Immer mehr junge Obdachlose in Regensburg: Projekt im ehemaligen Hottentotten Inn soll helfen

Wöchentlich erreichen die Stadt Regensburg Anfragen von Menschen zwischen 18 und 26 Jahren, die wohnungs- oder obdachlos geworden sind. Bald könnten einige von ihnen in einer Notschlafstelle mit sechs Plätzen bis zu drei Monate Unterschlupf finden.
Vor zwei Jahren beschloss der Stadtrat, diese Notschlafstelle mit dem Don Bosco Zentrum einzurichten. Der Jugendhilfeausschuss brachte diese nun auf den Weg. Am Dienstag wird der Finanzausschuss darüber beraten, am Mittwoch fällt die Entscheidung.
Welche Umstände es sind, die junge Menschen in die Obdachlosigkeit treiben, beschrieb Annerose Raith, Leiterin am Amt für kommunale Jugendarbeit, während der Sitzung im Jugendhilfeausschuss. Streit mit den Eltern wegen der Schule, wegen der Ausbildung, wegen einer Nacht bei der Freundin oder wegen fehlender Bereitschaft, im Haushalt zu helfen: In manchen Haushalten eskalieren diese Debatten derart, dass sich die Jugendlichen dazu entscheiden, zu gehen. Während dann bis zum 18. Geburtstag eines Menschen die Jugendschutzstelle zuständig ist, stehen junge Erwachsene in diesem Fall alleine da.
Von Couch zu Couch
„Oft leben diese jungen Menschen bei Freunden und schlafen dort auf der Couch. Meist wohnen sie auch nur geduldet bei Verwandten“, erklärt Juliane von Roenne-Styra, Pressesprecherin der Stadt. In der Konsequenz betreiben manche ihr zufolge Couch-Hopping oder sind zeitweise bei der Familie geduldet, können dort aber nicht langfristig bleiben. Manche von ihnen nutzen die Obdachloseneinrichtung für Erwachsene. Das Problem: Bei dieser Gruppe handelt es sich vor allem um junge Menschen, die sich in Arbeit oder in einer Ausbildung befinden und einen Rückzugsort benötigen, an dem sie leben und auch für die Ausbildung lernen können.
Von Roenne-Styra spricht von einer verdeckten Obdachlosigkeit. Die Zahl der Betroffenen habe sich in den vergangenen Jahren nach oben entwickelt. Am 31. Januar 2024 leitete die Stadt die Zahl von 82 Betroffenen in der Altersgruppe zwischen 18 bis 26 für die Bundesstatistik weiter. 2023 seien es 88 Personen gewesen und ein Jahr zuvor 54. Enthalten darin seien die Zahlen der Fehlbeleger in Asylverfahren. Die Bundesstatistik lässt diese Gruppe laut der Auskunft der Pressesprecherin erst seit einigen Jahren erfassen, was zeige, dass für diese Zielgruppe bedeutsamer Bedarf vorhanden ist.
Sechs Einzelappartements im ehemaligen „Hottentotten-Inn“
Deswegen sollen nun sechs Einzelappartements im ehemaligen „Hottentotten-Inn“ für diese Menschen eingerichtet werden. Das Pilotprojekt soll bis Ende 2027 bestehen. Jährlich rechnet die Stadt laut der Vorlage mit Kosten von 150.000 Euro und Förderung aus dem Europäischen Sozialfonds für Deutschland in einer Höhe von 36.000 Euro, wodurch der städtische Eigenanteil bei 114.000 Euro liegen soll. Die Notschlafstelle werde den Bewohnern Essen, Schutz und Hygiene bieten.
Als Grundvoraussetzungen für die Unterbringung werden in der Vorlage der Wunsch und die Motivation genannt, die aktuelle Situation zu verändern. Die Dauer der Nutzung soll auf drei Monate begrenzt sein. Akute Selbst- oder Fremdgefährdung schließen eine Aufnahme aus. Als Entlassgründe werden etwa Straffälligkeit, Waffenbesitz oder Drogenhandel genannt. Sozialpädagogen mit 30 Wochenstunden Zeit sollen die Bewohner unterstützen.
So soll es in der Stelle laufen
„Ein sicherer Schlafplatz ist nicht nur ein Grundbedürfnis, sondern auch entscheidend für die langfristige Entwicklung und das Wohl junger Menschen“, verdeutlicht Teresa Bauer, Leiterin der Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit bei Don Bosco Regensburg, unter deren Ägide das Projekt starten soll. In der Notschlafstelle will sie jungen Volljährigen Unterstützung und Beratung durch Mitarbeitende des Don Bosco Zentrums anbieten, damit sie möglichst schnell eine eigene Wohnung und langfristig eine Perspektive für ein eigenständiges und sicheres Leben bekommen. „Ganz nach dem Leitsatz von Don Bosco ,Damit das Leben junger Menschen gelingt‘ möchten wir in der Notschlafstelle für die jungen Volljährigen eine positive und unterstützende Umgebung gestalten, um mit ihnen an ihren Zielen zu arbeiten und die Entwicklung für ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu ermöglichen“, sagt sie. Bauer geht es um die Möglichkeit zur Stabilisierung. Dies stelle auch eine wichtige Prävention vor Langzeitobdachlosigkeit dar.
In anderen Städten gibt es bereits ähnliche Projekte. So eröffnete die Caritas das „#safehouse“ in Augsburg im April. Seither kümmerten sich die Verantwortlichen dort laut Leiterin Nicole Caudal um bis zu 30 junge Erwachsene. Bevor sie dort einziehen, komme es bei manchen sogar zu Wohnprostitution. Als Erfolg verbucht Caudal etwa einen jungen Mann, der durch das Projekt in eine Wohnung ziehen und sein Studium beginnen konnte. Eine junge Frau habe den Weg in eine Maßnahme bei der Caritas gefunden, eine weitere macht Abitur und zog zu ihren Eltern zurück. Die für drei Monate angesetzte Verweildauer in Regensburg bezeichnet sie als zu sportlich. „Manche kommen von der Straße. Das ist ein anstrengendes Leben. Die schlafen dann erst einmal eine Woche.“
Nicole Allmannsberger vom SleepIn in Nürnberg betont, wie wichtig es ist, junge Erwachsene so anzunehmen wie sie sind. Dann könne man mit ihnen eine Perspektive entwickeln und sie mit Beratung auffangen.