E-Autos: Batterie tauschen statt laden – Verschläft Deutschland eine Zukunftstechnik?

Einer Umfrage zufolge würde es die Mehrheit der Deutschen bevorzugen, die Batterie des E-Autos einfach in speziellen Stationen zu tauschen als mit dem Fahrzeug an einer Ladesäule zu warten. Das sind die Vor- und Nachteile der Technologie, die es in Regensburg bereits gibt.
In Deutschland kennt man es kaum anders: Wird beim Autofahren der Sprit knapp, empfiehlt es sich eine nahe gelegene Tankstelle anzusteuern. Bei E-Fahrzeugen läuft es ähnlich: Geht der Akku zur Neige, hängt man den Stromer an die heimische Wallbox oder stöpselt sich an einer öffentlichen Ladestation an. Einen erheblichen Nachteil hat das Strom tanken dann aber doch: Es dauert deutlich länger als den Tank einmal mit Benzin oder Diesel vollzumachen. Der E-Auto-Bauer Nio bietet deshalb ein weiteres System an: Unter anderem in Regensburg betreibt das chinesische Unternehmen eine Batteriewechselstation. Einer Umfrage zufolge hält eine Mehrheit der Deutschen die Technologie besser als die fest verbauten Akkus.
Nio-Wechselstation in Regensburg: Tausch dauert fünf Minuten
Immerhin 63 Prozent halten Wechselbatterien für besser oder viel besser geeignet als das hierzulande übliche System. Das geht aus einer Befragung des Marktforschungsunternehmens Ipsos hervor, das im Auftrag des Tüv-Verbands 2500 Personen in Deutschland zu dem Thema um ihre Meinung gebeten hat. Demnach findet nur jeder Fünfte die Technik schlechter oder viel schlechter. Nahezu die gleiche Anzahl an Personen antwortete mit „weiß nicht“.
Die Vorteile des Wechselsystems liegen auf der Hand: In der Nio-Station im Regensburger Osten dauert der Batterietausch etwa fünf Minuten. Wer an einem der benachbarten Supercharger des US-Autobauers Tesla sein Fahrzeug aufladen will, muss etwas länger Pause machen. Der Tüv-Verband nennt noch weitere Vorteile der Tauschtechnologie: „Ein großer Vorteil des Wechselmodells ist, dass die Batterien in den Stationen mit niedriger Spannung sehr schonend geladen werden können“, sagt Robin Zalwert, Referent für Nachhaltige Mobilität bei dem Verband. „Das hat starken Einfluss auf die Batteriegesundheit und erhöht die Langlebigkeit.“ Zudem werde bei jedem Wechsel eine Tiefenanalyse zum Zustand des Akkus durchgeführt, womit sich die Sicherheit des Fahrzeug-Batterie-Systems erhöhe.
BMW schließt Akkuwechsel-Technologie aus
Bislang ist das Tauschsystem in Deutschland noch kaum verbreitet. Nio betreibt auf dem heimischen chinesischen Markt etwa 2200 solcher Stationen. Hierzulande sind es hingegen nur 14. Um den Service nutzen zu können, braucht es natürlich ein Nio-Modell. Dazu müssen 169 bis 289 Euro für die Miete der Batterie gezahlt werden. Zwei Wechselvorgänge im Monat sind dann kostenlos. Danach zahlt man etwa 30 Euro je Tausch.
Auch weitere Autobauer aus Fernost setzen auf die Technologie. In Europa will der Stellantis-Konzern das System testen und kooperiert dafür mit dem US-Unternehmen Ample. Mit Blick auf deutsche Autobauer sind aktuell keine Bestrebungen bekannt, die Batteriewechseltechnologie anzubieten. Ein Sprecher von BMW schließt gegenüber der Mediengruppe Bayern aus, dass die Technik in absehbarer Zukunft für E-Autos des Konzerns verfügbar sein wird. Als Grund nennt der Sprecher die „wachsenden Reichweiten von vollelektrischen Fahrzeugen, immer kürzere Ladezeiten und die schon sehr gute Ladeinfrastruktur entlang der Autobahnen“.
Regensburger Experte nennt Nachteile
Besteht die Gefahr, dass Deutschland eine Zukunftstechnologie „verschläft“? Robert Huber, Professor für Elektromobilität an der OTH Regensburg, glaubt das nicht. Schließlich würde das bedeuten, dass die Hersteller die Technik nicht auf dem Schirm hätten. Tatsächlich teilt BMW mit, dass bereits über die Einführung eines solchen Systems nachgedacht worden sei. Von „verschlafen“ könne man mit Blick auf die deutschen Autobauer deshalb nicht sprechen, sagt Huber. Vielmehr sei wahrscheinlich „nach Abwägung der Vor- und Nachteile die dezidierte Entscheidung getroffen worden, aktuell solche Systeme nicht anzubieten“.
Dass die Tauschtechnik nicht nur positive Aspekte hat, macht er gegenüber der Mediengruppe Bayern deutlich: So würden beispielsweise mehr Akkus benötigt, als es Fahrzeuge gibt. Außerdem brauche es „technisch deutlich komplexere Batteriesysteme“. Technik, die sonst in die Batterie integriert sei, müsste eventuell woanders Platz finden. Das könne zu Gewichts- und Kostennachteilen führen, gibt Huber zu bedenken.
Batterietausch nur mit Standards sinnvoll
Grundsätzlich macht der Akkutausch dem Experten zufolge nur Sinn, wenn er mit einer herstellerübergreifenden Standardisierung der Batterien einhergeht. Er gehe aber nicht davon aus, dass das in absehbarer Zeit klappt. Die Autobauer müssten sich „auf gemeinsame Abmessungen, technische Daten und Schnittstellen einigen“, sagt Huber. Wie langwierig und kompliziert so ein Prozess sein könne, zeige beispielsweise die Vielzahl an verschiedenen Ladesteckern die aktuell verbaut werden. „Selbst bei einem solch relativ einfachen Bauteil, schafft man es nicht, sich auf gleiche Standards zu einigen.“ Auch BMW teilt mit: Eine Standardisierung von Hochvoltbatterien sei „nicht absehbar“.
