„Mitfühlen und verstehen kann die KI nicht“: Leiter der bayerischen KI-Agentur im Interview

Künstliche Intelligenz ist in Forschung und Wirtschaft auf dem Vormarsch. Der Leiter der bayerischen KI-Agentur, Michael Klimke, spricht im Interview über den neuen Kompass der Staatsregierung, Chancen und Gefahren der Technologie.
Wieso hat Bayern eigentlich eine eigene KI-Agentur?
Michael Klimke: Bayern ist sehr gut aufgestellt beim Thema Künstliche Intelligenz. Sowohl in der Forschung, als auch im Innovationsprozess, aber auch in der Wirtschaft – die Unternehmen greifen die Entwicklungen auf. Die Staatsregierung hat das bayerische KI-Netzwerk im Rahmen der Hightech Agenda massiv gefördert und die KI-Agentur eingerichtet. Sie soll ein Ökosystem bilden, damit Spitzenleistungen unter dem Markennamen Baiosphere sichtbar werden und sich die Player untereinander besser vernetzen können.
Führend beim Thema KI sind China und die USA. Ein Vielfaches der Publikationen kommen da her. Das kleine Bayern spielt doch da kaum eine Rolle?
Klimke: Wenn Sie die Forschungslandschaft in Europa ansehen, dann sind wir Deutschen an der Spitze beim Thema KI. Und in Deutschland ist Bayern an der Spitze. Natürlich wollen wir nicht ChatGPT nachbauen und den Tech-Milliardären nacheifern. Unsere Stärke liegt darin, dass wir viele Talente hier haben, unsere Universitäten sind Weltklasse. Die Technische Universität München und die Ludwig-Maximilians-Universität München führen in vielen Rankings beim Thema KI. Auf dieser Talent-Basis kann man aufbauen. Vor allem aber haben wir einen starken Mittelstand, der etwas vorhalten kann, was die Tech-Milliardäre aus dem Silicon Valley nicht haben: Einen breiten Schatz an Erfahrungen und vor allem Daten aus dem Unternehmen.
Mit welchen Themen kommen die Unternehmer zur bayerischen KI-Agentur?
Klimke: Das ist ganz unterschiedlich, je nach Größe. Ich war gerade zwei Tage auf einem KI-Summit, da hat der KI-Chef von SAP vorgetragen, dass sie 400 KI-Entwickler beschäftigen. Das hat der kleine Handwerksbetrieb natürlich nicht. Dort stellt sich erst einmal die Frage, ob der KI-Einsatz im jeweiligen Betrieb überhaupt sinnvoll ist. Aber nehmen Sie den Bäcker von nebenan: Aus seinen Daten ist vielleicht ablesbar, dass er Freitag und Samstag immer zu viele Semmeln einer bestimmten Sorte bäckt, die er dann wegwirft. KI kann ihm dabei helfen, Produktionskosten zu optimieren – und letztlich auch, zu verhindern, dass Lebensmittel weggeworfen werden müssen. Bei der Auswertung großer Datenmengen ist KI hilfreich.
„Jetzt kommt die europäische KI-Verordnung mit weiteren Regelungen dazu“
Welche Themen beschäftigen unsere Unternehmen noch?
Klimke: Rechtliche Dinge spielen eine Rolle. Ein Medizingerätehersteller beispielsweise agiert bereits jetzt in einem hochregulierten Markt. Jetzt kommt die europäische KI-Verordnung mit weiteren Regelungen dazu. Das überfordert viele Unternehmen, gerade die kleineren. Wir geben hier Orientierung. Häufig wenden sich aber auch Betriebe an uns, wo unklar ist, ob die Mitarbeiter eine KI-Einführung mitmachen würden. Vielleicht weil sie Angst haben, dass es ihren Job bald nicht mehr geben könnte. Wir motivieren die Unternehmen, in die Aufklärung und Schulung ihrer Mitarbeiter zu investieren. Hier kann dann oft klar gemacht werden, dass KI zum Freund des Arbeitnehmers werden kann, der entlastet wird und sich höherwertigeren Aufgaben widmen kann.
Diese Woche wird der Baiosphere KI-Kompass vorgestellt. Was ist das?
Klimke: Man kann sowohl als ratsuchendes Unternehmen, als auch als Experte und Anbieter von KI-Dienstleistungen in unterschiedliche Richtungen der KI blicken. Das ist die Kompassnadel sozusagen, die sich in Richtung Mitarbeitermotivation oder Recht oder Daten drehen kann. Unser Ziel ist es, mit dem KI-Kompass eine Plattform zu schaffen, auf der wir die verschiedenen Player zusammenbringen und so Angebot und Nachfrage zusammenbringen – zu beiderseitigem Vorteil. KI bietet vielfältige Möglichkeiten in allen Branchen. Denken Sie etwa an die Radiologin, die mit Hilfe von KI eine Vielzahl von Daten und Bildern auswerten können und damit noch bessere Diagnosen stellen – essentiell wichtig beispielsweise in der Tumordiagnose.
„Es muss klar sein, was KI kann und was nicht“
Die New York Times berichtete kürzlich, dass die Treffsicherheit von Ärzten bei Diagnosen bei 74 Prozent liegt, einer KI alleine bei 90. Wenn Ärzte KI zurate ziehen, steigt dieser Wert nur auf 76 Prozent. Misstrauen scheint die Ursache zu sein.
Klimke: KI ist ein sensibles Thema. Manche Menschen haben noch Bedenken oder gar Ängste vor dem Einsatz dieser Technologie. Aber denken Sie an Ihr Smartphone und beispielsweise die Anwendung Google Maps, die ich sehr schätze. Egal, in welcher Stadt ich bin, egal in welchem Land, ich nutze die App und kann mich orientieren. Die App kann sogar Strecken anzeigen, die ich mit dem Auto kraftstoff- oder stromsparender nutzen kann. Dass Google Maps manchmal auch in Sackgassen führen kann, muss man als Nutzer einkalkulieren und entsprechend bewusst damit umgehen. Aber das führt bei mir nicht dazu, dass ich die App nicht nutze. Der Schlüssel ist wie immer im Umgang mit Technologie Aufklärung und Bildung. Es muss klar sein, was KI kann und was nicht. Die größte Gefahr bei KI ist es, KI nicht einzusetzen und den Vorsprung zu verpassen, den diese Technologie bietet. Deswegen denke ich, wir sollten mehr auf die Chancen von KI schauen und Begeisterung für damit verbundene Dienste wecken, die uns nützen können.
Es gibt weitere heikle Themen, autonomes Fahren beispielsweise.
Klimke: Das ist richtig. Die Technologie für selbstfahrende Autos ist schon sehr weit. Auf manchen Strecken erreicht man eine hohe Sicherheit – viel mehr, als Menschen das jemals leisten können. Dennoch würden wir meistens lieber von einem Menschen gefahren werden, weil wir Menschen einfach mehr vertrauen als der KI. Da müssen wir ran und noch mehr lernen, mit solchen Fragen umzugehen. Letztlich hilft uns die KI überall da, wo sich Dinge automatisieren lassen. Diese Aufgaben sollten wir Maschinen tun lassen – wir Menschen sollten bei dem bleiben, was uns als Menschen auszeichnet. Einander verstehen, mitfühlen, sich in die Augen sehen – das können Maschinen nicht so wie Menschen.
„Ich habe das Gefühl, dass wir zu dem Thema bald etwas von der Bayerischen Staatsregierung hören werden“
In einer Studie der Uni Stanford lag Deutschland, drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, bei KI weltweit auf Platz acht. In der Forschung sind wir gut, bei der Infrastruktur wie bei Cloud-Speichern eher schlecht. Woran mangelt es?
Klimke: Es gibt auch Studien, in denen wir nochmal besser oder deutlich schlechter abschneiden. Es stimmt aber auf jeden Fall, und darüber habe ich mich kürzlich mit einem Entwickler beim deutschen KI-Projekt OpenGPT-X unterhalten, dass wir mehr Rechenleistung brauchen. Das sind entscheidende Ressourcen. Ich habe das Gefühl, dass wir zu dem Thema bald etwas von der Bayerischen Staatsregierung hören werden.
Wie weit sind wir denn mit dem BayernGPT?
Klimke: Ja, das ging durch die Presse, ein eigenes bayerisches KI-Modell. Wir wollen jedenfalls nicht ChatGPT neu erfinden. Aber die Staatsregierung hat sich vorgenommen, ein bayerisches -sogenanntes Basis-Modell zu entwickeln, das vieles von dem können soll, was wir von Text-, Bild- und Videogenerierung her kennen.Das muss und soll kein astronomisch teures Modell sein, das “alles” kann. Es geht mehr und mehr darum, kleinere Modelle zu bauen, die spezielle Eigenschaften haben. Man braucht nicht immer für alles ein Sprachmodell, das Gedichte im Stil Goethes schreiben kann. Das geht viel billiger und branchenspezifisch. Entscheidend ist, dass wir ein Tool für Bayern haben, das wir selbst im Netzwerk entwickeln und dabei Kompetenz und Kapazität aufbauen. Es muss sicher und transparent sein und die Bedarfe der Unternehmen abdecken. Die Industrie braucht vor allem eine KI, in der ihre Daten sicher sind.
Das Interview führte Christian Eckl.