Aus dem Trauma wird ein Tanz: Regensburg stemmt sich mit Kunst und Liebe gegen Aids

Von Christian Eckl · 17. November 2024 um 14:03

Die Aidstanzgala fasziniert und berührt seit 21 Jahren. Nur das Velodrom fehlt schmerzlich, wie auch Intendant Sebastian Ritschel aus dem fernen New York kommentiert. Das Publikum, in Regensburg traditionell sehr tanzverliebt, sah internationale Produktionen mit Weltniveau.

Vielleicht ist es eine Binse, aber kaum eine andere Veranstaltung im kulturellen Jahreslauf der Oberpfalz vereint wie die Aidstanzgala diese drei: Den guten Zweck, also den Gedanken der Gemeinnützigkeit und der Charity. Daraus folgt natürlich das gesellschaftliche Großereignis, eine Art Treffen der Gutwilligen und Gutgekleideten. Zuletzt: Wo so viel internationale Kunst auf einer Bühne zusammen kommt, da rührt es einen – zum Niederknien sind die neun (ursprünglich zehn, es ist Grippesaison) Tanzensembles und Gruppen, die das Theater am Samstagabend erneut zum Strahlen bringen.

Das Publikum ist jedes Jahr begeistert von der Aidstanzgala – ausverkauftes Haus, und das schon im 21. Jahr. Heuer gab es Änderungen, die das Programm strafften.

Gelungen die Moderation von Petra Stikel. Die Journalistin integrierte Video-Stücke ihrer Studenten von der TH Deggendorf. Doch auch, was schmerzlich fehlte, wurde schnell klar: Die Spielstätte beispielsweise, in die das Format Tanz noch viel besser passt als in das klassizistische, wenngleich wunderschöne Stadttheater. „Jetzt gerade befinde ich mich im Velodrom und die meisten von Ihnen werden sich wahrscheinlich an großartige, grandiose Abende mit internationalen Stars der Tanzszene erinnern“, sagte Intendant Sebastian Ritschel. Eine Schalte nach New York, in der Ritschel gerade nach neuen Stücken für das Theater Regensburg sucht, scheiterte am US-WLan. Das Velodrom, es fehlt – nächstes Jahr fehlen wird auch Professor Bernd Salzberger. Der Infektiologe übergab das Zepter der Schirmherrschaft an Franz Audebert, der eine der größten, auf die Behandlung von HIV spezialisierten Praxen in der Oberpfalz betreibt.

„Das Stigma bleibt“

Salzberger erinnerte daran, was den Kampf gegen Aids bis heute notwendig macht, trotz guter Therapien und dem Erfolg der Medizin, die – obwohl aufwendig – eine Hand voll Menschen schon gänzlich geheilt hat von dem unseligen Virus. „Wenn ich in der Bäckerei gefragt werde, wie es mir heute geht, kann ich nicht sagen, heute nicht so gut wegen meines Aids’.“

Berührend auch die Worte von Wolfgang Dorsch, der seit vielen Jahren für die Aidsberatungsstelle des BRK auf der Bühne der Gala den Betroffenen eine Stimme gibt: „Dieser Abend steht dafür, dass Menschen ihre sexuelle Identität selbstbestimmt leben können.“ Dorsch betonte, dass wir in Zeiten leben würden, in denen die Toleranz selbst unter Druck gerät. „Wir haben politische Veränderungen erlebt, die ganz viel mit Fremdenfeindlichkeit und Homophobie verbunden sind.“ Regensburg zeige seine weltoffene, tolerante Seite.

Die tänzerischen Darbietungen enttäuschten das Publikum nicht. Minutenlanger Applaus war den neun Kompanien sicher. Ein Wiedersehen gab es mit Olaf Schmidt, der zur Musik von Camille Saint-Saëns einen Schwan tanzte und seine eigene körperliche Gebrechlichkeit persiflierte. Sein Nachfolger Wagner Moreira, Chef der Sparte Tanz am Theater Regensburg, und sein Ensemble verzauberten und eröffneten mit Moreiras Choreographie zu Franz Zenders Interpretation der „Winterreise“ von Franz Schubert. Sie schlossen mit der Choreographie von Leander Veizi zum weltberühmten „Boléro“ von Maurice Ravel. Dazwischen erlebten die Gäste der Gala die ganze Welt des Tanzes. Die Dance Company des Theaters Osnabrück schlüpfte in organisch-metallische Bodys, um die Welt der Faune und Nymphen ins Theater zu holen. In ihrer großen Virtuosität berührten Emanuela Vurro und Esaúl Llopis Castelló das Publikum.

Wunderbares Gesamtwerk

Modern Dance, der unter die Haut geht, bot auch die James Wilton Dance Company mit einer Interpretation der „Vier Jahreszeiten“ und ihrer Übersetzung in die Moderne durch Max Richter. Im Kontrast, aber technisch zum Niederknien, waren auch die japanische Tänzerin Haruka Tonooka und der Schotte Charley Austin. Der Grand Pas de deux aus „La Esmeralda“ zeigte auch jenen Gästen, die in der Welt des Tanzes nicht so bewandert sind, wo die Wurzeln für die modernen Interpretationen des Modern Dance liegen – so, als hätte man einen Jan Vermeer neben einem Gerhard Richter stehen.

Aus der Tragödie der Aids-Epidemie hat Regensburg ein Tanzevent gemacht, das seinesgleichen sucht. Respekt an die Initiatoren Jazzclub, Aidshilfe und Theater – aber auch an alle Tänzer. Chapeau!

Eine weitere grandiose Choreografie: „A shadow we become“.
Diese Gala steht für Buntheit des Lebens und Toleranz.
Neue Moderatorin, ein Abschied und ein Plädoyer für Toleranz: Petra Stikel mit Wolfgang Dorsch (li.) und Bernd Salzberger
Ebenfalls Weltklasse: Haruka Tonooka und Charley Austin mit klassischem Ballett.
Ziemlich crazy: „Songs of Love and Bones“, choreographiert von Helge Letonja.
Zur Musik von Richard Wagners Oper Tristan und Isolde tanzte das Tanztheater Pforzheim.
Weltklasse: Das Wiener Staatsballett und die Tänzerin Julia Köhler und ihr Duett-Partner Adrien Fougeres.
Bolero, choreographiert von Leander Veizi, getanzt vom Ensemble Regensburg.