Auf der Jagd nach gestohlener Kunst: LKA-Fahnder geben Schatz im Vatikan zurück

Von André Baumgarten · 3. Dezember 2024 um 05:00

Gold, Reliquien von Papst Benedikt XVI. oder wertvolle Artefakte: Kunstfahnder am Landeskriminalamt landen immer wieder Coups. Ein aktueller Fall führt die Ermittler jetzt sogar in den Vatikan.

Kunstschätze stehen hoch im Kurs bei Dieben oder Sammlern. Ein Jahrzehnte alter „Cold Case“ ist nun gelöst: Zwei Relikte, von denen mehr als 60 Jahre jede Spur fehlte, konnten gesichert werden. Verschwunden waren sie aus dem Vatikan. Jetzt kamen die gut 2000 Jahre alten Stücke zurück zur Bruderschaft Campo Santo Teutonico, der sie gehörten. Nicht der einzige Fall, der die Kunstfahnder des Landeskriminalamts fordert – sie sind auf den Spuren des Goldschatzes von Manching und auch päpstlicher Insignien von Benedikt XVI.

64 Jahre lang galten die beiden römischen Steinrelikte der Erzbruderschaft als verschollen. „Man weiß bis heute nicht, wie sie da weggekommen sind und wer es gewesen sein könnte“, sagt LKA-Sprecher Fabian Puchelt. 1960, soviel steht fest, war das Fehlen der Artefakte bemerkt worden. Bis März 2024 gab es keine Spur. Da meldete ein Mitglied von Campo Santo Teutonico, dass die Relikte in einem Auktionskatalog zu finden sind. Diese Info landete bei Christian Klein in München – obgleich das Landeskriminalamt weder im Vatikan noch in Nordrhein-Westfalen zuständig ist.

Klein ist Chef der Kunstfahndung beim LKA. Seit 2016, nach vielen Jahren bei verschiedenen Spezialeinheiten, sind Kunst und Kultur das neue Steckenpferd des 55-Jährigen. Dass sich die einstigen Eigentümer an ihn wandten, hat seinen Grund: „Wir haben intensiv an der Vernetzung gearbeitet“, sagt er. Kontakte zu europäischen wie transatlantischen Partnern wurden konsequent ausgebaut. „Wir arbeiten international – von Rom über London, mit der Türkei und der Niederlande bis Übersee.“

Kontakte in alle Welt sind Gold wert

Diese Kontakte sind Gold wert: Wenngleich nicht jeder der bis zu 200 Fälle pro Jahr, die die Kunstfahnder bearbeiten, ins Ausland führt. Wie beim Brustkreuz von Papst Benedikt, das im Juni 2023 im oberbayerischen Traunstein verschwand. Der Diebstahl sorgte für Aufregung. Der Täter wurde gefasst: ein 53-jähriger Tscheche, den das Amtsgericht im Urteil als „reisenden Kriminellen“ bezeichnete.

„Die meisten Fälle liegen im Bereich Diebstahl“, sagt Klein. Da seien nur selten organisierte Banden am Werk, vielmehr gehe es da um den reinen Materialwert. „Also klassische Beschaffungskriminalität – heute in einer Kirche oder in einem Museum gestohlen, morgen eingeschmolzen. Das erleben wir sehr oft.“

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Die Kunstfahnder beim LKA haben vier Aufgabenbereiche. Die hoch spezialisierte Abteilung ging aus einer „Soko“ (Sonderkommission) hervor, die in den 1960ern eben in Oberbayern ins Leben gerufen worden war. Diebstähle hatten sich gehäuft. Man wollte mit geballter Kraft dagegen halten. Ende des folgenden Jahrzehnts wurde diese Soko ins Landeskriminalamt integriert, als eigene Abteilung. Und deren Zuständigkeit wurde deutlich ausgeweitet. Aufgaben sind neben Diebstählen auch Kunstfälschungen, Raub- und Beutegut aus Nazizeiten und Kulturgutschutz. „Letzteres sind die Fälle, die wir nun verfolgen.“

Vieles davon, was Christian Klein und seine Kollegen tun, geschieht im Stillen. Ein häufiges Problem: „Wir müssen beweisen können, dass jemand wusste, dass ein Stück gestohlen wurde oder gefälscht ist“, sagt der 55-Jährige. Doch nur in einem Drittel der Fälle gelinge das auch. Oftmals seien die Verkäufer, die wertvolle Reliquien anbieten, die dann als Diebesgut auffliegen, selbst Opfer. Es werde im guten Glauben gekauft, „tatsächlich aber wurden sie betrogen“. Nicht selten beendet die Verjährung einen Fall, der bei der Kunstfahndung gelandet ist.

Fund bei Auktionshaus ein Sonderfall

Einen Sonderfall wie die nun wieder aufgetauchten Relikte von Campo Santo Teutonico hatten Klein und sein Team schon länger nicht. Zumal das eine grundsätzliche Schwierigkeit barg: Die Fragmente mit lateinischen Inschriften, datierend auf das erste Jahrhundert nach Christus, waren weit vor dem Inkrafttreten der einschlägigen Vorschriften weg. „Das ist quasi ein rechtsfreier Raum“, sagt Klein. 1960 habe es noch keine Regularien gegeben. Erst Jahre später trat Deutschland einem dafür ausschlaggebenden Übereinkommen der Unesco bei.

Die zwei antiken römischen Tonrelikte aus dem Vatikan, das eine nur vier mal acht Zentimeter groß, das andere dagegen rund 40 Kilogramm schwer, waren „ewig im Besitz und im Eigentum des Anbieters“, sagt Klein mit Blick auf das Ergebnis der Ermittlungen. Das LKA übernahm und wandte sich – wie immer – sofort an das Auktionshaus Hargesheimer in Düsseldorf. „Damit keine neuen Tatsachen geschaffen werden können“, betont er. Dort sei die Versteigerung auch sofort gestoppt worden. Doch recht bald sei auch klar gewesen, dass keinerlei Straftat im Raum stehe. „Da sind uns die Hände gebunden“, so Klein. In solchen Fällen werde das gesicherte Kulturgut dann auch wieder herausgegeben. Im aktuellen Fall lief es anders: Sowohl der Einlieferer selbst als auch das Auktionshaus kooperierten.

„Wir können zwar 100 Täter ermitteln, aber was weggekommen ist, kriegen wir nie wieder.“

Erster Kriminalhauptkommissar, Christian Klein, Leiter der Kunstfahndung

Was am Montag an den Campo Santo im Vatikan zurückgegeben wurde, war letzten Endes vielmehr ein Geschenk. Denn Hargesheimer in Düsseldorf kaufte die beiden Artefakte an und stiftete sie der Erzbruderschaft, die bis auf die in der Zeit von Karl dem Großen im achten Jahrhundert gegründete „Frankenschola“ zurückgeht. Camerlengo Franco Reale dankte für die „Heimkehr der seltenen und als verloren geglaubten Kunstobjekte“, heißt es dazu weiter.

Dass gestohlenes Kulturgut an die rechtmäßigen Eigentümer zurückgeht, ist durchaus selten. Das zeigt ein Blick auf Täter und Strukturen. Die sind den LKA-Spezialermittlern bestens bekannt. „Das ist teils organisierte Kriminalität“, sagt Christian Klein. Oft würden für illegale Ausgrabungen gezielt Täter angeworben, ihnen das Equipment gestellt. Dann würden nötige Papiere beschafft und die wertvollen Stücke wieder importiert, um sie zu verkaufen. „Wir können zwar 100 Täter ermitteln, aber was weggekommen ist, kriegen wir nie wieder“, erklärt der Kunstfahnder der Mediengruppe Bayern.

Auch in unserer Region gibt es viele Fälle

Dazu könnte auch ein Fall in Regensburg zählen. 2020 stahlen Unbekannte Teile der über tausend Jahre alten, sterblichen Überreste des heiligen Wolfgang. Am helllichten Tag wurde die mit Edelsteinen verzierte Reliquie mit roher Gewalt unter Panzerglas herausgebrochen. Womöglich ist sie längst verkauft auf dem Schwarzmarkt. „Wir merken, viel wird heute gekauft und morgen weiter veräußert“, sagt Klein. Durch zuletzt gestiegene Preise sei Kunstgut „eine Art Investment“, ob gestohlen oder mit sauberen Papieren.

Deutschlandweit für Schlagzeilen sorgte ein anderer Fall, den Klein und seine Kollegen bearbeiteten: der spektakuläre Goldraub von Manching von Ende 2022. Damals wurden im Kelten- und Römer- Museum Münzen gestohlen, die als größter Goldfund im 20. Jahrhunderts galten. Der Coup dauerte nur neun Minuten. Dafür wurde sogar eine Internetleitung gekappt, um den Alarm zu umgehen.

Nach langen Ermittlungen konnten 500 Gramm des 3,7 Kilo-Keltenschatzes sichergestellt werden – eingeschmolzen als 18 Klumpen. Vom Rest fehlt bis heute jede Spur. Im Januar soll der Prozess gegen vier Männer starten – die wohl seit 2014 gezielte Diebstähle begangen haben sollen. Laut der Ingolstädter Staatsanwaltschaft umfasst die Anklage 30 weitere Fälle schweren Bandendiebstahls.

Christian Klein sagt auch, dass es für die Vielzahl gestohlener Reliquien – mit vielen Fällen im ostbayerischen Raum „bis weit in die Oberpfalz“ – in Deutschland keinen Markt gibt. Es mangele an der Nachfrage. Daher liege die Vermutung nahe, dass das Diebesgut ins Ausland gebracht wird. Weshalb das LKA auf Kooperationen setzte: 80 Prozent der Fälle spielten mittlerweile im Ausland.

So gelingen laut Klein wichtige Erfolge, wie die jüngste Rückgabe der fast 2000 Jahre alten Artefakte an den Vatikan oder auch der aus Sicht der Ermittler aufgeklärte Fall Manching zeigen. „Das treibt uns an“, sagt der 55-Jährige, der mit seiner Arbeit auch die Liebe zur Geschichte entdeckt hat, „so etwas zu schaffen, macht Spaß“.

LKA-Präsident Norbert Radmacher (r.) übergab die Stücke an Camerlengo Franco Reale (l.) und Mons. Prof. Dr. Stefan Heid (Mitte). − Foto: Bayerisches Landeskriminalamt
Lateinische Inschriften: Das kleinere der beiden Relikte misst gerade vier mal acht Zentimeter. − Foto: Bayerisches Landeskriminalamt