Vorreiter in Sachen grüne Energie: Zu Besuch im „Solardorf“ in der Oberpfalz

Photovoltaik und Elektromobilität: Ein kleiner Ort im Landkreis Neumarkt in der Oberpfalz ist seit über 20 Jahren Vorreiter. Ein Solar-Pionier gibt Einblicke.
Wer nach Herrnried kommt, sieht es sofort: ein gelbes Schild mit der Aufschrift „Solardorf“. Platziert an einem der Dorfeingänge, wirkt es wie eine Ergänzung zum direkt daneben stehenden Ortsschild. Kurz darauf wird dann deutlich, wieso der Ortsteil der Stadt Parsberg im Kreis Neumarkt den Beinamen trägt.
Auf den Dächern befinden sich auffällig viele Photovoltaik-Anlagen. Etwa 600.000 Kilowattstunden Sonnenstrom erzeuge das Dorf jedes Jahr, sagt Martin Selch. Der 64-Jährige ist Mitbegründer und inoffizieller Sprecher der Solarinitiative Herrnried. Die etwas mehr als 200 Einwohner brauchen Selch zufolge aber nur circa 200.000 Kilowattstunden. Rein rechnerisch speist der Ort also zwei Drittel seiner PV-Erzeugung ins Netz ein.
Martin Selch nutzt spezielle PV-Module als Carport-Dach
Auch Selch selbst hat eine Anlage auf dem Dach seines Hauses – und nicht nur dort: Auf den Nachbargebäuden finden sich ebenfalls PV-Module. Insgesamt erzeugt der Herrnrieder auf seinem Grundstück 70.000 Kilowattstunden Sonnenstrom im Jahr.
Steht man vor dem großen Stadel des 64-Jährigen, fallen aber nicht die großen mit PV-Anlagen bestückten Dachflächen ins Auge: Ein Carport auf der Fläche davor bietet Platz für zwei Elektroautos. Geladen wird mit Sonnenstrom: 36 Module bilden das Dach der Konstruktion. Selch zufolge erzeugen sie 5500 Kilowattstunden umweltfreundlichen Strom im Jahr. Der 64-Jährige rechnet vor: Wenn ein Elektrofahrzeug etwa 15 Kilowattstunden auf 100 Kilometer benötige, könne es mit der Solarenergie des Car-Ports etwa 36.000 Kilometer im Jahr zurücklegen.
Elektromobilität und Photovoltaik passen zusammen
Für Martin Selch gehen PV-Anlagen und Elektromobilität deshalb Hand in Hand. 2009 schaffte er sich einen E-Roller an. Unter anderem nutzte der mittlerweile pensionierte Polizeibeamte ihn, um nach Parsberg zur acht Kilometer entfernten Dienststelle zu fahren. Auf 100 Kilometer verbraucht der Roller, der heute noch in Betrieb ist, Selch zufolge vier Kilowattstunden. Obwohl er anfangs für den knallgelben Scooter belächelt wurde, habe sich die Anschaffung finanziell mehr als gelohnt, sagt der 64-Jährige – vor allem, weil das Gefährt meist mit kostenloser Solarenergie „betankt“ worden sei.
Ende 2013 kam dann das erste Elektroauto nach Herrnried: Familie Selch schaffte sich einen Renault Zoe mit 160 Kilometer Reichweite an. – später kamen dazu ein BMW i3, ein weiterer Zoe sowie zeitweise ein Mitsubishi i-MiEV. Insgesamt gebe es in dem Dorf mit etwa 40 Haushalten mittlerweile elf Stromer, sagt Selch. In ganz Deutschland waren Anfang des Jahres 1,4 Millionen solcher Fahrzeuge zugelassen. Das sind etwa 3,4 vollelektrische Pkw je 200 Einwohner. Herrnried liegt also deutlich über dem Durchschnitt.
Vergleich: Verbrenner contra E-Auto
„Auf lange Sicht führt kein Weg an der E-Mobilität vorbei“, ist Martin Selch überzeugt. Schließlich hätten die batteriebetriebenen Fahrzeuge erhebliche Vorteile gegenüber Verbrennern. Laut Berechnungen des 64-Jährigen belaufen sich die Energiekosten für E-Auto, das mit dem Strom aus einer eigenen Solaranlage betankt wird, auf etwa 210 Euro im Jahr bei einer Fahrleistung von 20.000 Kilometer. Für benzinbetriebene Pkw würden 2520 Euro fällig, sagt Selch. Selbst wenn man ab und zu auswärts laden müsse, lohne sich die Investition, ist der Oberpfälzer überzeugt. Die höheren Anschaffungskosten habe man so schnell wieder reingeholt.
Auch beim Wirkungsgrad hätten E-Autos Vorteile, sagt Selch. Tatsächlich setzt ein Elektromotor rund 80 Prozent der ihn zugeführten Energie in Bewegung um. Beim Laden der Batterie fallen zwar noch Verluste an, mit einem daraus resultierenden Wirkungsgrad von etwa 65 Prozent, stehen Stromer aber trotzdem noch deutlich besser da als Benziner mit etwa 30 Prozent. Selch vergleicht das mit einer guten Flasche Wein: „Da schütte ich auch keine 70 Prozent erst weg und trinke dann den Rest.“
Parsberger: „Bewahrung der Schöpfung“
Für den Herrnrieder ist es ein gutes Gefühl mit dem Elektroauto zu fahren und dabei zu wissen, durch die eigenen PV-Module umweltfreundlich unterwegs zu sein. „Sonnenstrom vom eigenen Dach zu nutzen ist mindestens genau so schön, wie Salat, Gurken und Tomaten aus dem eigenen Garten zu genießen“, sagt der 64-Jährige. Dass er so zum Kampf gegen den Klimawandel beiträgt, ist ihm wichtig. Die „Bewahrung der Schöpfung“ für kommende Generationen sei ihm ein großes Anliegen. Von seinen aktuell vier Enkelkindern wolle er sich nicht den Vorwurf machen lassen, nichts gegen die Erderwärmung getan zu haben.
Dabei ist Selch kein Einzelkämpfer: Als „Pionier in Sachen Erneuerbare Energien in Herrnried“ bezeichnet der pensionierte Polizist seinen Cousin Johann Lautenschlager, der sich 2000 PV-Module aufs Dach geschraubt habe. Martin Selch folgte 2001 mit seiner ersten Anlage. Nach und nach wurden diese sowohl bei Selch als auch bei Lautenschlager erweitert. 2010 gründeten die beiden dann den „Solarstammtisch“ im Dorfgasthaus in Herrnried. Dessen Zweck sei, sich gegenseitig über die neuesten Solar- und E-Mobilitäts-Themen zu informieren und sich zu vernetzen.
Johann Lautschenschlager aus Herrnried: „Autos sind zu teuer“
Gefachsimpelt wird dann beispielsweise auch über den schwindenden E-Auto-Absatz. Dass es sich dabei nur um eine Delle und keinen generellen Trend handelt, davon sind die Cousins überzeugt. Immer mehr Ladepunkte seien aber nicht das Mittel, um mehr Leute zum Umstieg zu bewegen, sagt Lautenschlager. Dem 72-Jährigen zufolge braucht es dafür endlich bezahlbare Elektro-Pkw im Kleinwagenformat. „Die Autos sind zu teuer.“ Hoffnung macht hier eine Studie des Forschungszentrum Jülich aus dem vergangenen Winter: Demnach wird schon ab 2025 ein durchschnittlicher batterieelektrischer Mittelklasse-Pkw günstiger sein als ein solcher mit Verbrennungsmotor. Dadurch werden sich E-Autos laut den Forschern so oder so durchsetzen. Das Verbrenner-Verbot brauche es also nicht. Martin Selch freut’s: Man müsse nur die richtigen Anreize schaffen, sagt der 64-Jährige – egal ob bei E-Mobilität oder Photovoltaik.
