Sea-Eye hilft nach Flutkatastrophe in Spanien – Grünen-Politikerin spricht über Leid der Betroffenen

Von Philip Hell · 20. November 2024 um 11:00

Der Regensburger Verein Sea-Eye ist bekannt für Seenotrettungs-Missionen. Nun haben die Ehrenamtlichen nach der Flutkatastrophe mit 200 Toten im spanischen Valencia geholfen. Mit dabei: Anna di Bari, Grünen-Politikerin und Sea-Eye-Vorständin. Im MZ-Interview spricht sie über Hilfsbereitschaft in Krisenzeiten und die Katastrophe als neue Normalität.

Wie kam es dazu, dass sie als Seenotretter bei einer Flutkatastrophe geholfen haben?

Anna di Bari: Als sich die Katastrophe ereignet hat, lag unser Schiff, die Sea-Eye 4, gerade im Hafen von Vinaròz, also in der Nähe von Valencia. In den vergangenen Jahren lagen unsere Schiffe immer wieder im Hafen von Burriana in der Region Valencia. Daher gibt es dort auch Infrastruktur. Und wir haben Kontakte, zum Beispiel zur Organisation L’Aurora – die hat uns nach der Katastrophe schnell an uns gewandt und um Hilfe gebeten. Die Infrastruktur auf einem autarken Schiff kann man gut in der Katastrophenhilfe brauchen.

Sea-Eye half in Spanien: Regensburger Verein versorgte Flut-Opfer

Was waren Ihre konkreten Aufgaben vor Ort?

di Bari: Wir haben zum Beispiel in der Schiffsküche warme Mahlzeiten vorbereitet. Das war etwas, was die Menschen in Valencia gerade eben nicht hatten. Außerdem wurden Hygieneartikel und andere Sachen sortiert und an Bord eingelagert. Täglich ist eine Gruppe von uns nach Valencia gefahren.

Was haben Sie dort gemacht?

di Bari: Wir waren mehrere Stunden in der Stadt und haben Lebensmittel und andere Dinge verteilt. Zum Beispiel in einem zerstörten Laden. Außerdem haben wir versucht, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen. Es ging dabei auch darum, herauszufinden, wie wir ein funktionierendes Hilfssystem aufbauen können.

Ehrenamtliche von Regensburger Verein: Stimmung im spanischen Flutgebiet hat sich gedreht

Was haben Ihnen die Betroffenen erzählt?

di Bari: Mir ist aufgefallen, dass sich die Stimmung ein wenig gedreht hat. Das Wochenende war geprägt von Hilfsbereitschaft und einem Gemeinschaftsgefühl. Am Montag hat man dann allmählich die Müdigkeit gemerkt. Dazu kamen Proteste aufgrund der Versorgungslage.

In Spanien wird gerade darüber debattiert, ob die Politik bei dieser Flut versagt hat. Sie waren dort: Teilen Sie die Kritik?

di Bari: Ich glaube, für uns ist es schwierig, das zu beurteilen. Es geht ja vor allem um Hochwasserprävention und die Frage, ob es einen Alarm nun gegeben hat oder nicht. Wenn man vor Ort ist, geht es um viel unmittelbarere Dinge. Da sind Menschen, die gerade alles verloren haben. Menschen, die wissen, dass es Jahre dauert, bis alles wieder aufgebaut ist. Was wir aber schon sehen: An manchen Stellen wird überhaupt keine Hilfe geleistet – und dort versuchen wir, präsent zu sein. Aber aus humanitären Gründen, nicht aus politischen.

Wäre es denkbar, dass Sea-Eye künftig öfter auf solche Missionen geht?

di Bari: Das ist schwierig zu beurteilen. In der jetzigen Situation war eines unserer Schiffe in unmittelbarer Nähe und wir hatten einen Partner vor Ort. Es gibt keine Pläne, unser Engagement in diese Richtung auszubauen. Ich glaube, wir sind mit anderen Sachen gut ausgelastet.

In den vergangen Tagen gab es wieder heftige Unwetter in Spanien. Ist das jetzt eine Katastrophe im Quadrat?

di Bari: Das haben wir auch vor Ort schon erlebt: Eine Unwetterwarnung bedeutete, dass wir einen Tag nicht nach Valencia fahren konnten. Unsere Hilfe hat dann natürlich gefehlt. Auf der anderen Seite haben wir nun eine Infrastruktur aufgebaut, mit der wir Zugänge bekommen haben, um unsere Arbeit fortsetzen zu können. Wie sich das weiterentwickelt, ist derzeit noch kaum abzusehen.

Grünen-Politikerin im Flutgebiet: Katastrophe ist die neue Normalität

Was war ihr persönlich Eindruck von der Katastrophe vor Ort?

di Bari: Ich hatte auch nach zwölf Tagen noch das Gefühl, dass die Katastrophe erst gestern war. So sichtbar waren die Folgen noch. Ich glaube die Menschen dort sind noch weit von Normalität entfernt.

Zwischen Ahrtal und Valencia: Ist die Katastrophe nicht inzwischen der neue Normalzustand? Lässt sich das noch aufhalten?

di Bari: Das ist eine gute Frage. Wir sind eine Organisation, In der Seenotrettung ist Krise schon die Normalität. In einem System, dass ganz große Probleme hat, versuchen wir es, ein wenig besser zu machen. Da ist die Verbindung zwischen den Themen Klima und Flucht. Menschen fliehen von ihren Kontinenten wegen des Klimas – und das wird noch deutlich schlimmer werden. Deshalb ist es letzten Endes für mich immer wichtig, die politische Dimension zu betonen.

Sie waren vier Tage vor Ort. Was ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

di Bari: Tatsächlich ist mir die Menschlichkeit dann doch sehr im Gedächtnis geblieben. An einem Tag kam die Nachbarin eines zerstörten Ladens zu uns und hat uns Kuchen gebracht – und das obwohl sie von der Katastrophe unmittelbar betroffen war. Wir sprechen in unseren Debatten häufig über Solidarität. Mit diesem Projekt in Valencia haben wir diesen Wert sehr konkret gelebt. Bei all den Krisen und Katastrophen gibt mir das schon Hoffnung.