Missbrauchter rüttelt Dorfbewohner auf: Eslarn stimmt über Georg-Zimmermann-Straße ab

Von Christian Eckl · 16. November 2024 um 05:00

Das, was Manuel Druminski getan hat, ist mutig. Der Musiker hat über sein Martyrium gesprochen. Er stellte sich am vergangenen Dienstagabend in einem Gasthaus in Eslarn (Landkreis Neustadt an der Waldnaab) vor Zuhörer, die gekommen waren, weil bald eine Abstimmung ansteht. Die Georg-Zimmermann-Straße ist nämlich nach einem Täter benannt.

Die Eslarner wollen die Entscheidung ihres Gemeinderates rückgängig machen, die Georg-Zimmermann-Straße umzubenennen. Zimmermann war Musiker, Priester, Missbrauchstäter. Doch am 24. November könnte eine Mehrheit dafür stimmen, dass weiterhin eine Straße nach dem Täter benannt ist.

„Ich bin nicht von Zimmermann missbraucht worden“, sagt Druminski im Redaktionsgespräch. „Mein Täter hieß anders. Aber er hat mich als Achtjähriger vergewaltigt. Und ich glaube, die Menschen wissen nicht, was eine Vergewaltigung eigentlich bedeutet – vor allem die eines Kindes.“

Gremium setzt sich für Umbenennung ein

Druminski ist einer der beiden Sprecher des Betroffenenbeirats im Bistum Regensburg. Das Gremium hat sich dafür eingesetzt, dass die Straße umbenannt wird. Josefa Schalk, ebenfalls Mitglied im Betroffenenbeirat, war ebenso anwesend wie Richard Nusser. Der Lehrer, ebenfalls ein Missbrauchsopfer, sagt im Gespräch: „Drei Betroffene haben sich gemeldet, die von Zimmermann missbraucht wurden.“

Doch die Zahl der Opfer ist höher, mindestens weitere fünf seien bekannt im Bistum. „Auch als Zimmermann eine Haftstrafe abgesessen hat, ging es danach weiter.“ Der Priester wurde 1959 Nachfolger von Friedrich Zeitler, ebenfalls ein Missbrauchstäter, der Jungen sexuell missbrauchte, als Direktor des Internats der Domspatzen. Neun Monate später entfernte man ihn. 1962 gründete Zimmermann die Sing- und Musikschule in Eslarn. Während seines Dienstes als Diözesanmusikdirektor im Bistum zwischen 1964 und 1969 missbrauchte er Kinder und wurde zu einer Haftstrafe von 20 Monaten verurteilt.

Widerstand regte sich bei den Anwohnern

Die Eslarner hadern mit der Straße. Bereits 2011 wurde ein Antrag eines Opfers auf Umbenennung gestellt, die Abstimmung aber vertagt. Im Mai 2024 fand sich schließlich eine Mehrheit im Gemeinderat für eine Umbenennung. Doch da regte sich Widerstand bei Anwohnern. 684 der 2000 Eslarner unterschrieben für ein Ratsbegehren. Das steht bevor.

Ein Eslarner Ehepaar, das für die Umbenennung votiert, hatte am Dienstag dieser Woche zur Veranstaltung geladen. Etwa 50 Personen kamen in die Gaststätte. Als Druminski schildert, was ihm geschehen ist in der Vorschule der Domspatzen in Pielenhofen, ist es mucksmäuschenstill im Raum. Man würde eine Stecknadel fallen hören. Druminski beschreibt Dinge, die man nicht hören möchte. Er beschreibt, wie es sich körperlich anfühlt, wenn ein bulliger Typ, wie der Missbrauchspriester es war, einen Achtjährigen missbraucht.

Verlesen wird auch der Brief eines Opfers, das bis heute in Eslarn wohnt, von Zimmermann missbraucht wurde – aber aus Angst vor Ächtung der Familie anonym zitiert wird. Der Brief schildert, was Zimmermann dem Kind von damals und dem älteren Mann von heute angetan hat. Auch Gemeinderäte, die damals für die Benennung der Straße nach dem Musiker und Priester gestimmt hatten, sind an diesem Abend dabei – sie bereuen ihr Votum von damals zutiefst. Druminski sagt aber, dass er den Gegnern einer Umbenennung die Hand reichen will.

Was, wenn Mehrheit Umbenennung ablehnt?

Ja, man habe sich auch überlegt, was geschieht, wenn eine Mehrheit demokratisch dafür stimmen würde, dass eine Straße in Eslarn weiterhin nach einem Missbrauchstäter benannt würde. „Man muss das einerseits akzeptieren, das ist Demokratie“, sagt Nusser. Druminski sagt: „Man müsste sich ansehen, wie viele Menschen für eine Umbenennung gestimmt haben. Und dort weiter machen.“ Vielleicht ändere sich die Mehrheit zu einem späteren Zeitpunkt noch.

Doch der ehemalige Domspatz sagt etwas, das eine Brücke bauen könnte. „Irgendwie habe ich eine Verbindung zu meinem Täter. Er spielt eine Rolle in meinem Leben.“ Druminski liebt die Musik, er sieht, dass er durch seinen Täter auch die Liebe zur Musik lernte. „Wenn Menschen sich an Zimmermann erinnern, dann erinnern sie sich auch daran, was er für die Musik in der Gegend geleistet hat.“ Daran, das könne er sich vorstellen, könnte man anknüpfen. „Und dort tätig werden, wo diese Strukturen bis heute existieren.“

Dass das Thema beendet wäre, wenn der Straßenname erhalten bliebe, das können sich weder Druminski, noch Nusser vorstellen. „In ein bis zwei Jahren kommt das Gutachten über die Missbrauchsfälle im Bistum“, sagt Nusser. „Da wird auch Zimmermann ein Thema sein“ – und viele würden sich dann die Frage stellen, „wieso dieses Geschwür noch im Ort ist“. Diese Fragen müssten dann die Eslarner beantworten.

Als der Brief eines Opfers verlesen wurde, herrschte Stille im Raum

Bei der Veranstaltung in Eslarn wurde – anonym, weil er Ausgrenzung befürchtet – der Brief eines Eslarners verlesen, der von Georg Zimmermann missbraucht wurde. Wörtlich heißt es darin: „Als Kind von sehr gläubigen, katholischen und gutbürgerlichen Eltern durfte ich als erster in unserer Verwandtschaft auf das Gymnasium übertreten. So kam ich an das humanistische Gymnasium und das Bischöfliche Knabenseminar in Weiden (...). Im neuen Schuljahr 1972/73 kam Georg Zimmermann als Musikpräfekt zu uns ans Seminar. (...) Im Einzelunterricht (Schlagzeug) näherte er sich mir immer mehr körperlich an, was mir sehr zuwider war. Er zerrte mich dazu auf seinen Schoß (...) Die Aufdringlichkeit von Zimmermann nahm immer mehr zu. Streicheln, Berührungen, Küsse usw. Schließlich missbrauchte er mich schwer unter Gewaltanwendung. Es ekelte mich, mein Leben geriet durcheinander. Ich schämte mich. (...) Ich war 13 Jahre alt. (...) Ich weiß von Kameraden, die unter ganz ähnlichen Vorfällen mit Zimmermann leiden. Sie leiden und schämen sich. In unserer kleinen ländlichen Welt schämt man sich, wenn man von einem Geistlichen missbraucht wurde. Man wird von der Gesellschaft geächtet, als Nestbeschmutzer verurteilt, die ganze Familie dazu.

Im 60. Lebensjahr konnte ich das erstmals aussprechen, worunter ich jahrzehntelang gelitten hatte, was mein Leben bestimmt hatte.

In Eslarn gibt es die Georg-Zimmermann-Straße. (...) Bitte nehmen Sie diese Schilder ab! Beseitigen Sie dieses himmelschreiende Unrecht! Bitte geben Sie damit den Opfern des Priesters Georg Zimmermann ihre Würde zurück.“

Richard Nusser, zweiter Sprecher im Betroffenenbeirat
Manuel Druminski, Sprecher des Betroffenenbeirats