass es bald auch noch dort zügig vorangeht, wo es bisher zu schleppend läuft. Gigabit-Versorgung meint, dass Daten mit einer Geschwindigkeit von 1000 Megabit pro Sekunde heruntergeladen werden können. Das ist für Unternehmen ein Startvorteil, aber genauso für weite Teile der Gesellschaft, die privat oder beruflich immer öfter online gehen. Deutliche Kritik Fürackers traf die noch amtierende Bundesregierung – wegen Mittelkürzungen im aus seiner Sicht ohnehin enttäuschenden Bundesförderprogramm. Im bundesweiten Topf für 2025 stecke nur noch eine Milliarde Euro. Für Bayern blieben wohl nicht mehr als 150 Millionen Euro. Er sei als Finanzminister nicht mehr in der Lage, „alles auszugleichen, was fehlt“.
15 Gigabit-Siegel verliehen
Bayern schiebt beim Breitbandausbau seit 2014 mit mehreren Förderoffensiven an. Im Doppelhaushalt 2024/2025 sind weitere 480 Millionen Euro vorgesehen. Beim Kongress in Regensburg wurden erstmals 15 „Best-Practice-Kommunen“ mit dem Siegel „Gigabit-Region“ ausgezeichnet. Ein Prädikat, mit dem sich auch gut bei der Neuansiedlung von Betrieben werben lässt. Die 15 Kommunen ragen unter den gut 200 Städten und Gemeinden im Freistaat heraus, die auf ihrem Gebiet eine Gigabit-Abdeckung von 90 Prozent und mehr bieten. Ein Einsatz, der sich sich für Füracker zum Nacheifern empfiehlt. Der Ehrentitel ging in der Oberpfalz an Cham und Pyrbaum, in Niederbayern an Niederalteich und Loitzendorf, in Oberbayern an Haimhausen, Eitensheim und Staudach-Egerndach, in Oberfranken an Bamberg und Bad Alexandersbad, in Mittelfranken an Buch am Wald und Markt Nordheim, in Unterfranken an Gochsheim und Erlabrunn, in Schwaben an Kempten und Lutzingen.
Protagonisten und Experten des Gigabit-Ausbaus holte sich Minister Füracker bei der Veranstaltung für eine Podiumsdiskussion auf die Bühne, unter ihnen der Chamer Landrat Franz Löffler, der den Glasfaserausbau mit dem Eigenbetrieb „Digitale Infrastruktur“ 2019 selbst in die Hand genommen hat. 30 000 Anwesen gilt es nach seinen Worten zu erschließen – in Landstrichen, in denen die Telekommunikationsunternehmen auf dem Markt wegen abgelegener Lage und hoher Kosten nicht von sich aus in den Ausbau gehen. Für den Landkreis bedeutet das, in Eigenregie eine Trasse von 2300 Kilometern mit einer Höhendifferenz von teils über 1000 Metern durch Gebiete mit hohem Felsvorkommen zu graben. „Trotz klarer Zuständigkeit des Bundes“, sagte Löffler. „Das hätte ganz woanders sauber geregelt werden müssen.“
Mit Investitionen in Höhe von über 200 Millionen Euro – gefördert auch von Bayern und dem Bund – sollen bis Anfang 2026 im Landkreis Cham die „weißen Flecken“ bei der Versorgung mit schnellem Internet beseitigt sein. Im nächsten Schritt sollen dann die „grauen Flecken“ folgen. Da geht es laut Löffler um nochmal rund 9000 Anschlüsse bis 2028/2029. Dann liege die Glasfaserabdeckung bei 100 Prozent. „Anders können wir nicht aufhören, sonst sind wir nicht wettbewerbsfähig. KI − also Künstliche Intelligenz – wird in jede Einöde kommen.“ Für Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), ist der Ausbau der digitalen Infrastruktur ein entscheidender Standortbonus: Er verwies auf Homeoffice und Videokonferenzen, aber auch Zukunftstechnologien wie Fernwartung, Extended Reality oder Cloud-Anwendungen, die schnelle Netze erzwingen. Unternehmer in Regionen, in denen es schlecht funktioniert, formulierten es ihm gegenüber drastisch: „Scheißdreck. Kümmere dich drum.“ Der Freistaat müsse sich jetzt schon für den wachsenden Bedarf bis 2030 rüsten, bat er. „Man muss mehr bauen, als aktuell gebraucht wird.“ Das sei das Wichtigste, „um Unternehmen zu halten oder neue zu bekommen“.
Löffler fordert Regulierung
Thilo Höllen, Senior-Vice-President für Breitbandkooperationen bei der Telekom Deutschland, verwies auf die beispielhafte Kooperation, die die Regensburger R-Kom mit seinem Unternehmen in diesem Jahr geschlossen hatte. Per 30-jährigem Nutzungsvertrag ist geregelt, dass das R-Kom-Netz mitgenutzt werden kann. Das erspare einen eigenen Ausbau und setze Geld für andere Projekte frei, sagte Höllen. Bis Jahresende werde die Telekom in Bayern 1,5 Millionen Haushalte ans Glasfasernetz angeschlossen haben. Man sei in 70 Städten „eigenwirtschaftlich“ aktiv, in 155 Fördergebieten und in 560 Neubaugebieten.
Die Netze müssten für unterschiedliche Anbieter geöffnet werden, forderte Matthias Theisen, Geschäftsführer der bayerischen CleverNet GmbH, die sich speziell im ländlichen Raum engagiert. Löffler plädierte für eine staatliche Regulierung, die das forciert.
Christian Eckl, Mitglied der Chefredaktion der Mittelbayerischen Zeitung, appellierte wie Brossardt dazu, dass der Freistaat sich „heute schon so aufstellt, dass wir morgen kein Problem haben“. Den Bürgern sei es im übrigen im Zweifel völlig Wurst, wer ein gefährliches Scheitern auf diesem Sektor am Ende verbockt hätte. „Die wollen, dass es funktioniert.“ Und das Gefühl verschwinde: „Andere Länder machen das besser als wir.“
Infostück: Appell an Bürger – Gigabit buchen
Buchungsraten: Wo Gigabit verfügbar ist, buchen Bürger noch in zu wenigen Fällen diese Option – was die Wirtschaftlichkeit der Netze schmälert. „Nicht einmal jeder Zehnte, der Gigabit in Bayern buchen könnte, bucht es“, sagte Finanzminister Albert Füracker.
Vorbild Cham: Die Bürger im Landkreis Cham sind beim Bestellen von Gigabit aber offensichtlich deutlich zukunftsgewandter. „Die, die den Anschluss bekommen haben, haben zu 50 Prozent gebucht“, vermeldete der Chamer Landrat Franz Löffler mit Stolz.
Versorgung: Das Finanzministerium legt bei der Gigabit-Abdeckung von bald 81 Prozent rund 3,7 Millionen Adressen in Bayern zu Grunde. Alle Gigabit-Gemeinden finden sich auf der Homepage des Breitbandzentrums: www.gigabitregion-bayern.de/liste
